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Amokexperte: Die Warnsignale sehen lernen

In der Wohnung des Attentäters von München hat die Polizei das Buch "Amok im Kopf" des US-Psychologen Peter Langman gefunden. Es beschäftigt sich vor allem mit Amokläufen in Schulen. Wir sprachen mit dem Autor.

Buchcover Amok im Kopf (Foto: BELTZ)

DW: Herr Langman, was sagen Sie dazu, dass der Täter ihr Buch gelesen hatte?

Peter Langman: In gewisser Hinsicht ist das nicht sonderlich überraschend. Was mich aber überrascht, ist, dass es genau dieses Buch war. Amokläufer an Schulen informieren sich meist umfassend, bevor sie losschlagen. Sie befassen sich im Netz mit früheren Fällen, mit anderen Amokschützen, die sie bewundern. Manche solcher Täter fühlen sich unnormal oder als Versager. Wenn sie dann über andere Täter lesen, die ähnliche Gedanken hatten, bilden sie sich ein, sie seien Teil einer Gruppe, sie fühlen sich dann weniger unnormal. Vielleicht finden sie auch eine Art sozialer Billigung für ihre Tat, das Gefühl, dass das, was sie tun, gar nicht so schlimm ist, dass es andere Menschen gibt, die dasselbe tun und Gründe dafür haben.

Sie glauben, es gebe nicht das eine Täterprofil, das auf alle Attentäter passt, sondern sie gliedern in drei Kategorien: den psychopathischen, den psychotischen und den traumatisierten Täter. Was trifft nach den vorliegenden Informationen auf den Täter von München zu?

Peter Langman (Foto: picture-alliance/dpa/Hub Willson/Peter Langman)

Langman: Gewalt-Videospiele können ein Probelauf sein

Um das sagen zu können, wissen wir noch zu wenig über ihn. Oft dauert es lange, bis die Psychologie sichtbar wird, und manchmal reichen die Informationen auch nicht für eine Bestimmung. Von dem, was ich weiß, scheint mir der Täter jedenfalls kein Psychopath gewesen zu sein. Dieser Typ ist normalerweise extrem narzisstisch. Er hat auch gut entwickelte Fähigkeiten beim Umgang mit anderen Menschen. Er kann sogar charmant und charismatisch sein. Oft ist er sozial viel erfolgreicher als der Münchener Attentäter. Diese Züge sehe ich bei ihm nicht. Er scheint mir schüchterner, sehr unsicher und ängstlich zu sein.

Der Münchener Attentäter hat den Ermittlern zufolge sogenannte Ego-Shooter-Videospiele gespielt, das heißt solche aus der Perspektive des Attentäters. Das hat die Debatte neu entfacht, welche Rolle diese Spiele für Amokläufe spielen.

Das ist eine komplexe Materie, denn die meisten der Millionen von Jugendlichen, die solche Spiele spielen, töten nie jemanden. Es gibt also keine direkte Verbindung. Andererseits haben viele der Täter, die in Schulen Amok gelaufen sind, nicht nur solche Spiele gespielt, sie waren geradezu besessen von ihnen. Die Spiele waren die geistige Welt, in der sie lebten. Man kann daher sagen, dass solche Spiele Menschen verrohen lässt und dass sie eine Art Probelauf für die wirkliche Tat sind.

Wie steht es um die Rolle von Selbstmord? Viele dieser Attentate enden mit Selbstmord, oder der Amokschütze weiß, dass er bei der Tat getötet wird.

In meinem Buch habe ich 48 Amokschützen betrachtet. Etwa jeder zweite hatte das Ziel, während des Attentats zu sterben. Manche Leute glauben, Amokschützen seien generell selbstmörderisch veranlagt, aber das trifft nur für die Hälfte von ihnen zu. Viele der Täter neigen sowohl zum Selbstmord als auch zum Töten anderer. Sie wollen sterben, aber sie wollen nicht allein und auf banale Weise sterben. Sie wollen, dass andere für ihre Leiden bezahlen, sie wollen eine Art Rache. Manchmal wollen sie auch das, was in ihren Augen Ruhm und Anerkennung für eine solche Tat sind, so dass sie nicht einsam und bedeutungslos sterben. Sie wollen ihrem Leben eine höhere Bedeutung geben, und die beste Methode, um das zu erreichen, ist leider Gewalt.

