Deutschland

Amok-Planer: "Macht durch Gewalt"

Amokläufer hinterlassen Tote, Trauer und die quälende Frage: Warum? Kai entschied sich in letzter Minute gegen die Tötung vieler Menschen. Andrea Grunau hat ihn im Gefängnis getroffen.

Ein junger Mann steht vor einem Feld, die Sonne strahlt in seinem Rücken (Foto: DW/Andrea Grunau)

Die Tür zum offenen Vollzug ist verschlossen. Ich muss klingeln und meinen Personalausweis abgeben, um eingelassen zu werden in das Nebengebäude der Justizvollzugsanstalt (JVA). Drinnen können sich die Häftlinge frei bewegen, tagsüber dürfen sie raus zur Schule oder Arbeit. Auf der Treppe kommt mir ein schlanker junger Mann entgegen; ich soll ihn Kai nennen. Kai lächelt, gibt mir die Hand: "Ich bringe Sie ins Büro von Frau Mohr." Dieser freundliche Mensch wollte mit 16 Jahren viele Menschen töten.

Im Raum der Gefängnis-Psychologin Heike Mohr duftet es fruchtig, eine Schale mit Gebäck steht bereit. Kai setzt sich auf einen Korbstuhl. Wegen versuchten Mordes wurde er zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Kai hat viel darüber nachgedacht, wie es dazu kam, dass er eine Gewalttat plante.

Sprengsätze im Kinderzimmer

Rückblick: Ein Abend im Januar - Kai ruft die Polizei an und meldet eine Ruhestörung. Im Dunkeln lauert er den Polizisten auf, greift sie an, mit einer Armbrust und einer Machete, damit sie ihn erschießen: "Suicide by cop" - Selbsttötung durch die Polizei, er hat darüber gelesen. Doch der Pfeil aus der Armbrust bleibt in einer stichfesten Weste stecken, die Machete streift sein Opfer nur. Die Polizisten werden nur leicht verletzt und: Sie reagieren besonnen. Mit Taschenlampen blenden sie den Angreifer, schreien ihn an: "Auf den Boden!" Kai ergibt sich.

Schnell wird klar - der Junge hatte noch andere Pläne: In seinem Kinderzimmer liegen Sprengsätze. Die Polizei räumt das Mehrfamilienhaus, bis alles entschärft ist. "Nagelbomben und Molotowcocktails" baute er nach Internet-Anleitung, berichtet Kai: "Abends, wenn meine Mutter weg war, habe ich vor dem Fernseher gesessen und aus Silvesterböllern das Schwarzpulver rausgepult."

Die Ermittler rekonstruieren gelöschte Dateien auf seinem Computer. Notizen für einen Amoklauf. Klar wird: Der Gymnasiast wollte viele Menschen töten, mal in der Schule, mal in der Fußgängerzone, zuletzt in einem Café. "Ich habe die Pläne tausendmal geändert", sagt Kai. Im Prozess gegen ihn liest man die Notizen vor, stundenlang. Schwer zu ertragen, sagt der heute 19-Jährige, er habe "Augen und Ohren zugemacht".

Ein junger Mann sitzt auf einer Mauer (Foto: DW/Andrea Grunau)

Kai hat lange über seine Tat und die Amokpläne nachgedacht, heute will er andere vor Gewalttaten bewahren

Anders sein, verspottet werden

In der JVA tragen die meisten Gefangenen die Haare ganz kurz, stehen auf Rap und dicke Muskelpakete, Kai nicht. Anders sein - mittlerweile hält er das gut aus: "Schon der Alltag im Gefängnis ist Therapie: die Gespräche mit den Mitgefangenen. Die fragen mich, warum ich stottere, hören zu, wenn ich erkläre. Dann ist das erledigt."

Stottern und verspottet werden, so kennt es Kai von klein auf. Im Urlaub an der Nordsee kippte ihm ein Junge einen Eimer Schlamm ins Gesicht, in der Grundschule äfften ihn andere Kinder nach. Mit Worten konnte er sich nicht wehren, Gewalt sei keine Option gewesen. Noch schlimmer wurde es, als ihn in der weiterführenden Schule auch Lehrer als Stotterer verspotteten.

Während Kai sich in der Realschule noch wohl fühlte, brachen seine Leistungen auf einem großen Wirtschaftsgymnasium ein. Der Junge war gestresst: durch die lange Fahrt zur Schule, eine tägliche Online-Stottertherapie, die vielen Hausaufgaben und das strikte Leistungsdenken. In diesem System fühlte er sich "wie ein Nichts".

Egoshooter, Schlafmangel, Verfolgungswahn

Wichtige "Anker" in seinem Leben wie das Bogenschießen mit einer engagierten Lehrerin fielen weg. Kai fühlte sich unverstanden. Er zog sich immer mehr zurück. Seine alleinerziehende Mutter kam spät von der Arbeit, sein Vater war weg, seitdem er denken kann. Kai saß fast nur noch vor dem PC, surfte im Internet, spielte "Egoshooter". Je schlechter er sich fühlte, desto aggressiver die Spiele, in denen er der starke Held war. Er war gespalten, sagt er heute: in einen "normalen" Kai, einen, der sich den Tod wünschte, und in einen gewaltbereiten Kai. Der übernahm immer mehr Kontrolle.

Geschlafen hat er damals kaum, erinnert er sich. Wenn er nachts den Computer ausmachte, blieben nur zwei Stunden, bis der Wecker ging, er lag im Bett, hörte Musik. Schlafforscher warnen, dass Schlafentzug zu Paranoia führen kann. Auch Kai fühlte sich verfolgt. Er ging nur noch mit Messer aus dem Haus.

