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Ölkrise und Klassenkampf

Tillmann Bendikowski22. April 2013

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1973, als sich deutsche Kommunisten vor den Käfer spannten...

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Mitglieder der DKP (Deutsche Kommunistische Partei) demonstrieren in Essen unter Mitführung eines VW Käfer gegen das von der Bundesregierung verhängte Fahrverbot am 25.11.1973 (Foto: ullstein bild - AP)
Ein ungewöhnlicher ProtestBild: ullstein bild/AP

"Er läuft und läuft und läuft", heißt es in einem VW-Werbespot aus den 1960er Jahren. Von wegen! In diesem Fall tut es der VW Käfer jedenfalls nicht aus eigener Kraft, sondern wird von freundlichen jungen Kommunisten gezogen. Und zwar durch die Straßen Essens. Doch diese Aktion hat weniger mit individueller Pannenhilfe als mit großer Politik zu tun, mit Ölkrise und Klassenkampf. Es ist der 25. November 1973, ein Sonntag. Statt zum Kirchgang treten die Anhänger der "Deutschen Kommunistischen Partei", kurz DKP, zum Protestmarsch an – gegen die Sonntagsfahrverbote, die die Regierung Brandt angesichts der Ölkrise verhängt hat.

Deutschland ist zu diesem Zeitpunkt schockiert über den Engpass bei der Öl-Versorgung: Vor dem Hintergrund des Jom-Kippur-Krieges zwischen Israel sowie Ägypten und Syrien setzen die arabischen Förderländer erstmals Öl als Druckmittel ein. Der Westen ist getroffen – immerhin bezieht eine Industrienation wie Deutschland seine Ölimporte zu drei Vierteln aus dem arabischen Raum. Die verhängten Fahrverbote sind da übrigens als Energiesparmaßnahme weitgehend nutzlos, doch das bleibt vielen Zeitgenossen damals zunächst verborgen.

Nicht verborgen bleibt der Öffentlichkeit – und hier kommt wieder die DKP ins Spiel – der Gewinn, den die Mineralölkonzerne auch in dieser Krise machen. "Die Reichen dürfen fahren", schimpfen die Genossen, "die Kleinen sollen sparen." Ja, so ist der Kapitalismus – aber deshalb auf zu Klassenkampf und Revolution? Dafür sind die Westdeutschen allein schon wegen des Blicks auf den real existierenden Sozialismus in der DDR nicht zu begeistern. Und auch autofreie Sonntage bringen sie nicht auf die Barrikaden.

Die 1968 als Nachfolgeorganisation der verbotenen KPD gegründete DKP lässt sich aber nicht erschüttern, auch weil sie auf eine gewisse Tradition zurückblicken kann. Gerade im Ruhrgebiet gibt es eine feste Stammwählerschaft und aktive Genossen. So bleibt die DKP in den 1970er und 1980er Jahren durchaus eine feste Erscheinung in der politischen Landschaft der alten Bundesrepublik, wenngleich ihr nennenswerte Wahlerfolge versagt bleiben. Der Mauerfall 1989 stößt sie schließlich in die Bedeutungslosigkeit. Heute gibt es die DKP zwar noch, aber sie marschiert nicht mehr.