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Kindheitserinnerungen

12. November 2009

Heute leben sie in Berlin, doch vor 20 Jahren haben sie als kleine Jungen die Wende in drei verschiedenen Ländern erlebt: Marcus in der DDR, Przemyslaw in Polen und Zoltán in Rumänien.

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Kinder spielen an der Mauer (Foto: ullstein - Lehnartz)
Wie haben die Kinder 1989 den Fall der Mauer erlebt? (Archivbild)Bild: ullstein - Lehnartz

Er war sechs Jahre alt, als die Mauer gefallen ist. Marcus Schneider wohnte damals in Ostberlin, neben der Bernauer Straße. Dieser Grenzübergang war einer der ersten, über den vor 20 Jahren die Menschen in den Westen geströmt sind. Marcus lag zu diesem Zeitpunkt müde im Bett.

Das erste italienische Eis in Westberlin

Ein junger Mann steht vor einem Stück der Berliner Mauer (Foto: Stephan Scheuer)
Marcus Schneider hat die Wende als kleiner Junge verschlafenBild: DW

"Meine Mutter hatte über eine Freundin erfahren, dass an der Bernauer Straße eine Menschenmenge ist. Sie ist zu mir ins Zimmer gestürzt", erinnert sich Marcus. "Ich habe aber schon geschlafen. Sie sagte: 'Die Mauer geht auf. Willst du nicht mitkommen?' Aber ich sagte nur: 'Nein, lass mich schlafen.'" Marcus lacht, wenn er daran denkt. Er merkte erst am nächsten Morgen, was damals passiert war.

Alleine am Grenzübergang Bernauer Straße haben in der Nacht geschätzte 20.000 Menschen die Grenze überquert. Gemeinsam mit seiner Mutter besuchte Marcus am nächsten Tag das erste Mal Westberlin. Seine Mutter holte das Begrüßungsgeld von 100 Westmark ab und Marcus konnte sich endlich einen Wunsch erfüllen: italienisches Eis! In der DDR gab es damals nur drei Sorten: Schokolade, Vanille und Fruchteis. "Das italienische Eis hat mir sehr gut geschmeckt", weiß Marcus noch heute. Alles habe in Westberlin anders ausgesehen, sagt er weiter. "Aber ich habe mich schnell dran gewöhnt."

1989 in Rumänien und Polen

Blick auf den Todesstreifen und die Mauer in Berlin (Foto: Stephan Scheuer/DW)
Der Todesstreifen an der Bernauer Straße - 20 Jahre danachBild: DW

In Polen, wo die Gewerkschaft Solidarnosc kurz vorher in das Abgeordnetenhaus gewählt wurde, hat ein anderer Junge die Geschehnisse in Deutschland gemeinsam mit seinen Eltern verfolgt. Przemyslaw Zebala war damals sechs Jahre alt. "Ich kann mich daran erinnern, dass am Abend alle vor dem Fernseher saßen und die Nachrichten geguckt haben", sagt er.

Im gesamten Ostblock gerieten damals die Regime unter Druck. Einen Monat nach dem Fall der Mauer ging in Rumänien die Ära des Diktators Ceausescus zu Ende: Der Führer der kommunistischen Partei wurde gemeinsam mit seiner Frau hingerichtet. Zuvor hatte es große Kritik an seiner Führung und der Misswirtschaft in Rumänien gegeben.

Ein junger Mann mit schwarzer Wollmütze (Foto: Stephan Scheuer/DW)
Zoltán Ferenczi lebt heute in BerlinBild: DW

Zoltán Ferenczi war damals noch ein kleiner Junge. Der damals 4-Jährige war mit seinen Eltern in der Stadt unterwegs, kurz nachdem der Tod des Diktators bekannt wurde. Überall im Land kam es zu Ausschreitungen gegen das alte Regime. "Ich erinnere mich daran, dass wir auf der Straße waren. In der Stadtmitte gab es ein großes Gebäude, aus dem Leute Bücher geschmissen haben, die angezündet wurden. Das war schon ein schreckenerregendes Erlebnis für mich", erinnert er sich.

Heute, 20 Jahre später, leben alle drei in Berlin - und haben ihre ganz persönlichen Erinnerungen an den Mauerfall und die Wende.

Autor: Stephan Scheuer
Redaktion: Julia Kuckelkorn