500 Jahre Reformation - Eine museale Welt-Zeitreise erkundet den "Luther-Effekt"

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11.04.2017

Ausstellung "Der Luther-Effekt" in Berlin

Sie leben in allen Erdteilen: Doch die 800 Millionen Protestanten gäbe es nicht ohne die Reformation vor 500 Jahren. Daran erinnert das Deutsche Historische Museum mit der ersten nationalen Schau "Der Luther-Effekt".

Das Museum im Berliner Martin-Gropius-Bau verspricht eine "Weltzeitreise" durch fünf Jahrhunderte und vier Kontinente. Ein halbes Jahrtausend, nachdem Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen - der Überlieferung nach - an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, fragt das Deutsche Historische Museum (DHM) nach der Wirkungsgeschichte des Protestantismus: Welche Spuren hinterließ er in anderen Konfessionen und Religionen? Wie haben sich Menschen verschiedenster Kulturen die evangelische Lehre angeeignet, sie geformt und gelebt? Welche Konflikte gab es?

Deutschland, Schweden, die Vereinigten Staaten von Amerika, Korea und Tansania - das sind die Stationen, die die Ausstellung beispielhaft beleuchtet. Das Fazit freilich steht längst fest: Die Reformation hat die moderne Kultur - Theologie, Recht, Wirtschaftsethik und Geistesgeschichte - vielerorts tief geprägt. Vom sachsen-anhaltinischen Städtchen Wittenberg reicht ihr langer Arm noch heute in alle Teile der Welt.

500 Jahre Reformation

Der Reformator Martin Luther als Briefmarken-Kopf

Auf gut 3000 Quadratmetern breitet das Museum seine Luther-Schau aus, mit mehr als 500 Exponaten, darunter seltene Kunstwerke ebenso wie historische Alltagsgegenstände. Auch medial stellen die Ausstellungsmacher Luthers Thesenanschlag von 1517 in den Schatten: Von all den flimmernden Bildschirmen, tönenden Lautsprechern und rotierenden Projektionen, die das Dargestellte erhellen, konnte der Reformator seinerzeit nur träumen. Doch die Kraft seiner Ideen war riesig.

Ein Land, ein Glaube - die lutherische Großmacht Schweden

Seit dem 16. Jahrhundert führen viele Reformwege zu einer Erneuerung von Kirche und Leben, einen davon beschreitet Luther. Nie zuvor haben sich derart viele Menschen an einem Glaubensstreit beteiligt. Doch verläuft die Frontlinie nicht nur zwischen Reformern und Reformgegnern. Auch untereinander wird um den rechten Weg gestritten: Lutheraner, Reformierte, Täufer, Anglikaner, sie alle dringen auf Abgrenzung. Die verschiedenen Reformwege formieren sich zu Konfessionen.

Unter dem Eindruck der lutherischen Reformation beschließt Schwedens König Gustav Wasa 1527 die Abkehr von Rom. Reformatorische Ideen verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Schwedischen Reich. Schließlich legen die Synode und der Reichstag von Uppsala 1593 das lutherische Bekenntnis als verpflichtend fest. Schweden bekommt eine lutherische Staatskirche. Als Schutzmacht des Luthertums ziehen die schwedischen Heere alsbald auf die Schlachtfelder Europas - und unterstreichen die Großmachtstellung Schwedens.

Die Vereinigten Staaten von Amerika - das Gelobte Land?

Die Einwanderung verschiedenster Gruppen, Kirchen und Konfessionen bringt den Protestantismus in die britischen Kolonien Nordamerikas, die späteren Vereinigten Staaten. Dort hat er bis heute viele Gesichter: Eine Staatskirche gibt es nicht. Zahllose Kirchen ringen um Gläubige. Charismatische Erweckungsprediger geben dem Protestantismus eine Stimme. Neue Konfessionen und zahlreiche soziale Reformbewegungen entstehen, darunter die sogenannten Schwarzen Kirchen der Afroamerikaner. "Der Protestantismus trägt erheblich zur Entstehung der amerikanischen Nation und ihres Selbstverständnisses bei", lautet denn auch die These der Ausstellungsmacher, "er prägt die Auffassung von Amerika als dem Gelobten Land und von den Amerikanern als dem Erwählten Volk."

Glaube

Viele Wege führen nach Rom

Martin Luther (vorne in der Mitte) im Kreis von Reformatoren - dieses gut 100 Jahre nach der Reformation entstandene Gemälde (um 1625/1650) zeigt die Erneuerer von Kirche und Leben im Wettstreit der Gelehrten. Weltliche Herrscher beäugen im Vordergrund das Geschehen gespannt. Das Bild stellt die Verflechtung von Religion und Politik dar.

Glaube

Ein Kind reformiert die englische Staatskirche

Eduard VI. (1537-1553) war der erste englische König mit einer protestantischen Erziehung. Sein Vater, Heinrich VIII., hatte die englische Kirche von Rom gelöst. Eduard ließ nun Gottesdienste in englischer Sprache abhalten, schaffte den Zölibat für Priester ab und führte das "Book of Common Prayer", das Allgemeine Gebetbuch ein. Eduard starb mit 15. Im Bild: "König Eduard VI. und der Papst".

