Auschwitz heute und gestern: Die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten rund um die Holocaust-Gedenkstätte

Wann genau Kollegah und Farid Bang die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen, ist nicht bekannt. Was sie auf dem Areal des ehemaligen Konzentrationslagers erwartet, haben wir vorab zusammengefasst.

Etwa 45 Millionen Menschen aus aller Welt haben die Gedenkstätte des früheren deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in Südpolen seit ihrer Eröffnung 1947 besucht. 50 Kilometer westlich von Krakau erstreckte sich das am Ende des Zweiten Weltkrieges riesige Gelände des gesamten Lagerkomplexes. Dazu gehörten neben den drei Hauptlagern noch unterschiedlich große Neben- und Außenlager - eine industrielle Vernichtungsmaschinerie unvorstellbaren Ausmaßes.  Allein Museum und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, wie man sie heute besichtigen kann, umfassen 191 Hektar.

Für die meisten Besucher eine erschütternde Erfahrung, die emotional nachwirkt. "Wer einmal in seinem Leben in Auschwitz war, sieht die historische Vergangenheit Europas mit anderen Augen", hielt der Schriftsteller Navid Kermani nach einer Reise dorthin fest. Die Rapper Kollegah und Farid Bang haben eine Einladung des Auschwitz-Komitees zum Besuch der Gedenkstätte angenommen. Der genaue Termin ist nicht bekannt. Fest steht: Sie werden ihre Erfahrungen mit der Vergangenheit machen.

Holocaust Gedenkfeier in Auschwitz 27.01.2015 Steven Spielberg

Reise nach Auschwitz: Regisseur Steven Spielberg ("Schindlers Liste") am Holocaust Memorial Day 2015

Was sich hinter dem Begriff "Auschwitz" an Fakten und Zahlen, an Geschichte und an Verantwortung für die Zukunft verbirgt, haben wir zusammengefasst:

1.  Die Stadt Oświęcim (Auschwitz)

Auschwitz war nicht nur ein KZ, sondern ist auch eine Stadt. 1939 wurde sie von der deutschen Wehrmacht im Handstreich erobert und befand sich im vom Deutschen Reich annektierten Teil Polens. Davor hieß sie Oświęcim - urkundlich 1178 erstmals erwähnt - und war eine polnische Kleinstadt an dem Fluss Sola mit einer wechselvollen Geschichte. Mal gehörte sie zum Herrschaftsgebiet der Österreicher, mal zu Preußen, später wieder zum Königreich Polen. Heute heißt sie wieder Oświęcim. 

Als Oświęcim im Jahre 1900 Haltepunkt für die Eisenbahn wurde, ging es wirtschaftlich mit der Stadt aufwärts. Für die vielen Saison- und Wanderarbeiter in den umliegenden Industriegebieten Oberschlesiens und Böhmens wurden Unterkünfte benötigt. Die brachte man in neu errichteten, gemauerten Häusern und 90 Holzbaracken unter. Sie bildeten die Basis des Lagers, dessen Häuser zwischenzeitlich als Kasernen für polnische Soldaten genutzt wurden, und das die Nazis 1940 schnell und ohne viel Aufwand zum Konzentrationslager, dem Stammlager Auschwitz I, umfunktionieren konnten.

2.  Die jüdische Bevölkerung

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Hälfte der etwa 14.000 Einwohner von Oświęcim Juden. Die jüdische Gemeinde war durch Zuwanderung stark angewachsen, die Zahl der Deutschstämmigen unbedeutend gering. Nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 und der militärischen Besetzung des Landes änderte sich das schlagartig.

Die jüdische Bevölkerung musste der rassenpolitischen "Bereinigung" weichen und umgesiedelten Volksdeutschen Platz machen. Die verbliebenen Juden lebten anfangs eng zusammengepfercht und isoliert von der übrigen Bevölkerung in der Altstadt. Viele wurden ab 1940 als billige Arbeitskräfte beim Ausbau des geplanten Konzentrationslagers eingesetzt.

