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Griechenland Gewerkschaften

19. Oktober 2011

Die Gewerkschaften in Griechenland haben zu einem 48-stündigen Generalstreik gegen die Sparpolitik der Regierung aufgerufen. Doch viele Arbeitnehmer wollen bei den Streikaktionen nicht mitmachen.

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Menschen mit griechenscher Flagge im Vordergrund und eine Polizeikette im Hintergrund (Foto: dapd)
Generalstreik in Griechenland im Juni 2011Bild: dapd

Am Mittwoch (19.10.2011) und Donnerstag soll ein 48-stündiger Generalstreik das öffentliche Leben in Griechenland lahm legen - zum dritten Mal in diesem Jahr. Beamte, Ärzte, Anwälte, Beschäftigte der Kommunalverwaltungen, Studenten und erneut die Fluglotsen treten in den Ausstand. Ihr Ziel: für zwei Tage wird das Land von der Außenwelt praktisch abgeschnitten. Lautstark protestieren vor allem die Gewerkschaften und ihre Mitglieder gegen die drastischen Kürzungen und Sparmaßnahmen.

Aber: die Unterstützung lässt nach. Immer mehr Arbeitnehmer wollen bei den Protestaktionen nicht mehr mitmachen. Zudem stagniert die Mitgliederzahl der meisten Gewerkschaften seit Jahren - auch in Zeiten der Schuldenkrise.

Gewerkschaften weniger attraktiv

Plakat der griechischen Gewerkschaft GSEE mit einem Aufruf zum Generalstreik (Foto: www.gsee.gr)
Massengewerkschaften wie die GSEE haben es beim Nachwuchs schwerBild: www.gsee.gr

Das Problem der Gewerkschaften kennt Jannis Kouzis nur zu gut. Der Professor für Arbeitsbeziehungen an der Panteion Universität in Athen berät die größte Arbeitergewerkschaft GSEE und hat eine umfassende Studie über die Gewerkschaften im heutigen Griechenland verfasst. Kouzis gilt als arbeitnehmerfreundlich, spart aber auch nicht mit deutlicher Kritik am Führungsstil der Gewerkschaftsbosse.

Den wichtigsten Grund für den schwindenden Einfluss großer Gewerkschaften sieht er vor allem in einem neuen Verständnis der Arbeitsbeziehungen sowie in den Besonderheiten des Arbeitsmarktes in Griechenland. Vor allem jüngere Arbeitnehmer würden sich nicht ohne Weiteres für gemeinschaftliches Handeln begeistern lassen. Deswegen seien die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften seit den späten achtziger Jahren konstant, obwohl die Zahl der abhängig Beschäftigten seitdem zugenommen hat. Zudem dürfe man auch nicht vergessen, dass der Großteil der griechischen Unternehmer weniger als zwanzig Mitarbeiter beschäftigen und in diesen kleineren Betriebsstrukturen gewerkschaftliche Betätigung sehr schwierig sei.

Europaweiter Trend

Weibliches und männliches medizinische Personal hinter einer Glastür (Foto: dapd)
Notfalldienst im Streikfall nur in der TheorieBild: dapd

Damit folgt Griechenland nach Ansicht von Experten einem europaweiten Trend: Moderne Arbeitsbeziehungen sind flexibel aber auch unübersichtlich. Oft werden sicher geglaubte Arbeitsplätze durch Teilzeitverträge oder selbstständiges Wirtschaften ersetzt. Dadurch erscheinen Massengewerkschaften nicht mehr allmächtig.

Zudem geraten etliche Arbeitnehmervertreter in Abhängigkeit zur Politik. In Griechenland ist es keine Seltenheit, dass die einer Regierungspartei genehmen Gewerkschaftsbosse mit einem Abgeordnetenmandat oder Ministerposten versorgt werden. Kouzis sieht die Gewerkschaften in der Bringschuld. Eine Gewerkschaftsbewegung, die als unzuverlässig empfunden werde, liefere ihren Gegnern den willkommenen Vorwand für einen Frontalangriff, warnt der Athener Professor für Arbeitsbeziehungen. Die Gewerkschaften selbst müssten hier die Initiative ergreifen, Einmischungen von außen abwehren und ihre Autonomie von den politischen Parteien erkämpfen.

Mangelnde Streikfreude kann man den griechischen Gewerkschaften jedenfalls nicht vorwerfen. Seit 1979 wurden mehr als 5300 Streikaktionen im Land verzeichnet, neunzig Prozent davon im Öffentlichen Dienst. Mindestens 1300 Arbeitstage fielen so aus. Aber dies sorgt auch für Unmut. Viele griechische Bürger haben langsam das Gefühl, dass Arbeitskonflikte auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Zumal in Griechenland in der Regel auch keine Mindestdienstleistungen, beispielsweise Notdienste, am Streiktag angeboten werden. Genauer gesagt: Laut Gesetz ist ein Minimumservice schon vorgeschrieben, aber dieses Gesetz komme nur selten zur Anwendung, erklärt Kouzis.

Professor Kouzis erklärt, er habe Verständnis für den Arbeitskampf. Aber es sei besonders wichtig, die Öffentlichkeit nicht gegen sich aufzubringen, wenn man sie schon nicht für sich gewinnen könne.

Autor: Jannis Papadimitriou
Redaktion: Mirjana Dikic / Marion Linnenbrink