USA

Die NFL, der Kniefall gegen Rassismus und Donald Trump

US-Präsident Trump hat Football-Spieler, die während der Nationalhymne kniend gegen Rassismus protestieren, wüst beschimpft. Damit hat er den Protest und die Spaltung des Landes verschärft. Michael Knigge aus Washington.

Colin Kaepernick (Reuters/USA Today Sports/K. Lee)

So fing alles an: Eli Harold, Colin Kaepernick und Eric Reid von den San Francisco 49ers "take a knee" im Oktober 2016

Die Debatte zerreißt derzeit die USA: Die Diskussion über Football-Spieler, die nicht stehen, wenn vor dem Spiel die Nationalhymne der USA erklingt, sondern knien - auf englisch "take a knee". Das Ganze begann im vergangenen Jahr mit Colin Kaepernick. Der war damals Quarterback der San Francisco 49ers, eines Teams der Football-Profi-Liga National Football League (NFL). Er entschloss sich, während der Hymne nicht aufzustehen, um gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zu protestieren. Viele Sportler folgten inzwischen seinem Beispiel.

Jetzt hat US-Präsident Donald Trump sich mit einem explosiven Kommentar eingemischt. Die schwelende Debatte über Kaepernick und andere öffentlich protestierende NFL-Spieler hat er zu einem nationalen Zankapfel gemacht.

"Präsident Trump hat ironischerweise vor allem eines bewirkt: Dass sich jetzt deutlich mehr schwarze Sportler der Protestbewegung angeschlossen haben, weil er etwas so Empörendes gesagt hat", erklärt Theresa Runstedtler, Professorin für afroamerikanische Geschichte an der American University in Washington, D.C.

Solidarische Sportler

Was Runstedtler "empörend" nennt, ist Trumps Bemerkung bei einer Republikanischen Versammlung in Alabama. "Würdet ihr nicht gern sehen", fragte Trump, "dass der Eigner einer NFL-Mannschaft sagt, wenn jemand unsere Flagge verachtet: Nehmt den Hurensohn aus dem Spiel! Sofort! Er ist gefeuert!"

Der Präsident behauptete weiter, dass die beteiligten Football-Spieler dann aufhören würden, sich so zu verhalten, und er forderte die Zuschauer auf, das Stadion verlassen, wenn Spieler sich während der Hymne hinknieten. Trumps Versuch, die friedlichen Proteste zu ersticken, kam bei vielen Spielern, Teambesitzern, Prominenten und in der Öffentlichkeit nicht gut an. Die Folge war, dass immer mehr NFL-Spieler während der Hymne knieten und viele Eigner ihnen beipflichteten. Die Welle der Solidarität unterstützten auch Basketball-Legende Bill Russell und der berühmte Bürgerrechtler John Lewis. Sie posteten auf Twitter Bilder, die sie beim Knien, zeigen, "taking a knee". John Lewis wählte ein historisches Foto der Bürgerrechtsbewegung.

Am Dienstag setzte Trump noch einen drauf und twitterte: "Die NFL hat alle möglichen Regeln und Bestimmungen. Die einzige Lösung für sie ist, dass sie eine Regel beschließt, dass man während unserer Nationalhymne nicht knien darf!"

Gespaltene Gesellschaft

Trumps jüngste Kommentare haben nicht dazu beigetragen, die ohnehin tiefen Gräben im Land zu überbrücken. Laut einer Umfrage des Fernsehsenders NBC sind die US-Amerikaner über kniende Football-Spieler und Trumps Umgang mit ihnen gespalten. 52 Prozent der Befragten lehnen die "take a knee"-Proteste ab, nur 38 Prozent unterstützen sie. Allerdings missbilligen Trumps Kommentare auch 48 Prozent der Interviewten, während 38 Prozent sie befürworten.

"Das zeigt uns, dass wir ein unglaublich gespaltenes Land haben und dass viele Weiße sich völlig damit identifizieren, wenn Trump solche provokanten Äußerungen über ethnische Minderheiten macht, in diesem Fall über Afroamerikaner", sagt Mark Naison, Professor für Afroamerikanische Studien an der Fordham University in New York City und ehemaliger politischer Aktivist.

Warum hat Trump sich überhaupt in die Debatte eingemischt? Sowohl Naison als auch Runstedtler glauben, dass er nach der verpatzten Gesundheitsreform und der Kritik an seinem Umgang mit dem sturmverwüsteten Puerto Rico seine Anhänger hinter sich scharen wollte. "Wie sammeln Sie ihre Wähler, wenn Sie gerade so versagt haben?" fragt Naison. "Eine Möglichkeit ist, an rassistische Ressentiments zu appellieren. Nur mit denen hat er ja überhaupt die Wahl gewonnen." Runstedtler fügt hinzu: "Da hat er einen Nerv getroffen bei seinen konservativen Fans, die Football gucken und wahrscheinlich nicht damit einverstanden sind, wenn Colin Kaepernick und andere schwarze Sportler sich gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus in den USA stark machen."