Infografik Auschwitz Deutsch

Das weitläufige Lagersystem in Auschwitz-Birkenau, mit Außenlager Monowitz

3.  Der Eisenbahn-Haltepunkt:

Die kleine Stadt Oświęcim lag an einem für die Nazis strategisch günstigen Eisenbahnknotenpunkt: Hier kreuzten sich die südlichen Bahnlinien aus Prag und Wien mit denen aus Berlin, Warschau und den nördlichen Industriegebieten Schlesiens. Die Planungsstäbe der SS und des zuständigen Reichssicherheitshauptamtes in Berlin fanden hier alle Voraussetzungen für die geplanten Massentransporte aus dem sogenannten "Altreich" vor, also den Gebieten Deutschlands nach den Grenzen von 1937.

Verantwortlich für den reibungslosen Bahntransport der Deportierten in die Vernichtungslager im Osten war SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Er hatte im Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Aktenlage für die berüchtigte "Wannsee-Konferenz" am 20. Januar 1942 akribisch vorbereitet. Zudem berechnete er die Kosten für die, wie er es zynisch nannte, "Endlösung der Judenfrage". Damit war nichts anderes als der industrielle Mord an den Juden gemeint.

4.  Das Lagersystem

Auschwitz war nach Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und dem Frauenlager Ravensbrück das siebte Konzentrationslager der Nazis. Das gesamte Gelände war Standort unterschiedlich großer Konzentrationslager: Neben dem Stammlager (Auschwitz I), dem riesigen Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II) und kleineren Außenlagern gab es noch die Lager Buna und Monowitz.

Themenseiten

Nach den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz wurde Auschwitz ab Frühjahr 1942 tatsächlich zum Ort einer industriellen Vernichtungs- und Mordmaschinerie unvorstellbaren Ausmaßes. Vollstrecker dieser rassenpolitisch motivierten Aufgabe war als verantwortlicher SS-Lagerkommandant Rudolf Höß. Ihm unterstanden bis zu seiner Ablösung im November 1943 SS-Wachpersonal und Lagerverwaltung von Auschwitz, sowie die praktische Durchführung des nationalsozialistischen Mordprogramms.

Auschwitz Konzentrationslager Museum Zyklon B Kanister 4

Effektive Mordwaffe: Eine einzige Dose "Zyklon B" konnte mehr als 1000 Menschen töten

5.  Das SS-Einflussgebiet

Bereits im Frühjahr 1942 waren 2000 SS-Wachleute im Lager eingesetzt. Im August 1944 taten über 3300 SS-Angehörige in Auschwitz Dienst, dazu noch Aufseherinnen, Schreibkräfte, Krankenschwestern etc., die bei der SS angestellt waren und keine Rangabzeichen trugen. 

Die Kontrolle über die örtlichen Industrie- und Handwerksbetriebe, die sich als Profiteure des Lageraufbaus rund um Auschwitz angesiedelt hatten, lag ebenfalls in den Händen der SS. Die sogenannte SS-Siedlung, in der die Wachleute mit ihren Familien lebten, entwickelte sich außerhalb der Lagerumzäunung zu einem Stadtteil mit vielen Annehmlichkeiten. 

6.  Die Todesfabrik

Ab März 1943 nahm die Bauleitung im ausgebauten Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau zusätzliche Öfen in den neugebauten Krematorien in Betrieb. Ihre Funktionstüchtigkeit probierte die SS an einem Transport aus Krakau aus: 1100 Männer Frauen und Kinder aus dem dortigen Ghetto wurden nach einem qualvollen Tod in der Gaskammer, in die Zyklon B eingefüllt wurde, verbrannt, ihre Asche in die umliegenden Seen gestreut.

Nach einer weiteren Aufstockung der Kapazitäten vermeldete der Bauleiter im KZ Auschwitz, SS-Obersturmbannführer Karl Bischoff, nach Berlin: "Ab sofort können 4756 Leichen innerhalb von 24 Stunden eingeäschert werden." Um die Selektion bei der Ankunft der Transporte zu beschleunigen, wurde in Birkenau jene dreigleisige Bahnrampe gebaut, die in Auschwitz-Birkenau noch heute zu sehen ist.

70 Jahre Befreiung KZ Auschwitz (Teich)

Auschwitz ist der größte Friedhof Europas: Die Seen des Lagers sind randvoll mit der Asche von Hunderttausenden

Im Spätherbst 1944 trafen die letzten Judentransporte aus Europa in Auschwitz ein. Unter den Deportierten aus den besetzten Niederlanden ist auch die 14-jährige Anne Frank. Ihre durch Zufall erhaltenen Tagebücher sind ein eindrucksvolles Zeitdokument der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Ein Deportationszug mit rund 2000 Juden aus Theresienstadt am 30. Oktober 1944 war dann der letzte jüdische Transport nach Auschwitz-Birkenau.

