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Der Mauerbau und die Stasi

17. August 2021

Fast drei Jahrzehnte teilte sie Deutschland, trennte Systeme, entzweite Familien: Der Bau der Mauer begann vor 60 Jahren. Welche Rolle spielte die Stasi?

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Gedenken zum Mauerbau vor 54 Jahren
Sprung in die Freiheit: Das Foto zeigt Conrad Schumann, einen 19-jährigen Polizisten der Volkspolizei-Bereitschaften, genau in diesem Moment, als er über Stacheldraht springend aus der DDR flohBild: picture-alliance/dpa/R.Jensen

Fassungslos verfolgen die Berliner, was in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 geschieht: Sicherheitskräfte der DDR riegeln die Sektorengrenze ab, welche zwischen dem Osten und dem Westen der Stadt verläuft. Volks- und Grenzpolizisten, Mitglieder von Kampfgruppen, reißen Straßenpflaster auf, errichten Barrikaden aus Pflastersteinen, rammen Betonpfähle ein und ziehen Stacheldrahtverhaue.

Nur wenige Kontrollpunkte bleiben offen, fast alle S- und U-Bahnlinien werden gekappt. Berlin ist geteilt - und wird es 28 Jahre bleiben. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mauert ihre Bürger ein.

Menschen blicken auf die Berliner Mauer - vom französischen Sektor aus.
Menschen blicken im August 1961 auf die Berliner Mauer - vom französischen Sektor ausBild: picture-alliance/Ap Photo/Worth

Für die DDR-Staatssicherheit, organisiert in einem eigenen Ministerium, an dessen Spitze über viele Jahre Erich Mielke steht, ist das ein Glücksfall. Zu diesem Schluss kommen die Autoren Daniel und Jürgen Ast sowie Hans-Hermann Hertle in einer ARD-Fernsehdokumentation, an der auch die Deutsche Welle beteiligt ist.

Die Mauer und mit ihr die Abschottung Ostdeutschlands ist der Stasi "Garant für die Macht, ihr Lebenselixier". Vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 hätten Zehntausende von Stasi-Leuten nur ein Ziel gehabt: Die Mauer für die eigene Bevölkerung unüberwindbar zu machen. 

Erich Mielke

"Überwachung immer wichtiger"

Dafür werden Menschen abgehört, Post geöffnet, Spitzel auf Freunde und sogar Eheleute angesetzt: Der Film erzählt von den Mechanismen des DDR-Unrechtsstaates und der wachsenden Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). "Das MfS gewann mit der Mauer an Bedeutung", sagt im Film der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger, "die Aufgaben wurden immer größer, sprich: die Überwachung immer allseitiger."

Stasi-Chef Mielke hatte schon gleich nach dem Mauerbau verkündet: "Die Situation nach dem 13. August zeigt, dass die Errichtung eines antifaschistischen Schutzwalles für die Bürger der DDR gut und richtig ist. Die Arbeiterklasse hat die Macht erobert, um sie nie wieder abzugeben!"

Immer undurchlässiger wird dieses Bollwerk - vor allem dank der sichtbaren und subtilen Arbeit von Mielkes Kontrollmaschinerie. Menschen, als "Republikflüchtige" verunglimpft, sterben im Kugelhagel von Grenzpolizisten. "In meinen Augen waren das damals Schufte. Für uns waren das Verräter, die unseren Staat verraten wollten. Egal aus welchen Motiven heraus, politische oder wirtschaftliche. Nichts rechtfertigte eine Flucht!", sagt im Film Stasi-Mann Jäger.

Motorradpolitizisten beobachten den Mauerbau aus westlicher Sicht.
Die DDR riegelte mit dem Mauerbau die Sektorenübergänge in Berlin abBild: picture alliance/dpa/Bildarchiv

Fluchtwillige werden festgenommen, landen in Gefängnissen oder werden im Tausch gegen Devisen an den Westen "verkauft". Wenn Tunnelgräber auffliegen, Reisende aus Berlin beim Grenzübertritt durchleuchtet oder als "Inoffizielle Mitabeiter" für die Stasi rekrutiert werden - immer und überall haben Mielkes Spezialisten von "Horch und Greif", wie die Stasi im Volksmund hieß, ihre Finger im Spiel.

"Keine Absicht zum Mauerbau"

Der Befehl zum Mauerbau? Den hatte SED-Chef Walter Ulbricht erteilt, nur zwei Monate nachdem er vor der Weltpresse versichert hatte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen".

Ulbricht: "Niemand hat die Absicht ..."

Viele Historiker glauben heute: Die SED und Ulbricht wollten die Grenze in Berlin schon viel früher dicht machen: Schon 1952 ließ die Sowjetführung in Moskau die innerdeutsche Grenze abriegeln. Immer mehr Ostdeutsche nutzten jetzt das "Schlupfloch" West-Berlin. Die DDR blutete aus. Ulbricht wollte das Loch stopfen, daher sein Befehl. Ulbricht - ein Lügner?

Die Fernsehdokumentation liefert Innenansichten des DDR-Regimes. Einstige Stasi-Verantwortliche kommen zu Wort und kommentieren die selten gezeigten historischen Originalaufnahmen. "Die Mauer musste auf der einen Seite psychisch und physisch erhalten werden. Auf der anderen Seite wollten wir uns weltoffen darstellen", analysiert Stasi-Offizier Günther Enterlein rückblickend, "für uns war es Arbeit, zunehmend Arbeit."

In den letzten Tagen der DDR, als der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow auf Glasnost und Perestrojka (Politik der Offenheit und Umgestaltung) setzte, geriet auch das DDR-Regime unter Druck. "Alles was mit Entspannung zu tun hatte", erinnert sich Enterlein, "war für uns, die Staatssicherheit, kreuzgefährlich."

Deutschland Mauerbau - Bernauer Straße - Flüchtlinge
Eine ältere Dame ist aus einem Fenster geklettert, um auf die zu West-Berlin gehörende Straße zu gelangenBild: picture-alliance/dpa

Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Der DDR sicherte die Mauer ihren langen Bestand. Mielkes Imperium verdankte dem "antifaschistischen Schutzwall" seine Blütezeit.

Mit dem Fall der Mauer gingen beide sang- und klanglos unter. Ironie der Geschichte: Es war ein Stasi-Mann, der am 9. November 1989 den Schlagbaum an der Bornholmer Straße öffnete - und damit die Berliner Mauer.

Die ARD-DW-Dokumentation ist in diesen drei Sprachen im Internet frei verfügbar: Englisch, Spanisch und Arabisch. Hinweis: Aus urheberrechtlichen Gründen können diese Videos nur außerhalb von Deutschland abgespielt werden. Die deutsche Fassung der Dokumentation "Die Stasi und die Mauer" strahlt die Deutsche Welle am 17. August 2021 aus.