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Angst vor Entlassungen

29. Oktober 2009

In vielen deutschen Unternehmen ist Kurzarbeit angesagt. Doch die dauert nicht ewig. Immer mehr Mitarbeiter bangen um ihre Jobs, wie etwa die beim Automobilzulieferer Autoliv im sächsischen Döbeln.

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Mitarbeiter der Firma Autoliv an einer Maschine (Foto: Tagge)
Viele Mitarbeiter in der sächsischen Autoindustrie haben Angst vor EntlassungenBild: Silvia Tagge
Eine Mitarbeiterin von Autoliv näht Gurte für Mercedes, BMW, Opel und Ford (Foto: Tagge)
Eine Mitarbeiterin von Autoliv näht Gurte für Mercedes, BMW, Opel und FordBild: Silvia Tagge

Seit mehr als 15 Jahren steht Ute Kobold bei Autoliv am Band. Sie näht Autogurte, etwa 1100 Stück pro Schicht. Mit großer Routine und trotz Krisenstimmung immer noch hochmotiviert und konzentriert macht sie ihren Job. Doch wie lange noch, das weiß die Mittfünfzigerin nicht. Vor gut einem Jahr waren es noch etwa 500 Gurte mehr, die hier tagtäglich im Drei-Schicht-System gefertigt wurden, dann brach der Markt um ein Drittel ein. Seitdem sind Ute Kobold und ihre 400 Kollegen in Kurzarbeit, müssen mit mindestens 20 Prozent weniger Lohn leben. Die Krise ist angekommen, meint Ute Kobold, und vielen Kollegen gehe es ähnlich wie ihr. "Wir haben zu Hause unnötige Ausgaben abgeschafft, haben sogar darüber nachgedacht, bei Versicherungen und der privaten Rente zu sparen."

Kurzarbeit sichert Arbeitsplätze

Fast leere Werkhallen - die gesamte Belegschaft bei Autoliv ist seit Monaten in Kurzarbeit (Foto: Tagge)
Fast leere Werkhallen - die gesamte Belegschaft bei Autoliv ist seit Monaten in KurzarbeitBild: Silvia Tagge

Die Kurzarbeit hat bislang das Schlimmste verhindert. So musste Werksleiterin Silvia Tagge wenigstens noch niemandem betriebsbedingt kündigen. Doch eine dauerhafte Lösung ist das nicht. Wenn die Aufträge weiter ausbleiben, muss sie handeln. Gerade hat sie mit dem Betriebsrat eine Verlängerung der Kurzarbeit bis März 2010 vereinbart, dazu eine Arbeitsplatzgarantie für die Angestellten bis Ende dieses Jahres. Im Gegenzug haben die Mitarbeiter auf die tarifliche Anpassung ihrer Löhne verzichtet.

Keine Bezahlung nach Tarif für ein paar Monate Arbeitsplatzgarantie, dazu spürbare finanzielle Einbußen durch die Kurzarbeit. So sieht der Alltag in immer mehr deutschen Firmen aus, nicht nur in Sachsen und nicht nur in der Automobilindustrie. Die Finanzspritzen der Arbeitsagentur, die Zahlungen des Kurzarbeitergeldes, sichern momentan Arbeitsplätze und verhindern Entlassungen - noch. Denn die Zuschüsse werden derzeit maximal 24 Monate gezahlt, bei Autoliv enden die Zahlungen im September kommenden Jahres. Doch schon jetzt muss sich die Werksleitung darauf vorbereiten, zumindest über Entlassungen nachzudenken, erklärt Silvia Tagge. "Ich will nicht verhehlen, dass wir uns derzeit auf solche Dinge vorbereiten, dass wir mit dem Betriebsrat in Verhandlungen sind."

2010 wird ein schwieriges Jahr

Werksleiterin Silvia Tagge (Foto: Tagge)
Werksleiterin Silvia Tagge hofft auf bessere Zeiten, um Entlassungen zu vermeidenBild: Silvia Tagge

Über 3000 Arbeitnehmer sind allein in der mittelsächsischen Region um Döbeln seit Monaten in Kurzarbeit, um die 300 Betriebe sind betroffen. Dank der arbeitserhaltenden Maßnahme hat sich die Arbeitslosenquote hier nur um knapp ein Prozent verschlechtert. Im kommenden halben Jahr wird sich nun zeigen, wie die Unternehmen durch die weiter anhaltende Krise kommen, so Volkmar Beier von der zuständigen Arbeitsagentur. "Der Winter 2009/2010 wird das Zünglein an der Waage sein. Dann wird sich zeigen, ob die Wirtschaft ihren Einbruch erlebt oder die Krise irgendwie meistert." Insgesamt werde 2010 ein sehr schwieriges Jahr, prophezeit der Experte. Doch er verspüre immer noch Optimismus, wenn er die Firmen in der Region besucht. Für Volkmar Beier ein gutes Zeichen.

Optimismus vs. Realität

Doch allein dieser gesunde Optimismus wird wohl kaum ausreichen, um die wackligen Arbeitsplätze in den betroffenen Unternehmen rund um Döbeln dauerhaft zu erhalten. Aufträge müssen her. Bei Autoliv ist man realistisch genug, neben positivem Denken auch auf pragmatischen Realismus zu setzen. Und das nicht nur in der Werksleitung. Ute Kobold rechnet mit harten Einschnitten, vielleicht auch für sie persönlich, mit betriebsbedingten Kündigungen, wenn die Absatzzahlen nicht schnell wieder steigen. "Keine Firma kann es sich leisten, Arbeitskräfte auf Dauer zu beschäftigen, wenn die Aufträge nicht da sind. Und ich habe meine Zweifel, dass sich die Auftragslage wieder so stabilisiert, dass alle Mitarbeiter behalten werden können."

Autor: Ronny Arnold
Redaktion: Rolf Wenkel