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Das Schweigen brechen

8. Juli 2009

Sexueller Missbrauch ist ein Tabu, über das nur wenige Betroffene reden. Doch in Kamerun ist die Zahl der Übergriffe auf Mädchen und junge Frauen derart stark angestiegen, dass die Opfer die Täter nun anzeigen wollen.

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Afrikanische Vergewaltigunsopfer (Foto: picture-alliance/dpa)
Viele Afrikanerinnen fühlen sich mit ihren Erfahrungen allein gelassenBild: picture-alliance/dpa

Julie Njessa nimmt alle Kraft zusammen. Die zierliche 18jährige versteckt ihr Gesicht hinter den langen schwarzen Locken, damit man die Tränen nicht sieht. Sie spricht leise, ihr kleiner Sohn Fabrice schläft nebenan. In Douala ist es passiert, sagt Julie, in einem Hinterhof der Wirtschaftsmetropole Kameruns – vor zwei Jahren. Als sie noch zur Schule ging und ihre beste Freundin besuchen wollte. Doch dann war sie plötzlich allein – mit dem Freund ihrer Freundin. Eigentlich kannte sie ihn gut.

Kein Einzelschicksal

Vergewaltigunsopfer wartet auf medizinische Versorgung (Foto: dpa)
Medizinische Hilfe wie in Europa erhalten nur wenige AfrikanerinnenBild: PA/dpa

"Ich habe mich hingesetzt und wir haben Musik gehört. Dann habe ich gemerkt, dass der Typ das Zimmer abgeschlossen hat, ich habe es nicht verstanden", erinnert sich Julie. Dann habe er sie geschlagen, wieder und wieder, habe ihr die Kleider vom Leib gerissen, und sei ihr zwischen die Beine gegangen. "Ich habe stark geblutet. Als es vorbei war, bin ich aus dem Zimmer gerannt. Meine Kleider waren weg, ich habe mir irgendeinen Fetzen Stoff geschnappt und bin nach Hause gelaufen". Sechzehn war Julie damals - und sofort schwanger. Der erste Geschlechtsverkehr – eine Vergewaltigung. So wie Julie ergeht es offenbar immer mehr Mädchen und jungen Frauen in Kamerun.

Drastischer Anstieg sexueller Straftaten

Mädchen in Afrika (Foto: DW Petra Reategui)
Oft sind die Opfer sexuellen Missbrauchs noch sehr jungBild: Petra Reategui

Gerade wurde die erste landesweit durchgeführte Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt – finanziert auch mit deutscher Hilfe. Mit der repräsentativen und offenbar auch belastbaren Statistik betritt Kamerun Neuland in Afrika. Die Studie lüftet ein schreckliches Geheimnis. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl von Vergewaltigungen und Inzest in dem westafrikanischen Land drastisch angestiegen. Marie Ngangue arbeitet für die Hilfsorganisation Renata in der Hauptstadt Yaoundé: Mehr als 37.000 Frauen und Mädchen hätten an der Befragung teilgenommen, erklärt sie. "Die Informationen haben wir auf die Bevölkerung von Kamerun hochgerechnet. Wir haben herausgefunden, dass es in dieser Zeitspanne mehr als 430.000 weibliche Opfer gegeben haben muss, und dass das Durchschnittsalter der Opfer in der Zeit des Übergriffs bei 15 Jahren liegt." Mehr als fünf Prozent der kamerunischen Frauen und Mädchen seien bereits Opfer sexueller Gewalt geworden, Tendenz steigend.

Hohe Strafen

Überfülltes Gefängnis (Foto: dpa)
Täter müssen mit hohen Haftstrafen rechnenBild: dpa - Bildfunk

Den Paragraphen nach macht Kameruns Strafrecht keine Kompromisse, wenn es um körperliche oder psychologische Gewalt geht. Auch häuslicher Missbrauch und Vergewaltigung in der Ehe können streng bestraft werden. Für schuldig befundene Täter müssen mit Haftstrafen zwischen fünf und zehn Jahren rechnen – kommen sie aus dem Bereich des öffentlichen Dienstes, kann die Strafe sogar doppelt so hoch werden. Doch in Afrika redet man nicht über Sex, und schon gar nicht über sexuelle Gewalt. Auch in Kamerun herrscht, wie anderswo auch, eine "Omerta", ein Gesetz des Schweigens. Lange hat auch Julie geschwiegen.

Angst und Scham

"Ich hatte nicht den Mut, mit irgendjemand darüber zu reden", erinnert sich Julie. Sie wollte die Freundschaft nicht zerstören, denn ihre Freundin habe ihren Freund geliebt. "Aber vor allem habe ich mich geschämt – ich frage mich bis heute, warum ich da hingegangen bin. Und ich habe immer mir selbst die Schuld an allem gegeben. Ich konnte nicht akzeptieren, dass ich das Opfer war." Zwei Jahre hat es gedauert, bis sie so weit war. Heute kann sie darüber sprechen. Sie gehört selbst zu Marie Ngangues Organisation Renata – der Vereinigung der Tantines, der "Tantchen". Sie füllen eine Lücke, die in Kamerun immer größer wird: Weil der Staat nichts für die Sexualaufklärung der wachsenden Zahl junger Menschen tut, knüpfen die Teenage Mütter an die Rolle der Tanten an, die in der kamerunischen Gesellschaft traditionell für die Aufklärung zuständig waren.

Anderen Mut machen

Junge Mädchen in Kamerun (Foto: Jürgen Hanefeld)
Durch die Organisation gewinnen Mädchen und Frauen wieder SelbstbewusstseinBild: Jürgen Hanefeld

Mehr als 10.000 Tantines - Teenage-Mütter wie Julie - hat Marie Ngangues Organisation bereits ausgebildet. Sie berichten über ihr eigenes Schicksal, warnen vor den Folgen von früher Schwangerschaft, HIV und Aids – und brechen gemeinsam das Schweigen. Julie fühlt sich dank der Tantines endlich frei. Sie habe die Kraft, anderen Mädchen Mut zu machen. "Ich sage ihnen, dass sie nicht alleine sind. Und ich kann endlich und zum ersten Mal überhaupt über das reden, was mir passiert ist. Ich kann wieder nach vorne schauen. Ich fühle mich, als ob jetzt ein neues Leben beginnt." Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum.

Und darauf werden Julie und die anderen Mädchen nie eine Antwort finden. Traurige Gewissheit gibt es für sie nur in einem Punkt: Die erste Studie zum Thema beschränkt sich auf Kamerun. Doch es ist noch viel mehr Forschung nötig, sagt Julie. Denn Kamerun ist überall.

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Katrin Ogunsade