Sie haben gesagt, dass sich Amokschützen über frühere Beispiele informieren. Solche Vorfälle sind in Deutschland und Europa insgesamt seltener als in den USA. Glauben Sie, dass manche Täter sich an Amokläufen in den USA orientieren, dass das Phänomen also den Atlantik überquert?

Das trifft unbedingt zu. Der 19-Jährige, der 2002 an einer Erfurter Schule 16 Menschen erschoss und der 17-Jährige, der 2009 in Winnenden 15 Menschen tötete, kannten zum Beispiel die Amokläufe in den USA sehr genau, vor allem den an der Columbine-Schule.

Blumen, Kerzen und Gedenkfotos (Foto: DW/D. Regev)

Trauer um die Opfer von München: Der Täter hatte sich umfassend über frühere Amokläufe informiert

Sie ordnen Attentate in vier Kategorien. Manche Täter greifen danach willkürlich Menschen an, manche zielen auf einzelne Personen, andere auf bestimmte Gruppen, oder es handelt sich um eine Kombination. Wie sehen Sie die Tat von München?

Es scheint ein willkürlicher Angriff gewesen zu sein - in dem Sinne, dass der Täter es auf keine bestimmten Menschen abgesehen hatte. Manche Leute haben aber gesagt, er habe vor allem auf junge Menschen gezielt. Ich bin nicht sicher, ob das der Grund dafür war, dass die meisten Opfer Jugendliche waren, oder ob sie nur zufällig dort waren.

Falls er es besonders auf Gleichaltrige abgesehen hatte, könnte man das unterschiedlich interpretieren. Offenbar fühlte er sich als Opfer und wurde von seinen Altersgenossen schikaniert, aber er ging nicht auf genau diese Jugendlichen los. Vielleicht hatte er eine allgemeine Wut auf seine Altersgenossen.

Eine andere Möglichkeit, die meist wenig beachtet wird, ist Neid. Oft fühlen sich Amokschützen unnormal. Sie sind depressiv. Sie sind nicht sozial erfolgreich. Sie sehen sich die Welt um sich herum an und denken, alle anderen seien glücklich und erfolgreich, und das erzeugt einen tief empfundenen Neid. Dieser Neid verwandelt sich in Hass, denn der Unterschied zwischen sich und den anderen scheint ungerecht. Deshalb schießen die Täter auf diejenigen, die sie am meisten beneiden.

Wie kann man solche Vorfälle verhindern?

Wir wissen eine Menge über die Warnsignale. Wir müssen die Öffentlichkeit sensibilisieren, dass sie Warnsignale erkennt und weiß, wie sie auf sie reagiert. Manchmal gibt es eine lange Spur solcher Warnsignale: Manche sprechen über das, was sie vorhaben; manche warnen Freunde, damit sie wegbleiben und ihnen nichts passiert; manche fordern Freunde auf, bei einer Tat mitzumachen; manche bedrohen zunächst die Menschen, die sie töten wollen; manche machen im Netz auf sich aufmerksam. Manchmal sind die Warnhinweise ganz offensichtlich, aber Menschen erkennen sie trotzdem nicht oder nehmen sie nicht ernst, oder sie haben aus verschiedenen Gründen Angst, sich zu melden. Es gibt viele vereitelte Attentate, aber wir erfahren nichts darüber, denn die Medien interessieren sich wenig für Attentate, die nicht stattfinden.

Peter Langman hat sich mit der Psychologie von Amokläufen an Schulen beschäftigt. Sein Buch "Amok im Kopf - warum Schüler töten" ist 2009 im Beltz-Verlag erschienen.

Das Gespräch führte Chase Winter.

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