Bosnien-Herzegowina

"Die ethnische Zugehörigkeit hat sich eingebrannt"

Wer ins Ausland zieht, ist oft nationalistischer als diejenigen, die im Heimatland geblieben sind. Das Gefühl, in der neuen Heimat nicht akzeptiert zu sein, wirkt verstärkend, sagt Soziologin Ana Mijić im DW-Interview.

Profiboxer Sturm verliert WM-Titel (DW/M. Smajic)

Bosnische Fans bei einem Boxkampf des aus Bosnien-Herzegowina stammenden deutschen Boxers Felix Sturm

Deutsche Welle: Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie Bosnier in Österreich im Spannungsfeld von Krieg, Nachkriegszeit und Migration eine Art kosmopolitischen "Long-distance-Nationalismus" entwickelt haben. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Ana Mijić: Der Begriff des "Long-distance-Nationalismus" - ein Nationalismus auf große Distanz - stammt von dem britisch-amerikanischen Politikwissenschaftler Benedict Anderson. Er bezeichnet damit eine politische Haltung von Menschen in der Diaspora. Im Rahmen seiner Forschung hat er festgestellt, dass im Ausland lebende Personen oft einen stärker ausgeprägten Nationalismus entwickeln, als jene, die im Herkunftsland verbleiben. Verursacht durch das Gefühl, in der neuen Gesellschaft nicht vollkommen akzeptiert zu sein, ermöglicht es diese starke Verbundenheit zur "Heimat", ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten: Man betrachtet sich selbst als Teil einer großen und bedeutenden Gemeinschaft.

Dank Internet samt Skype und WhatsApp bleibt man virtuell in Kontakt; dank Billigfliegern werden Wochenendbesuche in der Heimat problemlos möglich. Problematisch wird diese politische Haltung vor allem dadurch, dass die "Long-distance-Nationalisten" in ihren Herkunftsländern politisch partizipieren, ohne aber letztlich die Verantwortung für ihre politischen Handlungen übernehmen zu müssen. Sie gestalten eine gesellschaftliche Wirklichkeit mit, in der sie selbst nicht leben müssen.

Inwieweit sind solche nationalistisch geprägten Menschen kosmopolitisch? Ist das nicht widersprüchlich?

Ja, aber im Leben von einzelnen Menschen kann sich beides zeigen. Eine Ausgangsthese meiner Forschung ist nun, dass das Leben in der Diaspora nicht nur solche nationalistischen Haltungen befördert, sondern auch einen gewissen Kosmopolitismus - eine Öffnung gegenüber anderen Kulturen, Religionen, Geschichten und ein Gespür für die weltweite Verwobenheit.

Ana Mijic, Soziologin Universität Wien (privat)

Soziologin Ana Mijić: "In Bosnien-Herzegowina fühlen sich alle Volksgruppen als Opfer"

Sie haben festgestellt, dass die ethnische Zugehörigkeit der Menschen aus Bosnien-Herzegowina ein Bestandteil ihrer Selbst geworden ist. Wie gelingt es diesen Menschen - 22 Jahre nach dem Krieg - daran festzuhalten?

Die ethnische Zugehörigkeit ist sogar ein zentraler Bestandteil des Selbst geworden. Doch das gilt nicht nur für Bosnien sondern für die gesamte Region: Der Krieg hat quasi zu einer Verschmelzung von "Ich" und "Wir" geführt. Während des Krieges wurde entlang ethnischer Grenzen gemordet, vergewaltigt, vertrieben. Die ethnische Zugehörigkeit hat sich in die Identitäten eingebrannt. Die zentrale Herausforderung der Nachkriegszeit bestand und besteht nun darin, ein positives Bild der eigenen Wir-Gruppe aufrechtzuerhalten.

Berichte, wonach Mitglieder oder führende Persönlichkeiten der eigenen ethnischen Gruppe Kriegsverbrechen begangen haben, müssen abgewehrt werden, um an einem solchen positiven Selbstbild festhalten zu können. Die starke Identifikation mit der Gruppe führt auch dazu, dass man sich als Individuum durch solche Anklagen persönlich angegriffen fühlt. Man denke etwa an die Proteste im Zuge der Anklage, Verhaftung oder Verurteilung des früheren Anführers der bosnischen Serben Radovan Karadžić, seines Generals Ratko Mladić und des früheren kroatischen Generals Ante Gotovina. Allein die Tatsache, dass ich hier den Kroaten Gotovina in einem Satz mit den bosnischen Serben Mladić und Karadžić nenne, wird bei kroatischen Leserinnen und Leser vermutlich zu einer Abwehrhaltung führen.

Im Rahmen meiner Forschung habe ich festgestellt, dass sich auch im gegenwärtigen Bosnien-Herzegowina alle Volksgruppen ausschließlich als Opfer fühlen, denn diese Selbstviktimisierung ermöglicht es, nachhaltig an einem positiven Selbstbild festzuhalten. Wer Opfer ist, so die Annahme, kann nicht gleichzeitig auch Täter gewesen sein.

In Deutschland wie in Österreich leben viele Migranten aus Bosnien und Ex-Jugoslawien, die in den 1990er Jahren als Kriegsflüchtlinge kamen. Könnte die Entwicklung des "Long-distance Nationalismus" einen neuen Konflikt heraufbeschwören?

Im heutigen Bosnien Herzegowina geht es viel mehr um die Durchsetzung der eigenen Perspektive. Der Kampf um die Vergangenheit - um das, was während des Krieges geschah - wird zu einem Kampf um die Wahrheit. Verstärkt werden diese ethnischen Konfliktlinien durch nationalistische politische Eliten, die sich allein aufgrund der anhaltenden Bedeutung dieser Konfliktlinien an der Macht halten können.

In ihrem Alltag sind die Bosnierinnen und Bosnier von diesen Auseinandersetzungen zunächst einmal nicht so sehr betroffen. Ich habe festgestellt, dass in Situationen, in denen Menschen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit aufeinandertreffen, der Krieg komplett ausgeblendet wird. Das Sprechen von allem, was mit der kriegerischen Vergangenheit des Landes zu tun hat, wird tabuisiert.

Dieses Schweigen birgt Chancen und Risiken gleichermaßen: Einerseits ermöglicht es eine konfliktfreie Kommunikation. Doch wenn nicht darüber gesprochen wird, was war, wird man auch nie eine gemeinsame Perspektive auf Vergangenes entwickeln können und die einzelnen Volksgruppen werden sich auch weiterhin ausschließlich als Opfer fühlen und jede Verantwortung von sich weisen.

Ana Mijić studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Tübingen. 2007 wechselte sie als Assistentin an das Institut für Soziologie der Universität Wien und publizierte das Dissertationsprojekt "Verletzte Identitäten". Seit 2016 erforscht sie die Nachkriegsdiaspora der Bosnierinnen und Bosnier in Österreich.

Das Gespräch führte Jasmina Rose.

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