1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Colin Powell war da

Jens Thurau16. Mai 2003

Berlin stand Kopf. Der Arbeitsbesuch des US-Außenministers wurde zum Indikator des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Und im fernen Washington fand ein unerwartetes Paralleltreffen statt.

https://p.dw.com/p/3eDk

Herr Colin Luther Powell, wie das Presseprogramm hochoffiziell bekannt gibt. Gerade ist er aus dem Flugzeug gestiegen, dass in Berlin Tegel landete. US-Außenminister Colin Powell wird von wichtigen Herren, unter ihnen der amerikanische Botschafter, begrüßt, steigt in eine Limousine und verschwindet ins Hotel. Das war es für heute.

Es ist Donnerstag, der 15. Mai 2003. Nur wenige Augenblicke hat Powell gebraucht, um aus dem Flugzeug zu steigen, im Auto zu verschwinden und den Flughafen zu verlassen. Der Fernsehsender N24 hat das live übertragen. Danach haben sich auf diesem Kanal – aber auch auf anderen – sehr viele wichtige Menschen über diesen 24-Stunden-Besuch des amerikanischen Chefdiplomaten in Deutschland ausgelassen.

Ein Arbeitsbesuch, eigentlich undramatisch - wenn irgendetwas denn gegenwärtig undramatisch sein kann im deutsch-amerikanischen Verhältnis.

Am nächsten Tag geht es genauso weiter: Colin Powell redet am frühen Morgen im Zweiten Deutschen Fernsehen. Dann spricht er mit dem Bundeskanzler, eine halbe Stunde. Ist das lang? Lang genug? Dann spricht Colin Powell mit Joschka Fischer. Alles, was im politischen Berlin journalistisch bei Verstand ist, widmet sich am Freitag (16.5.2003) diesem Thema. Powell soll das Eis brechen zwischen Berlin und Washington, zwischen Bush und Schröder. Er gilt als umgänglich, als Multilateralist. Er macht den Deutschen Hoffnung.

Derweil in Washington: Hessens Ministerpräsident Roland Koch ist auf US-Besuch. Er hat sich fest mit Vizepräsident Dick Cheney verabredet. Und dann darf er doch tatsächlich zehn Minuten mit dem Präsidenten sprechen, mein Gott, mit George Bush. Das ist ein klares Zeichen der US-Administration. Kleiner Hof für einen deutschen Oppositionspolitiker, aber immerhin ein Hof. Wann Schröder mal wieder zu Bush vorgelassen wird, ist offen.

Genauso verhält es sich mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Großer Bahnhof für Colin Powell. Live–Übertragungen von Flughafen-Ankünften. Man ist bemüht in Berlin. Man will sich nicht verbiegen und verrenken in Deutschland, aber man geht bis fast an diese Grenze. Alle Kameras sind auf Colin Luther Powell gerichtet.

In Washington interessiert sich keiner so recht für Roland Kochs Besuch. Aber der ist dafür im Deutschen Fernsehen sichtbar stolz darauf, von Bush empfangen worden zu sein.

Auf gleicher Augenhöhe möchte Gerhard Schröder mit den Amerikanern reden. Das wird wohl noch eine Zeit brauchen.