1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Der Euro für die Slowakei: Skepsis, Spannung und Sorge

Kilian Kirchgessner20. Juni 2008

In der Slowakei wird im kommenden Jahr der Euro eingeführt. Trotz der Angst vor höheren Preisen, freuen sich die meisten auf die Gemeinschaftswährung. Doch auch die sozial schwächer gestellten Slowaken?

https://p.dw.com/p/ENQy
Der slowakische Premierminister Robert Fico, zweiter von rechts, schüttelt dem slowenischen Premierminister Janez Jansa, rechts, die Hand beim EU-Gipfel in Brüssel (19.06.2008/AP)
Glückwünsche zur geplanten Euro-Einfühung: Der slowakische Premierminister Robert Fico, zweiter von rechts, schüttelt dem slowenischen Premierminister Janez Jansa, rechts, die Hand beim EU-GipfelBild: AP

Wenn der Euro kommt, sehen es die Bürger schwarz auf weiß: Bei ungefähr 700 Euro liegt dann das monatliche Durchschnittseinkommen, die Slowakei wird damit zum ärmsten Euro-Land. Höher sind die Löhne bis jetzt zwar auch nicht, aber wegen der Krone fällt das im internationalen Vergleich weniger auf. Die Angst der Slowaken ist, dass bei gleichbleibendem Einkommen, die Preise trotzdem auf das Niveau in der westlichen Euro-Zone steigen.

Neben allen Bedenken herrscht auch Freude über die Einführung der Gemeinschaftswährung. Die Politiker sind quer durch die Parteienlandschaft Euro-Befürworter – endlich werde die Slowakei zum vollwertigen EU-Mitglied, so ihre Meinung. Die linkspopulistische Regierung kündigt an, dass die Inflation nicht übermäßig steigen werde. Sogar ein neues Gesetz hat sie schon auf den Weg gebracht, das im kommenden Jahr die Teuerung dämpfen soll. Wer die Euro-Einführung dazu nutzt, die Preise unangemessen zu erhöhen, so steht es im Gesetzentwurf, der kann dafür sogar ins Gefängnis kommen. Für Menschen mit wenig Einkommen ist das kaum ein Trost, sie finden in der Euro-Euphorie kaum Gehör.

Leben am Minimum

Die slowakischen Euromünzen (19 July 2008/dpa)
Die slowakischen EuromünzenBild: picture-alliance/ dpa

Es riecht nach frischen Tomaten auf dem Markt von Bratislava. Die Bauern aus dem Umland haben die Stände gepachtet, jeden Tag fahren sie ihre Ernte früh morgens hinein in die Stadt. Zwischen den Händlern, vor denen sich Obst und Gemüse türmt, sitzt ein alter Mann auf einem Stück Pappe. Vor sich hat er auf einer umgedrehten Kiste sein Sortiment ausgebreitet: Zwei Tafeln Schokolade, eine Packung Suppenwürze, ein Pfund Kaffee und zwei Döschen mit Kosmetik will er heute verkaufen – ein Heller-Geschäft, wie man in der Slowakei sagt.

Bei gutem Wetterist der Mann jeden Tag hier, aber nur zwei Stunden am Vormittag. Er verkauft Ware, die nicht verdirbt. "Was ich heute nicht verkaufe, verkaufe ich eben morgen. Ich freue mich, wenn ich mir so fünf Kronen dazu verdiene." Fünf Kronen, das sind umgerechnet nicht einmal zehn Cent. Aber ihm ist jede einzelne Krone willkommen. Seine vier Kinder sind zwar schon lange aus dem Haus, aber trotzdem muss er sich selbst und seine Frau über die Runden bringen. 7.500 Kronen Rente bekommt er im Monat, das sind umgerechnet 250 Euro.

Angst vor Altersarmut

Der Mann war früher in der Lebensmittelbranche. "Wir sind eigentlich nicht schlecht dran, denn wir haben immer gespart", sagt er. 23 Jahre habe er in dem gleichen Unternehmen gearbeitet, kurz nach der Wende sei er dann 1992 in Rente gegangen. Seit dieser Zeit beobachtet er, wie alles in der Slowakei teurer wird – und wie er selbst damit um das gebracht wird, was er sich im Laufe seines Arbeitslebens aufgebaut hat.

Beispielsweise habe Milch am Anfang zwei Kronen gekostet, jetzt seien es 20 und manchmal sogar 25. Und die Rente habe sich kaum erhöht. Und wenn dann erst der Euro komme, so fürchtet der alte Mann vom Markt in Bratislava, dann werde alles noch einmal schwieriger. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Denn wenn im kommenden Jahr die Krone gegen den Euro getauscht wird, ist die Slowakei mit Abstand das ärmste Euro-Land.

Alles knapp kalkuliert

"Wir haben eben Angst vor Preiserhöhungen", sagt eine ältere Dame auf dem Markt. Man müsse nur über die Grenze nach Österreich schauen! "Ich habe gelesen, dass ein Rentner dort 1.300 Euro hat. Neulich habe ich mir ausgerechnet, wie viel ich bekommen werde: Gerade einmal 260 Euro. Deshalb mache ich mir Sorgen – die Preise gehen nach oben, die Rente bleibt, wo sie ist."

Der alte Mann mit seinem kleinen Geschäft auf dem Bordstein fühlt sich trotz allem gut gewappnet für die Zukunft. Seine zwei Packungen Schokolade und das Pfund Kaffee werde er wohl auch in Zukunft verkaufen können, sagt er. Nur eines sei wichtig: Er müsse gesund bleiben. Sobald er krank werde, könne er sich schließlich seine Rente nicht einmal ein wenig aufbessern auf dem Markt von Bratislava.