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Der Druck auf das IOC wächst

26. April 2017

Deutschlands Parlament will wissen, wie ernst der Sport die Aufarbeitung des russischen Doping-Skandals nimmt. Das überraschende Ergebnis: Ein Durchlavieren wie in Rio wird dem IOC vor Pyeongchang keiner mehr abnehmen.

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Fahne Russland Olympisch
Bild: picture alliance/dpa/H. Hanschke

Man stelle sich einmal vor: Die größte Doping-Verschwörung der Sportgeschichte wird aufgedeckt und es geschieht so gut wie nichts. Klingt unvorstellbar. Doch genau das ist gerade passiert: Nach der Veröffentlichung der beiden Berichte von Chefermittler Richard McLaren, in denen zweifelsfrei eine massive staatliche Vertuschung eines landesweiten Dopingprogramms in Russland festgestellt wurde, wird noch immer geprüft. Das Internationale Olympische Komitee IOC hat den Bericht an seine Kommissionen delegiert und die Sportwelt wartet ungeduldig auf die Konsequenzen. Trotz der detaillierten, belegten und glaubwürdigen Erkenntnisse des kanadischen Ermittlers McLaren scheint das IOC nicht überzeugt, misstraut damit indirekt der WADA. Die Prüfung der im Juli und Dezember 2016 veröffentlichten Berichte dauere an, mindestens noch bis Sommer, sagt IOC-Generaldirektor Christophe de Kepper vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages, der am Mittwoch hochkarätige Experten zur Anhörung geladen hatte.

Richard McLaren: "Das IOC muss jetzt handeln"

Mindestens einem Teilnehmer der Diskussion dauert all das zu viel zu lange. "Es frustriert mich immer mehr, was passiert", moniert der nach Berlin gereiste Urheber des Enthüllungsberichtes Richard McLaren und fordert: "Es müssen konkrete Schritte eingeleitet werden, um das Problem an der Wurzel zu packen." Im Interview mit der DW wird er anschließend konkreter: "Ich habe meinen Report in relativ kurzer Zeit verfasst, die Konsequenzen lassen auf sich warten. Ich denke, dass sie (das IOC, Anm. d. Red.) nun schnell reagieren müssen. Denn es gibt einen massiven Druck, auf die Erkenntnisse zu antworten. Sie können nicht einfach abwarten."

"Eine Bankrotterklärung des internationalen Anti-Doping-Kampfes"

Der Ball liegt also im Spielfeld der obersten Hüter des olympischen Gedankens. Schon jetzt hat das Vertrauen in das IOC, tatsächlich einen fairen Wettkampf garantieren zu können und saubere Athleten zu schützen, erheblich gelitten. Führende Sportler kritisierten den laxen Umgang der IOC-Funktionäre mit dem des systematischen Dopings überführten russischen Leistungssports, einige forderten sogar den Rücktritt von Präsident Thomas Bach. Auch Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, hat kaum Verständnis für den Olympischen Dachverband: Ob das IOC nach der viel kritisierten Entscheidung vor den Spielen von Rio, die Verantwortung in der Frage der russischen Teilnahme auf die Sportfachverbände abzuwälzen, denn mit Blick auf die kommenden Winterspiele von Pyeongchang 2018 dieses Mal die Kraft fände, selbst zu entscheiden, will Dagmar Freitag wissen. "Es hat in Rio keine andere Möglichkeit bestanden, als die Fachverbände zu fragen", sagt de Kepper. "Wir stehen zu dieser Entscheidung."

