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Burkina Faso

20. Januar 2010

Thomas Sankara war wie Guevara ein Revolutionär. Der ehemalige Präsident Burkina Fasos wurde 1987 ermordet. Die Gründe sind heute immer noch ungeklärt. Für viele Afrikaner war er einer der größten Hoffnungsträger.

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Der ehemalige Präsident Burkina Fasos, Thomas Sankara (Foto: picture-alliance/dpa)
Thomas SankaraBild: picture-alliance/ dpa

Rote Baskenmütze, Jacke und Hose in Tarnmuster, dabei voller Energie – so trat der drahtige, gut aussehende Präsident von Burkina Faso stets auf. Egal, ob er sich mit seinen Ministern zu einer Besprechung traf oder auf einem Marktplatz den Leuten auf dem Land sein Regierungsprogramm erklärte. Am 4. August 1983 hatte sich der Soldat mit seinem Armee-Freund Blaise Compaoré an die Macht geputscht. Sankara – le Capitaine wie er auch genannt wurde – war gerade mal 33 Jahre alt, als er Präsident wurde. Das west-afrikanische Burkina Faso hieß damals noch Obervolta. Sankara änderte den Namen in Burkina Faso – übersetzt "Das Land der Aufrechten".

Frauen auf Motorrädern in Ouagadougou, Burkina Faso (Foto: picture-alliance/dpa)
Noch heute prägen Frauen auf Motorrädern das Stadtbild von OuagadougouBild: picture-alliance/dpa

Mit Idealismus zum Fortschritt

Damit wollte er die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit seines Landes betonen. Mit seinem Charisma und seinem dynamischen Auftreten gelang es dem jungen Präsidenten zunächst, eine breite Masse für seine extrem fortschrittliche und idealistische Politik zu begeistern. Er setzte ein viel beachtetes planwirtschaftliches Entwicklungsprojekt um, das dem armen Land zu mehr Unabhängigkeit, Spendengeldern und Krediten verhalf. Er ließ die Luxuslimousinen seiner Minister verkaufen und ersetzte sie durch Renault 5 – damals die billigsten Autos in Burkina Faso. Seine Leibwache bildeten 100 Frauen auf Motorrädern. Er verbot die Beschneidung von Frauen, verurteilte die Polygamie und sprach sich für Verhütung aus. Und als der Präsident 1987 seine Vermögensverhältnisse offen legte, konnten alle sehen, dass er genauso wenig Geld hatte wie seine Landsleute.

Der sozialistische Revolutionär orientierte sich an Kubas Politik und war stark beeinflusst von dem Ghanaer Jerry Rawlings. Sankara kämpfte gegen Hunger und Korruption, für ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem und – schon damals – für die Wiederaufforstung.

"Spielwiese des Präsidenten"

Thomas Sankara (Foto: picture-alliance/dpa)
Thomas Sankara bei einer MilitärparadeBild: picture-alliance/ dpa

Andere Entscheidungen trafen aber auf Unverständnis. Als 1984 rund 2000 Lehrer für höhere Gehälter streikten, entließ Sankara sie kurzerhand - mit drastischen Folgen für die Schüler. Unterricht fiel aus oder "Ersatzlehrer" ohne Ausbildung übernahmen die Klassen. Internationale Kritik handelte sich Sankara besonders mit seinen so genannten "Revolutionären Volksgerichtshöfen" ein. Im März 1985 weitete er deren Kompetenz praktisch unbegrenzt aus. Die Tribunale urteilten sowohl über politische als auch über wirtschaftliche Vergehen. Beschwerden über willkürliche Entscheidungen häuften sich, im Frühjahr 1987 brachte es die Neue Zürcher Zeitung auf den Punkt: Burkina Faso sei Spielwiese des Präsidenten.

1987 wurde Thomas Sankara bei einem Putsch des Militärs getötet. Angeführt wurde der Aufstand von seinem besten Freund Blaise Compaoré. Der Mord an Thomas Sankara wurde nie vor einem Gericht verhandelt. Seit dem Tod Sankaras regiert Blaise Compaoré Burkina Faso.

Vielleicht aber wurde Thomas Sankara zu einer Legende unter den afrikanischen Staatschefs gerade weil er so früh starb. Seine Entscheidung, 2000 Lehrer zu entlassen, war kurzsichtig und emotional. Seine Volksgerichtshöfe zeigen erste Anflüge von autoritärem Machtgebaren. In Besprechungen mit seinen Ministern und Beratern habe er zum Schluss immer weniger auf den Rat anderer gehört, sagen Vertraute des "Capitaine". Es bleibt Spekulation, ob Sankara nach einigen Jahren zu einem der vielen Diktatoren Afrikas geworden wäre. So aber bleibt er ein charismatischer Revolutionär, ein Vordenker, für den sein Volk vielleicht noch nicht bereit war.

Autorin: Christine Harjes

Redaktion: Katrin Ogunsade