Frauenrechte

Chiles Frauen kämpfen für das Recht auf Abtreibung

In Chile steht Abtreibung unter Strafe. Parlament und Senat haben aber einer Reform des Abtreibungsgesetzes zugestimmt. Darüber wird nun heftig diskutiert. Konservative bezeichnen die Reform als verfassungswidrig.

Chile Weltfrauentag Protest (DW/S. Boddenberg)

Viele Bürger in Chile demonstrieren für ein Recht auf Abtreibung

"Mein Körper, meine Entscheidung", steht in dicken schwarzen Buchstaben auf dem nackten Oberkörper einer jungen Frau geschrieben. Sie läuft mit tausenden anderen Frauen die Straße Alameda im Zentrum von Chiles Hauptstadt Santiago entlang. Nicht nur Frauen sind hier, auch Männer, Familien, Kinder. Sie singen, trommeln, schreien. Für mehr Frauenrechte. Für Entscheidungsfreiheit. Für die Freiheit, über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen. "Haltet eure Rosenkränze von unseren Eierstöcken fern", steht auf einem Schild.

Chile Weltfrauentag Protest | MILES (DW/S. Boddenberg)

In Chile ist jegliche Form von Abtreibung verboten - noch.

Chile ist eines von sechs Ländern weltweit, in denen Abtreibung unter allen Umständen verboten ist. Bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen einer Frau, wenn sie heimlich abtreibt. Auch in Nicaragua, der Dominikanischen Republik, El Salvador, Malta und im Vatikan-Staat ist der Schwangerschaftsabbruch nicht erlaubt. Die Organisation Miles Chile läuft bei dem Protestmarsch ganz vorne mit. Sie kämpft für das Gesetz der "Tres Causales" - der drei Gründe, in denen eine Abtreibung erlaubt werden soll: Wenn der Embryo lebensgefährlich geschädigt ist, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist oder wenn die Frau nach einer Vergewaltigung schwanger geworden ist.

Einfluss konservativer Gruppen

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet - die erste Frau in diesem Amt - hat den Gesetzesvorschlag der "Tres Causales" in ihr Regierungsprogramm aufgenommen. Bereits vor mehr als einem Jahr segnete die Abgeordnetenkammer den Vorschlag ab, auch der Senat entschied, ihn zu beraten. Die verschiedenen Kommissionen des Senats überprüfen jetzt jeden Artikel des Entwurfs und stimmen darüber ab. Das kann noch Monate dauern. 

Chile Weltfrauentag Protest | Claudia Dides (DW/S. Boddenberg)

Claudia Dides engagiert sich für die Rechte der Frauen

Claudia Dides ist Leiterin der Organisation Miles. Die Gruppe ist ein wichtiger politischer Akteur. Neben Lobbyarbeit bietet sie Frauen psychologische Beratung und Rechtsbeistand. Claudia Dides ist 50 Jahre alt und hat lange, dichte Locken. Sie hat den gesamten Prozess der Gesetzesinitiative begleitet. Der aber zieht sich. Grund dafür ist der Widerstand konservativer Gruppen und der Einfluss der katholischen Kirche. Die Gegner sind zahlreich und aggressiv. Auf Presseterminen wird Dides von Mitgliedern konservativer Organisationen oft angegriffen, geschubst und getreten. Nicht selten, dass man sie "Mörderin" und "Feminazi" beschimpft. Ihr wurde auch schon ein Fötus aus Plastik vor das Gesicht gehalten. "Es ist brutal, wenn mir jemand Mörderin ins Gesicht ruft, obwohl ich nie jemanden getötet habe", sagt sie.

Das Abtreibungsverbot in Chile stammt aus dem Jahr 1989, aus Zeiten der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Vorher war seit 1931 die sogenannte therapeutische Abtreibung erlaubt, also die Abtreibung in dem Fall, dass Gesundheit und Leben der Mutter oder des Fötus bedroht sein könnten. "Das Verbot der Abtreibung ist eine der vielen Erbschaften der Militärdiktatur", sagt Dides. "Die Diktatur wurde in Chile immer noch nicht überwunden."

Ein kleiner Schritt nach vorne

Paula, die ihren richtigen Namen lieber für sich behalten möchte, ist Studentin an einer Universität in Santiago de Chile. Heute ist sie 28 Jahre alt. Mit 18 Jahren wurde sie ungewollt schwanger und entschied sich für eine Abtreibung, weil sie ihre Zukunft nicht aufs Spiel setzten wollte. Ihr Fall würde auch nach Verabschiedung des Gesetzes der "Tres Causales" illegal bleiben. Sie hat wie die meisten chilenischen Frauen mit dem Medikament Misoprostol abgetrieben. Misoprostol stößt den Fötus ab. Die Preise auf dem Schwarzmarkt liegen zwischen 100 und 150 Euro. "Es hat sich eine Mafia gebildet rund um das Medikament. Es gibt nur wenige Informationen zur Anwendung und viele sind falsch", sagt Paula. "Und das ist gefährlich, es kann sogar tödlich sein."

Chile Weltfrauentag Protest (DW/S. Boddenberg)

"Dein Körper - Deine Entscheidung" steht auf diesem Banner

Niemand kennt die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche 

160.000 chilenische Frauen brechen jährlich ihre Schwangerschaft ab, sagt die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Die chilenische Regierung spricht von 33.000 Fällen, die jährlich in den Krankenhäusern erfasst werden. Doch diese Zahl bezieht sich nur die auf Frauen, die wegen Komplikationen ein Krankenhaus aufsuchen. Die Dunkelziffer der Abtreibungen ist viel größer.

Auch wenn das Gesetz durch den Senat kommen sollte, werden Frauen weiter heimlich abtreiben, meint Paula. "Chile ist an langsame Veränderungen gewöhnt, nicht an schnelle", sagt die junge Frau. Zweifelsohne wäre es ein Fortschritt, Abtreibung unter den drei derzeit debattierten Umständen zu erlauben. "Ziel aber muss sein, dass Abtreibung komplett straffrei wird", meint Paula. "Und zwar unter allen Umständen." 

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