Westbalkan

Bosnien und Kosovo - Europas vergessene Protektorate

Seit Ende der Kriege in Bosnien und im Kosovo hat die EU Milliarden investiert, um die Marktwirtschaft und den Rechtsstaat aufzubauen. Doch heute prägen Nationalismus, Korruption und Armut den Alltag, so Rüdiger Rossig.

Bosnien und Kosovo Europas vergessene Protektorate (DW/R. Rossig)

Deutsche Welle: In Ihrem Dokumentarfilm "Bosnien und Kosovo - Europas vergessene Protektorate", den Sie zusammen mit dem Regisseur Zoran Solomun gemacht haben, kritisieren Sie das Tun bzw. das Nichtstun der internationalen Gemeinschaft in diesen Ländern. Was hat sie falsch gemacht?

Rüdiger Rossig: Es wurde eine Menge Geld ausgegeben, es wurde dabei aber nicht darauf geachtet, ob dieses Geld auch produktiv ausgegeben wurde, im Sinne einer Steigerung des Wohlstands oder eines Aufbaus von Wohlstand und Demokratie in Bosnien und Kosovo.

In dem Film zeigen Sie, dass auch 21 Jahre nach Kriegsende in Bosnien und 17 Jahre nach Kriegsende im Kosovo die Bilanz katastrophal ist. Und zwar obwohl die internationale Gemeinschaft in beide Länder sehr viel Geld gepumpt hat. Wohin sind diese Mittel geflossen?

Ein großer Teil ist über die Entwicklungszusammenarbeit letztendlich zurückgelaufen in die Geberländer. Wenn eine internationale Organisation, eine nationale Regierung oder eine Gesellschaft wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Projekt ausschreiben, dann schicken sie ihre Berater und Mitarbeiter hin und die kosten auch Geld. Also, der große Teil des Geldes läuft zurück.

Und dann sind in Bosnien und im Kosovo lokale Bürokratien, Verwaltungsapparate und Hilfsorganisationen entstanden, die ebenfalls Teile dieses Geldes nehmen. Im Film gibt es das Zeugnis eines Mitarbeiters einer kleinen Hilfsorganisation, der schätzt, dass nur etwa zehn bis 15 Prozente des Geldes letzten Endes bei den eigentlich Bedürftigen in Bosnien und im Kosovo angekommen sind.

Verheerende "Kumpanei der Herrschenden"

Ist das bei den internationalen Organisationen niemandem aufgefallen?

Bosnien und Kosovo Europas vergessene Protektorate (O. Stiebitz)

Journalist und Filmemacher Rüdiger Rossig

Doch, ich fürchte, dass es allen aufgefallen ist, und es gibt durchaus auch interne Kritik. Aber da das ja bei der Unterstützung von Afghanistan, Irak oder afrikanischen Ländern genau so läuft, ist eine schlimme Normalität entstanden. Und obwohl man weiß, dass das nicht gut ist und den Ruf der internationalen Organisationen massiv schädigt, wird diese Art, mit dem Geld umzugehen, akzeptiert und man bietet keine Alternativen an.

In ihrem Film zeigen Sie, wie sich die Vertreter der internationalen Gemeinschaft mit den lokalen korrupten politischen Eliten verbunden haben. Wie konnte es so weit kommen?

Das muss man wohl als Kumpanei der Herrschenden bezeichnen. Als sie nach dem Krieg gekommen sind, hatten die internationalen Helfer dort keine Anbindung, sie waren auf sich alleine gestellt. Natürlich mussten sie mit den dortigen Eliten kommunizieren. Aber sie hätten nach den Sitzungen nicht so oft mit denen in teure Restaurants gehen sollen. Da ist ein Netzwerk entstanden, das mittlerweile auch auf der europäischen Ebene durchaus bedeutungsvoll ist, von lokalen Politikern aus Bosnien und aus dem Kosovo sowie internationalen Helfern. Sie kennen sich über Jahre, machen gemeinsam Urlaub, sie sind miteinander verbandelt und verbunden. Das führt bei der lokalen Bevölkerung zu großem Misstrauen, sowohl gegen die eigenen Eliten als auch gegen die internationalen Helfer.

Fortsetzung einer Politik, die nicht funktioniert

Sie sprechen von Kosovo und Bosnien als Protektoraten. Michael Steiner, der deutsche Diplomat, der nach dem Krieg in Bosnien für die internationale Gemeinschaft tätig war, hält dagegen, dass der größte Fehler der EU und der USA gerade darin bestanden habe, dass beide Länder nie vollständige Protektorate, sondern immer nur Halbprotektorate gewesen seien. Darüber hinaus hätte man den nationalistischen Parteien, die für den Krieg verantwortlich waren, nach dem Krieg ermöglicht, die Wahlen zu ihrem Gunsten zu organisieren. Warum haben die Westmächte dort nicht so gehandelt wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg?

Dieses Demokratiespiel, so zu tun, als ob man sofort nach dem Krieg freie Wahlen abhalten und eine offene Gesellschaft aufbauen könnte, war falsch und verlogen. Ich kann mir das nur dadurch erklären, dass sich die internationale Gemeinschaft das Balkanproblem möglichst schnell vom Buckel schaffen wollte. Es wäre wesentlich besser gewesen, wäre die internationale Gemeinschaft nach dem Krieg ehrlich zu der Bevölkerung gewesen. Man hätte sagen sollen: Ihr hattet einen fürchterlichen Krieg, wir müssen jetzt einige Jahre lang zuerst die Strukturen wachsen lassen und wir müssen uns darum kümmern, dass der Wohlstand wächst. Denn Wohlstand ist die Basis für eine funktionierende Demokratie, das zeigt auch die deutsche Erfahrung. Ohne geht es nicht.

Die internationale Gemeinschaft kam nicht mit einen Patentrezept nach Bosnien und ins Kosovo. Das ist auch verständlich, denn man konnte sich nicht auf eine Situation vorbereiten, die man vorher gar nicht kannte. Das Beunruhigende ist, dass auch 21 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina und 17 Jahre nach Kriegsende im Kosovo diese Strategie immer noch nicht verändert worden ist. Trotz aller Einsichten und obwohl man sieht, dass diese Politik nicht funktioniert, hält man an ihr fest.

Das Gespräch führte Jasmina Rose.

Rüdiger Rossig ist deutscher Journalist. Er studierte Balkanologie an der Freien Universität in Berlin und schrieb jahrelang für die Berliner "Tageszeitung" (taz). Von 1995 bis 1998 war er Mitarbeiter der UNO und der OSZE in Zagreb und Sarajevo.

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