Selbst Nachhilfe-Angebote von Lehrern deutete er als Angriff: Er tat doch alles, was möglich war, warum sah das keiner? Alle waren gegen ihn, davon ließ er sich nicht abbringen, sagt Kai: "Ich führte Krieg gegen mich selbst". Er wollte sterben, schnitt sich die Pulsadern auf, aber nicht tief genug, das konnte er nicht. Er verband die Wunden, erzählte keinem davon.

Zwei Hände halten das Buch mit dem Titel 'Ich bin voller Hass und das genieße ich' (Foto: DW/Andrea Grunau)

'Ich bin voller Hass - und das liebe ich' - so wie die Columbine-Attentäter habe er auch gefühlt, sagt Kai

Bevor andere ihn angreifen würden, so seine Paranoia, plante er "einen Präventivschlag". Er träumte von einem "großen Abgang mit einem Knall", so spektakulär wie möglich, wie es die Attentäter der Columbine-Highschool in den USA gemacht hatten. Psychologin Heike Mohr hat ihm in der Haft später den dokumentarischen Roman aus den Notizen der Attentäter zu lesen gegeben: "Ich bin voller Hass - und das liebe ich".

"Genau so habe ich mich gefühlt", sagt Kai. Man genieße "die Macht, die mit Hass und Gewalt einhergeht". Diese Macht sei "der Gegenpol zur Hilflosigkeit, die man empfindet". Der Schüler wollte "schlechte Menschen aus der Welt entfernen".

To-do-Liste: Liebeserklärung

Auf eine Feier in einem Café wollten viele Leute kommen "auf die ich es abgesehen hatte". Sobald sein Entschluss feststand, wurde er ruhig. Kai begann, Sprengsätze zu basteln. Im Online-Handel bestellte er Armbrust, Machete und Messer. Schusswaffen hatte er nicht, die wollte er von Polizisten erbeuten.

Auf Kais To-do-Liste vor der Tat stand der Besuch bei einem Mädchen, in das er seit Jahren verliebt war, "neben meiner Mutter die Einzige, bei der ich nie gestottert habe". Aber sie erwiderte seine Gefühle nicht und Kai hielt an seinen Amokplänen fest. Nach den Weihnachtsferien schwänzte er die Schule und konzentrierte sich auf seine Vorbereitungen.

Seine Mutter hatte Angst um Kai. Weil sie fürchtete, dass er sich etwas antun könnte, wollte sie mit ihm zu einer psychologischen Beratung. Doch Verwandte und Bekannte rieten ab: Das sei normal in der Pubertät, sie solle nicht so eine "Glucke" sein. Möchte er anderen Eltern etwas raten? Kai ist überzeugt: "Man sollte sich ein solches Gefühl nicht ausreden lassen." Das gelte für alle Bezugspersonen.

Riss im Amokplan

Kais Mutter erinnert sich an den Vorabend der Tat: Ihr Sohn war fast so kuschelig wie als kleines Kind. Sie fragte auch am nächsten Tag wieder, was mit ihm los sei: Ihr Sohn weinte. Er selbst weiß das nicht mehr, nur das: Er wollte sie loswerden und versprach ihr, sie später in der Stadt zu treffen. Später - da wollte er schon tot sein.

Die Hartnäckigkeit seiner Mutter, sagt Kai heute, habe etwas ausgelöst. Sein Amokplan brach nicht gleich ein, aber da war ein Riss. Als er allein in der Wohnung war, griff er zur Sporttasche, um die Sprengsätze einzupacken. Plötzlich sei da der Gedanke gewesen: "Das geht nicht". Moralische Grundsätze aus frühester Kindheit seien das gewesen: "Die letzte Sicherung hat gehalten, wie in einem Stromkreis."

Kai lief ratlos durch die Wohnung. Dann beschloss er, den "Amokteil" zu streichen: Nur er selbst wollte noch sterben, Polizisten sollten ihn erschießen. Durch deren Besonnenheit überlebte er: "Sie haben alles richtig gemacht." Vor Gericht hat er sich bei ihnen entschuldigt.

Im Gefängnis hat Kai eine Therapie und eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik gemacht. Mittlerweile besucht er die Abendschule, will das Abitur machen und würde gern studieren. Mathe und Physik faszinieren ihn. Abends bringe ihn meist seine Mutter mit dem Auto zurück zur JVA, berichtet Kai: "Ich habe Glück, dass ich diese Mutter habe, die so viel für mich tut."

"Ich bereue den Schaden"

Psychologie und Sozialarbeit sind neue Interessen, seit Kai in einem Präventionsprogramm mitarbeitet. Er will helfen, andere vor Gewalttaten zu bewahren. Einmal hat er Lehrer einer Förderschule beraten, die sich Sorgen um einen 12-Jährigen mit extremem Gewaltfantasien machten. Im Gespräch über den Schüler erkannte Kai eigene Motive wieder. Die Mutter des Jungen habe überall Feinde ihres Sohnes gesehen: "Sie war wie ich damals."

Bei der Prävention, bei Psychologen wie Heike Mohr oder im Gespräch mit der Deutschen Welle - Kai gewinnt ständig neue Erkenntnisse über seine Tat, sagt er. Empfindet er heute Reue? Zuerst lehnt er den Begriff ab, Schuld scheint ihm das bessere Wort. Auf dem Weg zur Abendschule kommen wir darauf zurück. "Ich bereue nur den Schaden, den ich anderen zugefügt habe", erklärt mir Kai: "Wie ich heute geworden bin, bereue ich nicht. Ich bin ja erst so geworden, weil das so gekommen ist. Natürlich sollte dafür nicht so etwas Extremes passieren."

Eine externe Gutachterin hat lange Gespräche mit Kai geführt und seine vorzeitige Entlassung befürwortet. Der Richter sah das genauso. Seit Anfang März ist Kai wieder frei.

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