Kunst

Der Traum des Hajo Jahn von einem Zentrum für verfolgte Künste

Hajo Jahn hatte einen Traum: 25 Jahre hat der Journalist dafür gekämpft, ein Drittel seines Lebens. Jetzt wird das von ihm initiierte "Zentrum für verfolgte Künste" in Solingen eröffnet. Geht sein Traum in Erfüllung?

Ganz klein wirkt der Mann, wenn er das schwere, schwarze Eichenportal des ehrwürdigen Jugendstil-Baus unter Mühen aufzieht. Früher tagten hier die Stadtväter, nun beherbergt das prächtige Gebäude ein Kunstmuseum. Hajo Jahn trägt Sportschuhe. Auf seinem Kopf sitzt eine rote Baseballkappe. Die Augen des 75-Jährigen funkeln. "Ich habe die Schizophrenie einer Diktatur erlebt", sagt er. "Menschen wie ich müssen was zurückgeben!"

Jahns Traum ging so: Gleich zwei Mal hatte Deutschland seine Künstler und Intellektuellen drangsaliert und schikaniert. Viele wurden außer Landes gejagt. Nach Nazi-Diktatur (1933-1945) und SED-Herrschaft (1953-1989) sollte sich das neue Deutschland seiner Vergangenheit stellen - und endlich auch an die verfolgten Künstler erinnern.

Deutschland Solingen Zentrum für verfolgte Künste. Stefan Dege / DW

Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen.

Zensur und Bücherverbrennung, "Entartete Kunst", Verfolgung und Exil: Um diese Themen sollte alles kreisen. Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerte, Internetportal, Filme und Seminare, so Jahns Vision, sollten nicht nur in das Gestern blicken, sondern den Bogen ins Heute schlagen. Davon sieht Jahn das "Zentrum für verfolgte Künste", wie es jetzt kommt, noch weit entfernt.

Zeitzeugen und Künstler sollen erzählen

Jahns Zentrums-Idee ist ambitioniert und politisch. Er wünscht sich ein lebendiges, international vernetztes Haus. Nichtregierungsorganisationen wie "Writers in Prison","Pro Asyl", "Amnesty International" oder die "Guernica-Gesellschaft" sollen hier ebenso mitarbeiten wie "Ärzte ohne Grenzen" oder "Schulen ohne Rassismus". Zeitzeugen, Künstler und Intellektuelle aller Genres möchte Jahn einspannen. Ihre Geschichten will er erzählt wissen.

Deutschland Solingen Zentrum für verfolgte Künste Hajo Jahn. Stefan Dege / DW

Hajo Jahn

"Um Jugendliche in Internet-Zeiten für die Freiheit der Kunst zu begeistern", sagt Jahn, "muss man schon mehr machen, als nur Museum." An Bildern könne man sich sattsehen. Bücher setzten mit der Zeit Staub an. "Deshalb müssen wir hier 'Kino im Kopf' machen".

Was Jahn damit meint, hat die von ihm gegründete Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft schon einmal Anfang der 1990er-Jahre gezeigt. Damals brannten in Deutschland erstmals Asylantenheime. Jahn mobilisierte die Mitglieder gegen Fremdenfeindlichkeit. Autoren wie Günter Grass, Herta Müller und Peter Härtling brachten ihre schärfste Waffe in Stellung - die Sprache. Quer durch die Republik gab es vielbeachtete Dichterlesungen in Flüchtlingsheimen. Nachbarn sollten in Kontakt mit den Flüchtlingen kommen, um zu erkennen: Das sind ja Menschen wie wir!

Deutschland Rechtsradikale Gewalt gegen Ausländer in Rostock-Lichtenhagen 1992. picture-alliance/dpa

Fremdenfeindliche Übergriffe auf Asylbewerberheime: Hier in Rostock-Lichtenhagen (1992)

Bisher kein nationales Zentrum für verfolgte Künstler

Solche Aktionen, weiß Jahn, kosten viel Geld. Zwar geben der Landschaftsverband Rheinland (LVR) und die Stadt Solingen dem "Zentrum für verfolgte Künste" jährlich 300.000 Euro. Und kürzlich bewilligte der Bundestag eine Million Euro für den Ankauf von Kunstwerken.

Doch in Jahns Augen ist das zu "viel zu wenig", um dem Zentrum Leben einzuhauchen. Der Bund müsse sich stärker und vor allem dauerhaft engagieren. Trotzig zieht Jahn eine Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags von 2011 aus der Tasche. "Es fällt auf", steht da, "dass im Gedenkstättenkonzept des Bundes eine Gruppe nicht ausdrücklich genannt ist, die in der NS-Zeit und auch unter der DDR-Diktatur vielfach politischer Verfolgung ausgesetzt war: Künstler und Intellektuelle." Für sie gebe es kein zentrales Mahnmal, keinen Gedenkort von nationaler Bedeutung. "Der Staat", klagt Hajo Jahn, "behandelt seine exilierten Schriftsteller und Künstler eben immer noch wie Stiefkinder!"

