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Berliner Theatertreffen

Sabine Peschel5. Mai 2016

Festwochen für Theaterfans: Das Berliner Theatertreffen bringt zehn herausragende Inszenierungen auf die Bühne. DW sprach mit Jurorin Barbara Burckhardt über deutschsprachiges Theater und neue Inszenierungsansätze.

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Deutschland Theatertreffen Berlin 2016 Schiff der Träume © Matthias Horn
Das Hamburger Schauspielhaus eröffnet mit "Schiff der Träume" das Theatertreffen 2016Bild: PR/Matthias Horn

DW: Frau Burckhardt, am Freitag (06.05.2016) beginnt im Haus der Berliner Festspiele das Berliner Theatertreffen. Zehn Stücke, für deren Auswahl Sie und Ihre sechs Kollegen verantwortlich sind, kommen in den anschließenden zweieinhalb Wochen in Berlin auf die Bühne. Wie kam die Auswahl zustande?

Barbara Burckhardt: Wie sie jedes Jahr zustande kommt: Wir sind sieben Juroren, und die versucht man über den deutschen, österreichischen und Schweizer Raum zu verteilen. Jeder ist sozusagen für ein bestimmtes Gebiet zuständig, hat aber das Recht, hinzufahren, wo immer es ihn hintreibt, falls er sich dort etwas verspricht. Sobald einer der Juroren ein Ja-Votum in die Welt schickt, müssen die anderen ebenfalls dorthin. Das führt dazu, dass man ziemlich viel reist. Wenn ich die Statistik richtig im Kopf habe, dann haben wir in diesem Jahr insgesamt 394 Inszenierungen in 59 Städten gesehen. Das ist eine Menge, und viele davon sind tatsächlich auch von allen sieben Juroren gesehen worden. Und dann tritt man in die Diskussion darüber ein, um sich auf ein gemeinsames Tableau zu verständigen. Am Ende muss man sich auf zehn Stücke einigen, und jeder bringt Opfer.

Wie schafft man einen solchen Theater-Marathon? Wie viele Stücke haben Sie persönlich gesehen?

Ich persönlich habe 107 gesehen, aber damit war ich keineswegs die Spitzenreiterin. Der Spitzenreiter – die anderen Juroren sind ja alle Männer – lag bei 131. Das schafft man, indem man pflichtbewusst ist und hofft, dass die Bahn nicht bestreikt wird. Man muss gucken, dass man einigermaßen wach bleibt und nicht zu routiniert wird. Das ist tatsächlich die größte Gefahr, dass man zu viel sieht.

Theatertreffen Berlin 2016, Jury © PR/Iko Freese/drama-berlin.de
Die Jury 2016, v.l.n.r.: Peter Laudenbach, Barbara Burckhardt, Stephan Reuter, Wolfgang Huber-Lang, Andreas Wilink, Till Briegleb und Bernd NoackBild: PR/Iko Freese/drama-berlin.de

Das Theater erscheint als der geeignete Ort, um auf die brennenden Themen der Zeit zu reagieren. Hat die Frage, ob die Diskussion – zum Beispiel um Flüchtlinge und eine geänderte gesellschaftliche Situation – auf der Bühne geführt wird, die Juryarbeit beeinflusst?

Dieses Jahr war wirklich extrem: Die politischen Umstände, die Diskurse, die in der Öffentlichkeit geführt wurden, und wie die Theater darauf reagierten – das hat sich in einer Art und Weise verselbständigt, wie ich es vorher nie erlebt habe. Was auch unsere Jury spätestens, nachdem diese Septemberentscheidung von Angela Merkel gefallen war, zu der Frage trieb: Können wir tatsächlich noch rein ästhetische Kriterien walten lassen? Müssen wir nicht irgendwie auch spiegeln, was die Theaterszene hier leistet? Im Theater als sozialem Raum ist ja wahnsinnig viel passiert: Die Theater habe ihre Tore geöffnet, da haben Flüchtlinge übernachtet, es wurden Deutschkurse und Freikarten angeboten. Und gleichzeitig haben die Theater, die ja mit langen Vorläufen arbeiten müssen, versucht, diesen großen gesellschaftlichen Umbruch auch in ihrem ästhetischen Programm zu spiegeln. In den letzten drei, vier Monaten haben wir verstärkt versucht, Produktionen zu finden, die diese Fragen behandeln, ohne unterkomplex zu werden und ihre ästhetischen Standards aufzugeben.

