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Das Leben in der Sperrzone von Tschernobyl

Anastasia Magazova (mo)26. April 2016

Nach dem Super-GAU in Tschernobyl vor 30 Jahren wurden aus der 30-Kilometer-Zone um das AKW mehr als 115.000 Menschen evakuiert. Einige sind zurückgekehrt - und bereuen es nicht. Anastasia Magazova hat sie getroffen.

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Wiktor Tschausow und Marija Sapura in der Sperrzone von Tschrnobyl (Foto: Anton Skyba)
Wiktor Tschausow und seine Frau Maria Sapura leben einsam in einem fast verlassenen DorfBild: Anton Skyba

Eingefallene Dächer und kaputte Fenster, die im Wind knarren, erinnern an einen Horrorfilm. Auch wenn die Menschen diesen Ort vor 30 Jahren verlassen haben, geht das Leben weiter. Die Straßen werden von Pflanzen überwuchert und verwilderte Hunde gleichen inzwischen Wölfen. Mitten in Tschernobyl steht heute die Verwaltung für die gesamte Sperrzone.

"Ich bin immer noch glücklich!"

"Das Haus wird vom Eigentümer bewohnt", steht auf einem Schild im Fenster eines intakten Hauses. Aber ein Mann nebenan sagt, es sei in Wirklichkeit unbewohnt: "Einmal im Monat kommen die Enkelkinder meines früheren Nachbarn aus Kiew zur Kontrolle, ansonsten lebt dort niemand", sagt der 78-jährige Jewhen Markewytsch. Einst war er Lehrer in Tschernobyl. An den Tag der Katastrophe kann er sich gut erinnern. Er sei mit seinen Schülern unterwegs zu einer Sowchose gewesen, wo sie ​​Kartoffeln pflanzen sollten. Der Rauch über dem AKW hätte sie zunächst nicht beunruhigt, weil "dort öfter mal was brannte". Wenige Tage später begann die Evakuierung.

Jewhen Markewytschin Tschernobyl (Foto: Anton Skyba)
Jewhen Markewytsch fand nach dem Atomunfall in der Sperrzone ArbeitBild: Anton Skyba

Nach drei Monaten kehrte Jewhen zum ersten Mal zurück. "Ich hatte Heimweh", erinnert er sich. Da das Gebiet inzwischen eine Sperrzone war, hätte er eine Sondergenehmigung gebraucht. Aber ihm kam der Zufall zur Hilfe. "Von Kiew aus bin ich einfach mit einem Boot nach Pripjat gefahren. Am Ufer traf ich auf Polizisten. Einer von ihnen war ein alter Freund. Ich sagte, ich wolle mein Haus sehen. Er gab mir seine Jacke und seinen Polizeihut. So bin ich mit zitternden Knien nach Tschernobyl gekommen", erinnert sich Jewhen. Damals habe er gesehen, wie Soldaten mit einer Flüssigkeit Zäune und Dächer besprühten und Strahlenwerte mit Kreisen auf Häuser schrieben. Jewhen Markewytsch blieb damals nur für eine Nacht in seinem Haus.

Doch später kehrte er für immer zurück. "Ich habe einen Job bei der Strahlenüberwachung gefunden. Ich war bereit, jeden Job anzunehmen, Hauptsache in Tschernobyl", so der alte Mann. Inzwischen ist er im Ruhestand. Zusammen mit seiner Frau baut er Obst und Gemüse im eigenen Garten an und geht seinem Hobby nach - dem Angeln. Auf der Veranda seines Hauses hängt an einem Seil getrockneter Fisch. "Der ist aus unserem Fluss", sagt er stolz und zeigt auf zwei Boote, die er selbst gebaut hat. "Ich bin immer noch glücklich, dass ich mich damals so entschieden habe", betont Jewhen.