Glaube

Die zehn Gebote auf koreanisch

Korea und später dann Südkorea gilt als Boomland des Protestantismus. Ein Fünftel der Bevölkerung folgt der evangelischen Lehre, was Rekord ist in Ostasien. Wichtigstes Mittel der Mission ist die Verwendung der koreanischen Alphabetschrift Han'gül für Bibelübersetzungen.

Glaube

Das protestantische Imperium

"Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf" heißt dieses wandfüllende Gemälde von Emanuel Leutze, das heute im Washingtoner Kapitol hängt. Es zeigt eine Szene mit Siedlern bei der Überquerung der Rocky Mountains, unten ein Panoramabild der noch unberührten Bucht von San Francisco. Mit den Siedlern breitete sich der protestantische Glaube in den heutigen USA aus.

Glaube

Die wahren Lutheraner

Morgengebet in der Lutheranischen Kariakoo Kirche in Daressalam, Tansania. Die evangelisch-lutherische Kirche des ostafrikanischen Landes ist die größte lutherische Kirche des Kontinents. Ihre charismatischen Führer sehen sich als Vertreter der ursprünglichen lutherischen Ideale.

Glaube

Von Böhmen bis nach Tansania

In Afrika spielte die Herrnhuter Brüdergemeine, eine aus der böhmischen Reformation stammende christliche Glaubensbewegung, die an keine Konfession gebunden ist, eine große Rolle bei der Ausbreitung des Protestantismus. Ihre charismatischen Prediger missionierten von Tansania aus den gesamten afrikanischen Kontinent. Johann Valentin Haidt hielt diesen Luther-Effekt in seinem Bild von 1748 fest.

Glaube

Dis sint de Sitten von Lappland

Auch ein Luther-Effekt: Bis in die abgelegensten Winkel Nordeuropas drang der Protestantismus vor. Die Kirche veränderte das Leben der dort ansässigen Samen schlagartig: Ihre ursprünglichen Riten und Gebräuche mussten Christianisierung und Kirchgang weichen. Der unbekannte Maler dieses Bildes bannte seine Eindrücke vor 1668 in eine Sommer- und eine Winterlandschaft.

Glaube

Die Gottwerdung des Schwedenkönigs

Als König von Schweden griff Gustav II. Adolf in den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland ein und verhinderte so einen Sieg des kaiserlichen Lagers der Habsburger. Indirekt sicherte er damit die Existenz des deutschen Protestantismus. Der Maler dieses Gemäldes verherrlichte die Tat um 1650 in seinem Bild "Apotheose", was soviel bedeutet wie "Verklärung".

Glaube

Der Eid auf Wolle und Seide

Dieser wandfüllende, aus Seide und Wolle gestickte Teppich zeigt die Verflechtung von lutherischem Glauben und Staat. Der Schwedische Reichstag nahm 1686 ein neues Kirchgesetz an, das die Einheit von Kirche und Staat besiegelte. Das Luthertum wurde Staatskirche. Der Wandteppich zeigt die Repräsentanten der vier Stände, die einen Eid auf Bibel und Gesetzbuch leisten.

Korea - Boomland des Protestantismus

Bis heute ist Südkorea das einzige ostasiatische Land mit einem großen protestantischen Bevölkerungsanteil. Fast 30 Prozent der Südkoreaner bezeichnen sich als Christen, davon sind rund zwei Drittel Protestanten und damit eine stark wachsende Glaubensgruppe. Dabei hatten sich protestantische Missionare überhaupt erst Ende des 19. Jahrhunderts in Korea angesiedelt.

Tansania - Mission und Selbstbestimmung

Deutsches Historisches Museum, Ausstellung

Abzeichen der Geusen (niederländische Freiheitskämpfer) "Lieber Türke als Papist", um 1574

Auch im ostafrikanischen Tansania ist der Protestantismus, wie die Ausstellung zeigt, auf dem Vormarsch. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) bildet mit über sechs Millionen Mitgliedern und 24 Diözesen die größte lutherische Kirche Afrikas und die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt. Ihre Ursprünge gehen auf deutsche, skandinavische und amerikanische Missionsgesellschaften zurück, die im Gebiet der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda sowie ein Teil des heutigen Mosambik) tätig waren.

Daneben spielten die Herrnhuter Brüdergemeine, die anglikanische Kirche und charismatische Bewegungen eine bedeutende Rolle bei der Ausbreitung des Protestantismus. Heute beschränkt sich deren Einfluss längst nicht mehr auf das eigene Land. Missionare aus Tansania arbeiten auf dem gesamten Kontinent. Gegenüber den Kirchen in Europa sehen sie sich als Vertreter der ursprünglichen lutherischen Ideale.

Das und viel mehr gibt es zu entdecken. "Der Luther-Effekt" - die Schau des Deutschen Historischen Museums ist eine der drei großen Nationalen Sonderausstellungen zum 500. Reformationsjubiläum 2017. Weitere Ausstellungsorte im Jubiläumsjahr sind neben Berlin die Wartburg in Eisenach und die Lutherstadt Wittenberg.

Themenseiten

TV-Thementag: 500 Jahre Reformation. Alles rund um Martin Luther und die Reformation am 31.10.2017 einen ganzen Tag lang bei DW Deutsch und in unserem Online-Special auf dw.com/kultur. Beginn 6 Uhr UTC ( 7 Uhr MEZ). Livestream: http://www.dw.com/de/media-center/live-tv/s-100817 

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