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Afrikas Bauern brauchen eine Lobby

Ludger Schadomsky22. April 2013

In Afrika kommt es immer wieder zu Hungersnöten. Dabei könnten die 900 Millionen Bauern den Kontinent satt machen - und auch andere Teile der Welt versorgen. Dazu allerdings brauchen sie die Unterstützung der Politik.

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Obstbauer Mando Adayo nahe Ouagadougou, Burkina Faso (Foto: DW/ Peter Hille)
Bild: DW/P. Hille

Die gute Nachricht zuerst: Afrikanische Regierungen, Geberländer und die Vereinten Nationen haben Afrikas Landwirtschaft wiederentdeckt. Beinahe zwei Jahrzehnte lang haben sie auf die Industrialisierung der Städte gesetzt. Die Landwirtschaft war Nebensache.

Aufgewacht sind die Politiker erst durch die Verwerfungen auf den Rohstoffmärkten, einhergehend mit schweren Nahrungsmittelkrisen ab 2008 und anschließenden Hungerrevolten. Als Folge werden nun auch im deutschen Entwicklungsministerium wieder Strategiepapiere für eine Entwicklungspolitik entworfen, die die Landwirtschaft in den Fokus rückt. In Afrika sind nach wie vor rund 900 Millionen Menschen, also 90 Prozent der Gesamtbevölkerung, in der Landwirtschaft beschäftigt. Auch wenn der Vergleich etwas hinken mag: Wer in Deutschland käme auf die absurde Idee, die kleinen und mittelständischen Handwerksbetriebe lahmzulegen, die Millionen Arbeitsplätze sichern und die Wirtschaft dieses Landes prägen?

Wozu ist Afrikas Landwirtschaft fähig?

Marktfrau mit Ware in Ouagadougou, Burkina Faso (Foto: DW/ Peter Hille)
Lebensmittelmarkt in Burkina FasoBild: DW/P. Hille

Landwirtschaft bedeutet Leben. Jeder achte Mensch auf der Welt hat nicht genug zu essen, die meisten Hungernden leben in Südasien und in Afrika südlich der Sahara. Diese Zahlen sind alarmierend. Im Multimedia-Special "Kann Afrika den Hunger stillen?" widmet sich die DW den Chancen und Herausforderungen der afrikanischen Landwirtschaft. Kann Afrika den Hunger auf dem eigenen Kontinent und darüber hinaus irgendwann den Hunger einer rasant wachsenden Welt befriedigen? Oder anders: Kann Afrika mittelfristig sich selbst ernähren und dann sogar Nahrungsmittel-Exporteur werden?
Unsere Recherchen in Ost- und Westafrika und in Chemielaboren in Deutschland legen folgende Antwort nahe: Ja, wenn Politiker vor Ort und Geber hier an einem Strang ziehen.

Keine Anreize für Investitionen

Und hierauf folgt die schlechte Nachricht. In vielen Ländern Afrikas ist das Bekenntnis zum Bauern nicht mehr als ein Lippen-Bekenntnis. Es fehlt an Rahmenbedingungen für Bauern, die es ihnen ermöglichen, nicht nur den Eigenbedarf zu decken, sondern Überschüsse zu erwirtschaften. Beispiel Äthiopien: Dort leben 85 Prozent der knapp 90 Millionen Einwohner von der Landwirtschaft. Aber die autoritäre Regierung des Landes verbietet in marxistischer Nostalgie nach wie vor privaten Landbesitz. Selbst Pachtverträge sind unsicher gestaltet. Damit aber haben Bauern wenig Anreiz, in die kleine Parzelle zu investieren, etwa Erosions-Schutz zu betreiben. Stattdessen halten sie teure Saatgutpakete mit Pestiziden und Herbiziden, die die kargen Böden auslaugen, in einem Teufelskreis der Armut gefangen: Fällt die Ernte aus, steigt die Verschuldung.
Nach wie vor gewähren afrikanische Geschäftsbanken Bauern keine Kredite. Sie können also den antiquierten Holzpflug nicht einfach durch moderne Geräte ersetzen, die den Ertrag um ein Vielfaches steigern würden. Adäquater Zugang zu Absatzmärkten bleibt vielen Farmern auch im 21. Jahrhundert verwehrt: Straßen zum nächstgelegenen Markt sind in der Regenzeit unpassierbar. Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Frischware eines afrikanischen Farmers auf dem Weg zum Markt verrotten - eine völlig inakzeptable Zahl. Und die Liste dieser schlechten Rahmenbedingungen ist noch länger.

Erntearbeiter mit einem Trecker sprüht ein Kohlfeld in Südafrika ein (Foto: picture alliance)
Kohlplantage in SüdafrikaBild: picture alliance/WILDLIFE

Industrialisierung in Afrika geht nicht ohne Landwirtschaft

Wie die Recherchen der DW-Reporter zeigen, braucht es wenig, um die Produktivität der Bauern und damit die Ernteerträge erheblich zu erhöhen. Tröpfchenbewässerung, Fruchtrotation, Saatgutveredlung und biologische Anbaumethoden sind nur einige Stichwörter.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, Industrialisierung gegen Landwirtschaft auszuspielen. Es gilt vielmehr, das eine zu tun ohne das andere zu lassen. Scholle und Schlote, Boden und Bauwirtschaft. Afrikas Industrialisierung muss energisch vorangetrieben werden, damit die Veredelung ivorischer Kakaobohnen bald in Abidjan und nicht länger in Hamburg stattfindet. Gleichzeitig müssen sich afrikanische Regierungen und ihre Geber auf der gerne beschworenen "Augenhöhe" begegnen, um eine Partnerschaft für Afrikas Nahrungsmittelproduktivität zu schließen.

Kakaobauern mit ihrer Ernte produktion in der Elfenbeinküste (Foto:
Kakaoernte in der ElfenbeinküsteBild: picture alliance/Photoshot

Die Chancen dafür stehen gut. Nach dem Aufstand Hungernder in Tunesien 2011, der erst die Politiker aus dem Amt fegte und dann den Wind des Wandels durch Nordafrika bis in die arabische Welt trug, sind Afrikas Entscheider gewarnt. Hunger ist ein politisches Werkzeug der Massen geworden. Und Europas Politiker sehen in den Flüchtlingslagern auf Lampedusa und Malta, welche Verzweifelung Hunger in Afrika auslöst. Die Zeit scheint reif für einen “New Deal“ für Afrikas Landwirtschaft.