Salman Rushdie. picture alliance/ZUMA Press

Auch der im Exil lebende Schriftsteller Salman Rushdie setzte sich für das Projekt ein

Der einstige Radiomann ist das Moderieren gewohnt, freilich auch das Zuspitzen. Doch Jahn ist ein Getriebener, das liegt an seiner Lebensgeschichte: 1953 die Flucht der Familie aus der DDR, die Erlebnisse in Flüchtlingslagern in Hamburg und im Ruhrgebiet, die späte Konfrontation mit dem Schicksal des leiblichen Vaters, der als "Naziopfer" im KZ Sachsenhausen saß. Es folgen Lehre, Gelegenheitsjobs und Zeitungsvolontariat. Er leitet das Regionalstudio eines Radiosenders. Jahn hat viel erreicht und nicht weniger Kritik eingesteckt. Ein Vorwurf empört aber ihn besonders: Er dürfe die DDR doch nicht gleichsetzen mit Nazi-Deutschland. "Aber wenn ein Staat Meinungen unterdrückt und Kritiker wegsperrt", fragt Jahn, "ist das nicht Diktatur?"

Künstlerverfolgung weiter aktuell

Als die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft Wuppertal, deren Vorsitzender Jahn heute ist, und das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland 1994 in Düsseldorf die Stiftung "Verbrannte und verbannte Dichter/Künstler - für ein Zentrum der verfolgten Künste" ins Leben riefen, fand Jahn schnell Mitstreiter. Namhafte Autoren wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Johannes Mario Simmel, die aus der DDR stammenden Sarah Kirsch, Reiner Kunze oder Wolf Biermann, die Rumäniendeutsche Herta Müller und aus Israel Yehuda Amichai und viele andere unterzeichneten den Gründungsaufruf. Mit Salman Rushdie unterschrieb auch der damals wohl bekannteste verfolgte Dichter. "Das hat gezeigt", glaubt Jahn, "wie aktuell das Thema Verfolgung weiter ist."

Hajo Jahns Weg durch die Solinger Museumsausstellung führt direkt zu den Gemälden Oscar Zügels. Dessen "Ikarus" von 1935 verstanden die Nazis zu Recht als Regimekritik: Absturz und Tod des Übermütigen gelten in der griechischen Mythologie immerhin als Strafe der Götter für den Griff nach der Sonne. Auch das ist "Kino im Kopf", wie Jahn es mag. Vorbei an den Werken bekannterer Künstler wie Else-Lasker-Schüler, Otto Pankok oder Georg Meistermann schlendert er zu mannshohen, spärlich beleuchteten Vitrinen. Darin sind Bücher, Fotografien und Texte verfolgter Dichter drapiert - zum DDR-Lyriker Jürgen Fuchs etwa oder der von Jahn verehrten jüdischen Schriftstellerin Else Lasker-Schüler. Eine Fotowand beleuchtet Lebensstationen des Tschechen Václav Havel.

Deutschland Solingen Zentrum für verfolgte Künste Ikarus. Zentrum für verfolgte Künste/DW/S. Dtege.

"Ikarus" von Oscar Zügel

Traum zum Greifen nah

Es war die Else-Lasker-Schüler-Stiftung, die die "Sammlung Jürgen Serke" zu verbrannten Dichtern vor Jahren erwarb und jetzt in das Solinger Zentrum einbrachte. Das "Zentrum für verfolgte Künste" beleuchtet aber nicht nur die NS-Zeit, als Regime-Kritik das Leben kosten konnte. Auch Künstler, die unter dem DDR-Regime litten, rückt es ins Blickfeld. So spannt sich der Bogen beinahe über ein ganzes Jahrhundert. Die Exponate sind Teil der "Bürgerstiftung für verfolgte Künste - Else-Lasker-Schüler-Zentrum - Kunstsammlung Gerhard Schneider". Letztere umfasst allein 3000 Werke.

Kurz bevor das "Zentrum für verfolgte Künste" offiziell seine Pforten öffnet, bevor Politprominenz aus der Landeshauptstadt Düsseldorf und dem fernen Berlin anreist, treffen die Kuratoren letzte Vorbereitungen. Hausmeister schleppen Möbel. Bilder werden gehängt, Lampen eingestellt. Hinweisschilder und Beschriftungen geklebt, der Museumsshop ergänzt. Ein weißer Lieferwagen parkt auf dem gepflasterten Vorplatz. "Warum eigentlich nicht ein Container voller verbotener Bücher?", will Jahn wissen. Harry Potter etwa werde von christlichen Fundamentalisten in den USA angefeindet, die Bibel in vielen arabischen Ländern verboten. Für Hajo Jahn bleibt viel zu tun. Sein Traum vom "Zentrum für verfolgte Künste" wirkt zum Greifen nah.

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