7.  Die Opferzahlen

Die Berechnungen der Holocaust-Opfer schwanken. Jedes Jahr kommen neue Details durch Funde in historischen Archiven und Nachlässen dazu. Genaue Opferzahlen sind nicht mehr zu ermitteln. Wissenschaftliche Schätzungen gehen von fünf Millionen Menschen aus, die insgesamt in das KZ-System der Nazis deportiert wurden. Die wenigsten haben überlebt.

Bei der Ankunft in Auschwitz wurden nur diejenigen, die die Selektion an der sogenannten "Judenrampe" überstanden, als Arbeitskräfte im Lagersystem der SS eingesetzt. Die meisten - vor allem Alte, Kranke, Frauen und kleine Kinder - wurden ohne Registrierung von den SS-Mannschaften direkt in die Gaskammern getrieben und ermordet.

Nach Angaben des Museums Auschwitz-Birkenau wurden im dortigen Vernichtungslager mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet. 90 Prozent davon waren Juden - aus Ungarn, Polen, Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Griechenland, Kroatien, Russland, Österreich und Deutschland.

8. Die Befreiung der Inhaftierten

Nur wenige Auschwitz-Häftlinge überlebten die Torturen im Lager. Zehntausende kamen noch im Januar 1945 auf Todesmärschen ums Leben, nachdem SS und Wachmannschaften hastig das Lager geräumt hatten und mit Kolonnen von Kriegsgefangenen und Häftlingen nach Westen flohen.

Timeline 2er Weltkrieg Auschwitz wird befreit

KZ Auschwitz: Überlebende Häftlinge warten auf die Befreiung

Am 27. Januar 1945 erreichten Soldaten der sowjetischen Roten Armee die Stacheldrahtzäune des Vernichtungslagers. Auf dem Areal fanden sie knapp 7000 völlig entkräftete, bis aufs Skelett abgemagerte KZ-Häftlinge vor. Der größte Teil der Baracken, Gaskammern und Krematorien war im Auftrag der Täter gesprengt worden. Die SS hatte versucht, die Spuren ihrer Mordmaschinerie zu beseitigen: Akten, Lagerkarteien, Totenscheine, alles wurde hastig verbrannt.

9. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Anfang 1946 übergaben die sowjetischen Besatzungsbehörden das ehemalige Lagergelände in die Zuständigkeit des polnischen Staates. Ausgehend von einer Initiative ehemaliger Häftlinge wurde das "Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau" 1947 auf Beschluss des polnischen Parlaments als Gedenkstätte gegründet. Es umfasst die erhalten gebliebenen Anlagen und Baracken der beiden Konzentrationslager Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau) sowie den heutigen Museumsbereich. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Seit 1979 gehört das Areal des ehemaligen Konzentrationslagers zum erhaltenswerten UNESCO-Weltkulturerbe.

Bereits im ersten Jahr kamen 170 000 Besucher dorthin. 2017 sind es 2,1 Millionen Besucher gewesen. Vor allem junge Leute aus aller Welt besuchen das Museum und die Orte der Naziverbrechen. Auschwitz-Birkenau steht seit 1979 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, das es zu schützen gilt. Die Stadt heißt seit 1946 wieder offiziell Oświęcim.

Polen Ausschwitz Marsch der Lebenden

Generationsübergreifende Erinnerung: Jedes Jahr findet in Oświęcim/Polen der "Marsch der Lebenden" statt

10. Die letzten Zeitzeugen

Jedes Jahr wird der 27. Januar als historischer Gedenktag begangen - in kollektiver Erinnerung an die "Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz" 1945. Im Deutschen Bundestag findet dann eine feierliche Gedenkstunde statt. Seit 2005 gibt es den "Holocaust Memorial Day" auch weltweit.

Zeitzeugen, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben und davon berichten können, gibt es mittlerweile nur noch wenige. Beim alljährlichen "Marsch der Lebenden" sind viele der Letzten dabei - sie gehen Hand in Hand mit der nächsten Generation, die die Erinnerung bald allein erhalten muss.