Es hat auch andere Stimmen gegeben. Alvis Hermanis beipielsweise, ein an Europas Theatern bis dahin gern gesehener Regisseur, hat im Herbst letzten Jahres seine Inszenierung für das Hamburger Thalia-Theater aus Protest gegen die deutsche Flüchtlingspolitik abgesagt. Wo findet sich das Thema "Flüchtlinge/Migration" bei den eingeladenen Inszenierungen?

Wir haben zwei Inszenierungen gefunden, die sich dezidiert damit beschäftigen. Das ist "Das Schiff der Träume" vom Hamburger Schauspielhaus unter der Regie von Karin Beier, nach dem Film von Federico Fellini, das die Hamburger komplett umgeschrieben haben. Da geht es um die Seebestattung eines zeitgenössischen Komponisten durch sein Orchester, und das könnte die Bestattung unserer wunderbaren, luxuriösen Stadttheaterkultur sein. Denn plötzlich entert eine Gruppe schwarzer Performer, die tatsächlich von außen reingecastet wurden und nicht aus dem Hausensemble kommen, die Bühne, das Schiff. Die Gruppe will nicht unten im Maschinenraum bleiben, sie will aufs Deck! Und die Schiffscrew gerät in größte, tragische, komische Ambivalenzen zwischen Helfenwollen und Besitzstandwahrung. In diesem dreieinhalbstündigen Abend wird alles angesprochen, was sich im Moment an Irritation, Ratlosigkeit und Selbstbefragung im Theater wie in der Gesellschaft abspielt. Dass wir dieses Stück dabei haben, war für mich persönlich von größter Wichtigkeit.

"The Situation" arbeitet mit den Identitäten der Schauspieler und Schauspielerinnen, die Yael Ronen im Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters fand oder dazugecastet hat: der Syrer und die Israelin, der Palästinenser mit dem israelischen Pass, die schwarze Palästinenserin und der Deutsche mit dem russischen Migrationshintergrund, der ihr Deutschlehrer ist. Ein "Masterpiece of Integration". Im Deutschkurs tragen sie ihre Identitätsprobleme aus. "The Situation" bezeichnet die jahrzehntealte Unversöhnlichkeit zwischen Israelis und Palästinensern. Diese Gruppen, die sich im Nahen Osten nie treffen, stoßen plötzlich in Neukölln aufeinander und geraten in einen Verhandlungszusammenhang.

Theatertreffen Berlin 2016, "The Situation" © PR/Ute Langkafel/MAIFOTO
Das Berliner Maxim Gorki Theater ist mit "The Situation" vertretenBild: PR/Ute Langkafel/MAIFOTO

Zum Theatertreffen eingeladen zu sein, ist für jede Bühne eine große Auszeichnung. Auf dem Spielplan finden sich in diesem Jahr zwei Inszenierungen von Häusern, die man nicht unbedingt dort erwartet. Das Staatstheater Kassel ist mit einem Stück von Ersan Mondtag vertreten. Inszenierung, Bühne, Kostüm – der Regisseur und Performer hat quasi alles selber gemacht. Warum hat es dieses Stück "Tyrannis" nach Berlin geschafft?

Es zeigt eine sehr markante Handschrift. "Tyrannis" ist ein Stück, das vollkommen ohne Sprache auskommt. Es changiert zwischen Installation und Theater, arbeitet äußerst präzise und genau mit Videoarbeiten – ästhetisch hat uns das umgehauen. Ersan Mondtag, der jetzt 29 ist, hat das in eine ganz eigene Form gebracht. Inzwischen inszeniert er auch schon am Thalia-Theater in Hamburg – da geht gerade was los.