"Wir überleben, so gut es geht"

Insgesamt leben in der Sperrzone heute rund 180 Menschen, 80 in Tschernobyl und 100 in vier benachbarten Dörfern. Kupowate liegt 47 Kilometer vom AKW entfernt, dort wohnen 16 Personen. Am Eingang des Dorfes steht ein schiefes Holzhaus, im Hof stapeln ein Mann und eine Frau Brennholz. Es sind Wiktor Tschausow und seine Frau Maria Sapura. Vor der Katastrophe arbeitete sie als Melkerin, Wiktor war Bauarbeiter. Die Stadt Pripjat, die für die Arbeiter des Atomkraftwerks bestimmt war, hat er mit aufgebaut.

Marija Sapura in Tschernobyl (Foto: Anton Skyba)
Maria Sapura zog mit ihrem Mann Wiktor Tschausow zurück in ihr HeimatdorfBild: Anton Skyba

Auch Maria und Wiktor sind nach der Evakuierung heimlich zurückgekehrt. In ihrer Straße lebt sonst niemand. Strom haben sie fast immer, aber Wasser müssen sie aus einem Brunnen holen. Einmal im Monat bringt ein Postbote die Rente, zwei bis dreimal pro Monat kommt ein Verkaufswagen mit Lebensmitteln, bei dem sie Brot und Graupen kaufen. "Kinder haben wir keine, deshalb kommt uns niemand besuchen. Wir überleben, so gut es geht", sagt Maria.

Wiktor wird in diesem Jahr 80. Er zündet sich eine Zigarette an und erinnert sich an die Evakuierung. "Wir wurden alle wie Vieh zusammengetrieben. Zunächst kamen wir für drei Monate in ein Lager, dann in Wohnungen", berichtet er. "Aber wir bekamen nur ein Zimmer, mit Vorhängen statt Türen. Da stand nur ein Sofa. Und in einer Wohnung wurden gleich mehrere Familien untergebracht. Die Menschen mussten auf dem Boden schlafen." Deswegen seien sie in ihre Heimat zurückgekehrt. "Jetzt sind wir alt und müssen hart arbeiten. Aber wir haben Gurken, Tomaten und Kartoffeln", fügt Maria hinzu.

Vorfreude auf Ostern

In der Nachbarstraße wohnt Maria Prokopiwna in einem kleinen Haus, das von einem Obstgarten umgeben ist. In der Ecke des Raumes hängt eine Ikone, dekoriert mit Tüchern. "Die habe ich noch als junge Frau bestickt", sagt sie leicht verlegen. Auch sie erinnert sich genau an die Evakuierung und fängt an zu weinen: "Wir wurden weggebracht, man sagte, für drei Tage. Wir bereiteten uns damals gerade auf Ostern vor. Ich kann gar nicht beschreiben, was wir durchgemacht haben." Auch Maria Prokopiwna bekam eine Wohnung in einem benachbarten Bezirk zugewiesen. Dort sollten gleich mehrere Familien leben. Also packte sie ihre Sachen und ging zurück in ihr Heimatdorf. "Dieses Haus habe ich mit eigenen Händen gebaut", sagt sie.

Maria Prokopiwna in Tschernobyl (Foto: Anton Skyba)
Maria Prokopiwna baut eigenes Gemüse anBild: Anton Skyba

Maria Prokopiwna hat zwei Kinder und mehrere Enkel, die sie manchmal am Wochenende besuchen. 30 Jahre seien sehr schnell vergangen, sie habe sich an alles gewöhnt und es gehe ihr nicht schlecht. "Ich kann gar nicht alles essen, was ich habe", sagt sie und zeigt ihren Schrank, der mit eingemachten Tomaten, Gurken, Äpfeln, Kartoffeln und Zwiebeln gut gefüllt ist. "Ich habe natürlich gehört, dass man nach dem Atomunfall verboten hat, irgendetwas anzubauen. Aber es gab Strahlenmessungen und man sagte mir, alles liege im Rahmen zulässiger Werte", so Maria Prokopiwna. Sie kann das orthodoxe Osterfest, das in diesem Jahr auf den 1. Mai fällt, kaum erwarten. Mit ihrer Schwester, die im selben Dorf wohnt, will sie nach Tschernobyl zur Kirche fahren und dort traditionell ihre Osterspeisen segnen lassen.