Kunst

Berlin zeigt den weiblichen Blick auf den Krieg

Von scheinbar unbeschwerten Momenten bis zu Toten auf dem Schlachtfeld: Eine Ausstellung im Verborgenen Museum in Berlin zeigt Aufnahmen von Kriegsfotografinnen zwischen 1914 und 1945.

Fünf Offizierinnen der Frauenpolizei 1916 in London (Imperial War Museum)

Manch ein Ereignis ist dazu bestimmt, eine bittere Normalität vor Augen zu führen. Der Tod von Anja Niedringhaus im Jahr 2014 war so ein Moment: Die Ermordung der deutschen Fotoreporterin durch einen afghanischen Polizisten rief schmerzlich ins Bewusstsein, dass die Kriegsberichterstattung keine Männerdomäne ist. Dabei sind Frauen nicht nur als Journalistinnen, sondern auch als Soldatinnen in Kriegs- und Krisengebieten kein Phänomen der Gegenwart. Das Verborgene Museum in Berlin zeigt jetzt in der Ausstellung  "Kriegsalltag und Abenteuerlust - Kriegsfotografinnen in Europa 1914-1945" rund 70 Fotografien, Grafiken, Zeitschriften und Dokumente, die Zeugnis der Arbeit europäischer Fotografinnen in den beiden Weltkriegen und im Spanischen Bürgerkrieg sind und Eindrücke sowohl von der Kriegs- wie von der Heimatfront geben.

Scheinbar friedlich

Die Dokumente zeigen die Versorgung der Verwundeten im Lazarett ebenso wie den unmittelbaren Krieg an der Front, Fotos scheinbar friedlicher Momente abseits der Front wechseln mit solchen, die Tote auf dem Schlachtfeld zeigen oder das 1940 von der deutschen Luftwaffe zerbombte Rotterdam. Die Aufnahmen der beiden sowjetischen Kriegskorrespondentinnen Natalja Bode und Olga Lander, die im Dienst der Roten Armee fotografiert und die Kämpfe um Stalingrad begleitet haben, werden hier zum ersten Mal außerhalb der ehemaligen Sowjetunion gezeigt.

Soldaten der Roten Armee sitzen in einem Zug, der sie nach Kriegsende in die Heimat bringt. (Foto: ©FotoSojus, Moskau)

Kriegsende: Soldaten der Roten Armee 1945 auf dem Weg in die Heimat

Eine exponierte Rolle kommt Gerda Taro zu, die 1937 im Spanischen Bürgerkrieg bei der Arbeit an vorderster Front im Alter von 26 Jahren aufseiten der Internationalen Brigaden getötet wurde und heute als bekannteste Kriegsfotografin Europas gilt.

Dabei begleitet die Betrachtung der Fotografien eine Frage: Ist hier, in den schlimmsten Momenten der Geschichte, ein weiblicher Blick erkennbar? Museumsvorstand Elisabeth Moortgat verdreht die Augen. Die Frage hat sie sich und anderen schon unzählige Mal gestellt, allein nach einer Antwort sucht sie noch immer. "Ich denke eher, dass der Blick individuell davon geprägt ist, wie ein Mensch aufwächst, in welchem Umfeld, und da spielen natürlich sozialgeschichtlich die Lebenssituationen der Frauen eine Rolle", sagt die Kunsthistorikerin der Deutschen Welle.

Im Auftrag der Streitmächte

Darüber hinaus stand auch der Blick der Fotografinnen unter den Vorgaben ihrer Auftraggeber: Sie arbeiteten im häufig für die Streitmächte, waren für staatliche Agenturen, Armee- und Frontzeitungen tätig. Sie mussten Fotografien abliefern, die den Widerstandswillen oder die ungetrübte Einsatzbereitschaft der Soldaten unter Beweis stellten, um in der eigenen Bevölkerung den Glauben an den Sieg zu untermauern. Ihre Aufnahmen waren häufig Teil der Propaganda. "Nach dem Ersten Weltkrieg kam man in Deutschland zu dem Schluss, dass die Fotografen zu wenig geschult waren, also wurden sie im Zweiten Weltkrieg erst in der jeweiligen Waffengattung ausgebildet und dadurch geprägt", sagt Elisabeth Moortgat.

Auch in der Kriegsberichterstattung der Gegenwart steht der sogenannte Embedded Journalism in der Kritik, weil er nicht unabhängig, sondern zu nah dran scheint am Militär, das als Berichtsgegenstand eine kritische Würdigung bedingen würde.

Unterschiedliche Darstellungen

Margot Blank vom Deutsch-Russischen Museum in Berlin hat allerdings Unterschiede in den Darstellungsweisen der verschiedenen Streitmächte erkannt. "Die visuelle Ausformulierung eines Feindbildes war bei der Propagandakompanie der Wehrmacht deutlich ausgeprägter als bei der Roten Armee", sagt Blank. Auf den Fotos der Sowjetarmee sei seltener ein Feindbild erzeugt als ein dokumentierendes Bild des Feindes erzeugt worden.

Zwei Frauen stehen vor einem Zug, sie tragen zu große Mäntel und arbeiten in Abwesenheit der Männer als Schaffnerinnen. (Foto: ©Museum für Photographie Braunschweig)

Die Mäntel zu groß: zwei Frauen 1916 als Schaffnerinnen

Der Einsatz von Frauen unterschied sich von Land zu Land. Deutsche Frauen hatten keinen Zugang zur Front, die Frau hatte im Selbstverständnis der Nazis die Rolle als Hausfrau und Mutter zu erfüllen. Ein Dogma, das bei fortschreitendem Kriegsverlauf nicht zu halten war. "Sie haben sehr mit diesem Bruch zum Verständnis ihres Systems gerungen", sagt Elisabeth Moortgat. Auch in anderen Ländern wurde zwar häufig das Bild der fürsorgenden Frau propagiert, in den Streitkräften Großbritanniens, Polens oder der Sowjetunion waren Frauen aber im Ersten oder Zweiten Weltkrieg im Fronteinsatz. Allerorten war der Einsatz von Frauen an der Heimatfront eine schlichte Notwendigkeit - in den damaligen Männerberufen.

Und so sind in der Ausstellung etwa die Aufnahmen der Britin Christina Broom oder der deutschen Amateurfotografin Käthe Buchler besonders eindrücklich, die männliche Abwesenheit als Konsequenz des Krieges zeigen: Suffragetten als Offiziere der Frauenpolizei, eine Postkutscherin, die Lastenträgerin.

Soldaten liegen mit Gewehren im Anschlag auf einem Gebirgspass. (Foto: Österreichische Nationalbibliothek)

An der Front: hinter den Soldaten in den Dolomiten

Die Ausstellung räumt auch mit der Frage auf, ob Frausein zwangsläufig mit einer pazifistischen Einstellung einhergeht. Die Österreicherin Alice Schalek, ab 1915 die erste akkreditierte Kriegsfotografin, lieferte im Ersten Weltkrieg nicht nur Fotos, sondern auch heimattümelnde Augenzeugenberichte, in denen sie den Krieg als reinigendes Erlebnis verherrlichte. Ihre Abenteuerlust dokumentiert etwa eine Aufnahme, für die Schalek auf einem Gebirgspass hinter österreichisch-ungarischen Soldaten lauerte, die ihre Gewehre im Anschlag hielten.

Die Schau ist noch bis 11. Februar 2018 zu sehen.

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