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Brüsseler Kandidatenkarussell

Alexander Kudascheff14. April 2004

Die Ära von Romano Prodi als Präsident der europäischehn Kommission neigt sich dem Ende zu - und das Kandidatenkarussell um seine Nachfolge nimmt Fahrt auf.

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Die Amtszeit der Kommission Prodi läuft ab. Und die Kommission selbst - sie beginnt sich aufzulösen. In kurzer Zeit haben drei Kommissare Brüssel verlassen: Da ist zum einen die ebenso charmante wie wenig einflussreiche Griechin Anna Diamantopuolo, die nach Athen gegangen ist, eigentlich um Ministerin zu werden, aber da die Sozialisten die Wahl verloren haben, nun die harten Bänke der Opposition drücken muss. Da ist zum zweiten der ebenso leidgeprüfte wie wichtige spanische Kommissar Pedro Solbes, der Hüter des Stabilitätspakts des Euro, der bitter erleben musste, wie die Defizitsünder Frankreich und Deutschland ihm ungeniert auf der Nase herumtanzen konnten - und der nun als neuer spanischer Superminister für Wirtschaft und Finanzen an ihrer Seite sitzen wird. Ein für ihn angenehmer Platzwechsel. Da ist zum dritten Michel Barnier, der ebenso bescheidene wie unaufgeregte französische Kommissar für Struktur-und Regionalpolitik , der ganz nebenbei mehr als dreißig Milliarden Euro verwaltet und verantwortet, der - überraschend für die Brüsseler - neuer französischer Außenminister geworden ist.

Und der Präsident der europäischen Kommission, der Italiener Romano Prodi? Nun, er konnte in dieser Woche zehn neue Kommissare am Kabinettstisch begrüßen, die zehn Neuen aus den Beitrittsländern, die zwar kein Ressort verwalten, aber volles Stimmrecht haben. Der Kabinettstisch der europäischen Kommission wird also voller - doch der Präsident zeigt sich inzwischen - so scheint es - lieber in Rom als in Brüssel. Prodi will nämlich der große Gegenspieler von Silvio Berlusconi bei den nächsten italienischen Wahlen werden - als Kandidat der vereinigten Linken und Mitte, wie schon Mitte der 1990er-Jahre, übrigens. Und - für Brüsseler ebenfalls erstaunlich: in Italien kommt Prodi deutlich besser an als in Brüssel. Dort gilt er als hölzern, unglücklich agierend, ein Mann ohne rhetorisches Können und politischen Charme, schlicht als Fehlbesetzung. Und Prodi, der wohl lange Zeit dachte, sein Vertrag als "presidente" könne verlängert werden, weiß seit geraumer Zeit: die Granden der europäischen Personalpolitik, die Staats-und Regierungschefs denken an viele Kandidaten, an ihn aber nicht.

Also ist Prodi politisch eine"lame duck", die noch weniger ernst genommen wird als sonst schon. Dabei bleibt der Posten attraktiv: Und so tummeln sich auf dem Kandidatenkarussell eine Reihe von Bewerbern (allerdings keine Bewerberin). Der Österreicher Schüssel, der Luxemburger Juncker, der Belgier Verhofstadt, der Ire Ahern, der Finne Lipponen - die sicher erste Wahl sind. Gegen Juncker spricht übrigens nur eins: er will nicht. Und das ist entscheidend. Denn Juncker möchte seine Wahlen am 13. Juni zu Hause gewinnen - und vielleicht in zwei bis drei Jahren den neu geschaffenen Posten eines EU-Ratspräsidenten übernehmen. Für die anderen spricht: sie kommen aus kleinen Ländern, die noch niemals einen Kommissionspräsidenten gestellt haben. Alle - außer Lipponen - sind konservativ und haben deswegen eine Chance vom neuen EU-Parlament gewählt zu werden. Denn so rechnet man: die Konservativen Europas werden wohl die nächsten Wahlen gewinnen. Aber: die Demoskopen haben sich so oft getäuscht - dass auch ein anderer Ausgang möglich ist. Und dann ist Lipponen plötzlich der Spitzenkandidat, aber nur dann. Oder ist noch jemand ganz anderes aus dem Zylinder gezaubert.