Internationales Olympisches Komitee - Thomas Bach
Der Herr der Ringe: Viele erwarten von Thomas Bach nun eine klare Entscheidung im Fall RusslandBild: picture alliance/dpa/C. Charisius

Ein paar Plätze weiter schüttelt Hajo Seppel energisch den Kopf. Der ARD-Journalist und Doping-Experte hatte mit seinen Recherchen und Whistleblower-Interviews erheblichen Anteil an der Aufdeckung des russischen Doping-Skandals und ist deswegen einer der geladenen Sachverständigen. Die Zulassung Russlands zu den Spielen von Rio 2016 sei "eine Bankrotterklärung des internationalen Anti-Doping-Kampfes" gewesen, denn die Suspendierung eines Nationalen Olympischen Kommitees (NOK) sei nach der Charta des IOC durchaus möglich. Seppelt findet klare Worte und beschuldigt das IOC eines "billigen Taschenspielertricks" um einen Komplettausschluss Russlands zu vermeiden. Er forderte das IOC auf, die Entscheidungsgewalt, wer bei Sportereignissen wie den Olympischen Spielen starten darf, an die WADA abzugeben.

Der Interessenskonflikt des IOC

Dagmar Freitag: "Kaum Unrechtsbewusstsein"

In der Tat würde dies einen Interessenskonflikt lösen: Natürlich hat das IOC handfeste finanzielle Interessen an der Kooperation mit Gastgeberländern. Insbesondere große Nationen haben Einfluss, unter anderem auch weil hier lukrative TV-Deals geschlossen werden. Wenn das IOC tatsächlich die Verantwortung in der Frage der Zulassung abgeben würde, müsste es sich nicht länger fragen lassen, warum manch einflussreiche Nationen weniger hart bestraft werden als andere. So wurde das NOK von Kuwait bei den Spielen von Rio suspendiert, Russland hingegen nicht. Der kleine Staat wurde wegen politischer Einflussnahme der Regierung ausgeschlossen, Russlands Team wurde trotz massiver Verletzungen der Anti-Doping-Regeln nicht komplett ausgeladen.

Wenn selbst solch massenhafte Verstöße nicht zu drastischen Konsequenzen führen, kann der eine oder andere die Effizienz des internationalen Anti-Doping-Kampfes infrage stellen. Und wenn dies sogar die oberste Doping-Jägerin Deutschlands tut, steht es nicht gut um das System: Das aufgedeckte russische Staatsdoping sei "der größte Doping-Skandal der Sportgeschichte" und ein "Tiefschlag für alle sauberen Athleten", so Andrea Gotzmann, Leiterin der NADA Deutschland. Sie beklagte, dass bisher "keinerlei Konsequenzen gezogen" worden sind.

Die WADA wirkt hilflos

Andrea Gotzmann: "Verstoß gegen IOC-Charta"

Jetzt, da alle Augen auf die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA gerichtet sind, wirkt diese etwas hilflos. Sie lieferte mit ihrem Ermittler McLaren die Fakten, doch das IOC traut denen nicht und prüft erneut. Die fälligen Sanktionen kann die WADA nicht selbst fällen und auch in neuen Ermittlungen ist die Organisation auf externe Hilfe angewiesen, wie WADA-Europadirektor Benjamin Cohen klar stellt. "Der Fall Russlands hat das Licht auf die Notwendigkeit investigativer Maßnahmen gerichtet. Doping ist ein gesellschaftliches Problem. Jeder sollte den Weckruf erhalten haben."

Der deutsche Sport ist längst alarmiert, fürchtet um die viel beschworene "Chancengleichheit", die angesichts von sehr unterschiedlichen Auslegungen des Anti-Doping-Kampfes in der Welt aber keine Selbstverständlichkeit mehr sei, meint Alfons Hörmann. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes stellt fest: "Der Trend ist: Die Ehrlichen sind die Dummen." Was in Rio mit Russland passiert sei, dürfe sich nicht wiederholen. "Pyeongchang darf kein zweites Rio werden", so Hörmann, der ein "Versagen des Systems" erkennt. "Wenn weder Schuldbewusstsein noch Umdenken erkennbar sind, sind harte Strafen unumgänglich." Die in dieser Deutlichkeit formulierte Kritik am IOC ist neu. Wenn selbst ein langjähriger Weggefährte den IOC-Präsidenten so deutlich zum Handeln aufruft, scheint die Sportwelt erkannt zu haben, dass es ein "Weiter so" nicht mehr toleriert wird.