Karlsruhe ist mit dem Dokumentartheater von Hans-Werner Kroesinger vertreten, das die antisemitische Diskriminierung von 1933 auf die Bühne bringt. War es das Thema? War es die Inszenierung? Was hat dieses Stück so besonders gemacht?

Kroesinger ist ja seit Jahren immer wieder in der Diskussion. Er macht seit über zwanzig Jahren sein sehr eigenes Dokumentartheater, sehr komplex, sehr genau. Immer wieder kommt dann das Argument, das sei nicht sinnlich, nicht theatral genug. In diesem Fall hat er sich an die Dokumente gemacht, die im Staatstheater Karlsruhe die bürokratische Ausmerzung jüdischer Künstler am Haus belegen. Herausgekommen ist ein Abend, der vermutlich paradigmatisch für viele deutsche Theater steht, die die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte nie unternommen haben.

Theatertreffen Berlin 2016, "Effi Briest" © PR/Matthias Horn
Fern von Fontane: "Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie", inzeniert vom Deutschen Schauspielhaus HamburgBild: PR/Matthias Horn

Die Auswahl ist enorm vielseitig. Gibt es etwas, das die Stücke dieses Jahres miteinander verbindet? Thematische oder formale Gemeinsamkeiten?

Was man sagen kann, ist, dass es im deutschen Theater keine Trends mehr gibt. Vieles, was mal als Trend ausgerufen wurde, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit geworden. Es sind drei Romanbearbeitungen in unserer Auswahl, es ist Musiktheater dabei – sowohl mit "Mittelreich" nach dem Roman von Josef Bierbichler als auch mit Clemens Sienknechts Umarbeitung von Fontanes "Effi Briest". Das existiert mit der größten Selbstverständlichkeit neben der Installation, die wort- und sprachlos ist, und dem Dokumentartheater. Das Theater ist ungeheuer divers und vielfältig geworden. Der einzige Trend ist vielleicht eine Abwesenheit: Es gibt praktisch keinen Klassiker in dieser Auswahl. Es gibt zwar zwei Stücke von Ibsen, "John Gabriel Borkman" aus Wien und "Der Volksfeind" aus Zürich, die aber von Simon Stone und Dietmar Dath sehr stark bearbeitet und in unsere digitale Gegenwart übertragen wurden. Aber es gibt keinen Schiller, keinen Goethe, keinen Kleist. Das kann natürlich im nächsten Jahr schon wieder anders sein.

Was ist das Besondere an diesem Festival?

Das Besondere ist natürlich, dass es nach wie vor die von manchen ja bezweifelte Relevanz der Live-Performance Theater behauptet. Dass es die Theater zusammenführt, in dieser Stadt, die mittlerweile deutsche Hauptstadt ist – es ist ja mal anders gegründet worden: Zu Mauerzeiten, um das nach Berlin zu bringen, was sonst hier nicht zu sehen war. Das war damals eigentlich eine Solidaritätsmaßnahme. Das ist natürlich längst, längst vorbei. Das Theatertreffen hat sich neu definieren müssen. Ich würde sagen, es definiert sich heute als ein Branchentreff. Deswegen ist auch so wichtig geworden, was neben diesen zehn Inszenierungen, die die Jury auswählt, an Diskursen, an Diskussionen, an Ausstellungen, an Überlegungen stattfindet. Wenn man sich das gesamte Programm des Theatertreffens ansieht, dann sind diese zehn Inszenierungen Posten, die hoffentlich als Leuchttürme in einem riesigen Programm stehen. Internationales Forum, Stückemarkt – es passiert ganz viel. Das Festival ist immer noch das größte Treffen im deutschsprachigen Theater. Stark aufgewertet worden ist es aber durch das, was drum herum noch stattfindet.

Das Interview führte Sabine Peschel.

Barbara Burckhardt studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Politologie in München und war langjährige Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks und der "Frankfurter Rundschau". Sie war Jurorin bei "Impulse" und den Mülheimer Theatertagen. Seit 1997 ist sie Redakteurin der Zeitschrift "Theater heute". In der Jury des Berliner Theatertreffens wirkt sie zum zweiten Mal für drei Jahre mit.