USA Washington Sportsbar (DW/M. Knigge)

Will die Debatte ausblenden: Football-Fan Jack Milne

Massives Missverständnis

In der Sportkneipe Blaguard in Washington, D.C., sagt Jack Milne, ein 70-jähriger pensionierter IT-Spezialist, dass er versucht habe, diese ganze Kontroverse auszublenden. Die knienden Spieler störten ihn aber auch nicht, denn "Leute protestieren immer gegen irgendwas". Zu Trump fällt ihm ein: "Früher haben Präsidenten nur über Politik gesprochen."

Alex Makrs ist 30 Jahre alt, arbeitet im Blaguard und hat eine Dauerkarte für die NFL-Mannschaft Washington Redskins. Er sagt deutlich: "Das war überhaupt kein Thema, bevor Trump eins draus gemacht hat." Makrs hat hinter der Theke gearbeitet, als das komplette Redskins-Team sich unterhakt hat und mehrere Spieler während der Nationalhymne knieten. Der stumme Protest hat ihn überhaupt nicht geärgert, sagt er. "Was mich viel mehr gestört hat, waren die Buh-Rufe im Stadion. Die meisten wussten doch nicht mal, warum sie gebuht haben", glaubt er. Es gehe doch nicht um die US-amerikanische Fahne, sondern um Rassismus.

USA Washington Sportsbar (DW/M. Knigge)

Räumt mit Missverständnissen auf: Barkeeper Alex Makrs

Makrs weist auch auf ein häufiges Missverständnis hin: Es gebe überhaupt keine alte Tradition, dass NFL-Spieler während der Nationalhymne auf dem Spielfeld stünden - das sei ein relativ neues Phänomen. Bis 2009 blieb das Team tatsächlich so lange in der Kabine, bis das Spiel begann. Seitdem bezahlt das Verteidigungsministerium die NFL dafür, dass die Hymne gespielt wird - die Teammitglieder müssen anwesend sein, gemäß der Regularien jedoch nicht notwendigerweise stehen.

Bezahlter Patriotismus

Viele Kritiker bemängeln, dass solch eine patriotische Show nicht in ein Profisport-Stadion passt. Für die NFL ist das ein knallhartes Geschäft. Vor zwei Jahren veröffentlichten die republikanischen Senatoren John McCain und Jeff Flake einen vernichtenden 150 Seiten starken Bericht mit dem Titel "Bezahlten Patriotismus angehen". Darin zeigen sie auf, dass das Pentagon der NFL und anderen Profisport-Verbänden in den USA Millionen US-Dollar zahlt, damit sie während der Spiele Armeeangehörige ehren, etwa durch überfliegende Militärjets. Die NFL versprach daraufhin vergangenes Jahr, das dafür erhaltende Geld der Steuerzahler zurückzugeben.

USA Green Bay Packers Protest (picture alliance/AP Photo/M. Ludtke)

Zeichen setzen durch Unterhaken statt Knien während der Nationalhymne: Die Green Bay Packers vor dem Spiel gegen die Chicago Bears am Donnerstag in Green Bay, Wisconsin

Und die "Take a knee"-Kontroverse hat noch einen weiteren Irrglauben offengelegt, betonen die Wissenschaftler Runstedtler und Naison: Nämlich dass Sport und Politik getrennt werden müssten. "Sport spiegelt die Gesellschaft, in der er stattfindet", erklärt Runstedtler. "Sport ist überfrachtet damit, wie wir mit ethnischen Minderheiten umgehen. Und das war auch schon vor Trump so. Das Abspielen der Nationalhymne bei einem Sportereignis ist bereits ein politischer Vorgang."

"Sport spiegelt die soziale und wirtschaftliche Spaltung unserer Gesellschaft und erschafft ein Spektakel, das uns ermuntert, das zu vergessen", so Naison. Doch die Gräben, die jetzt sichtbar werden, haben die Spieler nicht geschaffen, fügt Runstedtler hinzu. Das zeige schon die Tatsache, dass fast alle NFL-Teambesitzer Weiße, die Mehrheit der Spieler aber Afroamerikaner sind. "Und bloß weil sie Sportler sind, müssen sie ihre Bürgerrechte nicht am Eingang abgeben."

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