Heimatgefühle

Die Politik entdeckt die Heimat für sich

Heimat, das war lange etwas Kitschiges, Rückwärtsgewandtes, Verstaubtes, und wenn politisch, dann sogar Verdächtiges. Doch plötzlich ist Heimat in aller Munde, gerade auch bei Politikern.

Spangenberg (picture alliance/U. Zucchi)

Dass die AfD den Begriff Heimat gerne benutzt, ist klar. Die AfD versteht Heimat vor allem als Bollwerk gegen das Fremde: "Deutschland zuerst - weil wir auch in Zukunft dieses Land unsere Heimat nennen wollen!" Auch die Beschwörung einer Lederhosen-und-Weißbier-Heimat durch die bayerische CSU ist nichts Neues. Doch auf einmal spricht die ganze Politik in Deutschland über Heimat, und zwar fast durchweg positiv.

In der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Tag der Deutschen Einheit kam Heimat prominent vor. Viele Menschen verstünden die heutige Welt nicht mehr und sehnten sich nach Heimat, sagte Steinmeier. Der Bundespräsident hat Heimat auch definiert: "Verstehen und verstanden werden, das ist Heimat." Oder, philosophischer: "Heimat ist der Ort, an dem das Wir Bedeutung bekommt."

Heimat-Diskussion bei den Grünen

Mehr Heimat, das scheint auch eine der Schlussfolgerungen zu sein, die CDU und CSU aus ihrem schwachen Ergebnis bei der Bundestagswahl ziehen. Der Thüringer CDU-Politiker Mike Mohring empfiehlt ein "Heimatministerium" auf Bundesebene, das sich vor allem um die Probleme des ländlichen Raums kümmern solle. "Das wäre eine gute Antwort auf die Sorgen der Bürger in Ost und West, die sich abgehängt fühlen", sagte Mohring der "Berliner Zeitung". Bayern und Nordrhein-Westfalen haben ein solches Ministerium schon auf Landesebene.

Deutschland Mainz Plakat der AfD bei Pegida Demo (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Wem gehört die Heimat? Pegida-Demonstration in Mainz

Doch die Entwicklung ländlicher Regionen ist eher die technische Seite. Gefühliger hat sich ausgerechnet die grüne Politikerin Katrin Göring-Eckardt über Heimat ausgelassen. "Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Und für diese Heimat, für dieses Land werden wir kämpfen", sagte sie beim Grünen-Parteitag in Berlin. Die Grünen und Heimatliebe? Das ist ungewohnt. Kritische innerparteiliche Reaktionen ließen denn nicht lange auf sich warten. Parteifreundin Laura Dornheim twitterte: "Fühle mich genötigt, mich vom Begriff 'Heimat' und besonders von der 'Liebe' zu irgendeinem 'Land' distanzieren zu müssen."

Doch das Wort Heimat ist kein Tabu mehr bei den Grünen. Der ehemalige Parteichef Reinhard Bütikofer wies auf den Wahlsieg des österreichischen Parteifreundes Alexander van der Bellen bei der Bundespräsidentenwahl hin; er hatte erfolgreich mit dem Begriff "Heimat" geworben. Und der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Robert Habeck, dem viele eine große Zukunft auf Bundesebene zutrauen, sagt: "Politik muss auch eine Idee formulieren, eine Heimatidee, eine Identitätsidee."

Das globale Dorf als "Trugbild"

Aber ist Heimat überhaupt eine politische Kategorie? Vor einigen Jahren noch haben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid die meisten Deutschen mit dem Begriff Heimat vor allem Familie, Vertrautheit und Geborgenheit in Verbindung gebracht, "Deutschland" nannten sie erst deutlich weiter hinten in der Rangfolge. Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat Heimat definiert als "Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist". Und der Soziologe Heinz Bude sieht es so: "Man will sich in etwas gründen, man will von etwas einen Ausgangspunkt nehmen, etwas, das nicht ständig infrage steht."

Bankentürme der Skyline von Frankfurt (picture-alliance/dpa)

Skyline von Frankfurt: Die Globalisierung lässt die Menschen nach einer vertrauten Nahwelt suchen

Wenn es eine Sehnsucht nach Heimat gibt, scheint sie bedroht zu sein. "Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem, über ihren Verlust zu reden", schreibt der Schriftsteller Christian Schüle in seinem Buch "Heimat. Ein Phantomschmerz". Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte kürzlich im Zusammenhang mit seinen Gedanken zu einer Leitkultur kritisiert: "Wir wissen nicht mehr genau, wer wir sind und wer wir sein wollen."

Edoardo Costadura ist Romanistik-Professor an der Universität Jena. Im September hatte er eine internationale Konferenz mit dem Thema "Heimat - ein Problem der globalisierten Welt?" organisiert. Der Deutschen Welle sagt er als Erklärung der Heimatsehnsucht: "Die Menschen haben zwar den Eindruck, dass die Welt zu einem Dorf geworden ist, aber dass sie in diesem Dorf nicht leben können." Deswegen sei die Idee des globalen Dorfes für viele ein "Trugbild".

Dabei scheint bereits das Wort Heimat etwas sehr Deutsches zu sein. Es ist emotional viel mehr aufgeladen und vielschichtiger als etwa die englische Übersetzung "homeland" oder das französische "patrie". Der Romanist Costadura sagt: "Wenn ein Franzose 'patrie' sagt oder 'pays', dann meint er das Land, aber nicht Heimat."

Heimat ist nichts Fixes, man kann sie gestalten

Steinmeier hatte in seiner Rede gewarnt: "Die Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein 'Wir gegen die', als Blödsinn von Blut und Boden." Blut und Boden war ein Schlagwort der Nationalsozialisten; bei ihnen galt Heimat in jedem Fall nur für den Teil der Deutschen, die sich Arier nennen durften. Auch Katrin Göring-Eckardt will ihre Heimatliebe gegen die der Rechten abgrenzen: "Gegen die rechte Heimatschutzpropaganda" setzt sie ein offenes Verständnis von Heimat, so in der "Tageszeitung". Aber wenn Heimat ein wohliges Gefühl des Vertrauten ist, schließt sie dann nicht automatisch diejenigen aus, die anders, die einem unvertraut sind?

Deutschland Karneval Köln Aufklärung für Flüchtlinge (Caritas)

3x Kölle Alaaf: Integrationskurs der Caritas für Flüchtlinge in Köln

Der Filmemacher Edgar Reitz ist der Autor der vielbeachteten Filmtrilogie "Heimat". Heimat ist für Reitz "ein ganz tiefer menschlicher Trieb, das Bedürfnis der Zugehörigkeit zu anderen". Er sagt aber auch, deswegen sei "eine gewisse Irritation gegenüber allem Fremden zunächst einmal ganz normal und natürlich". Zunächst. Doch er geht dann weiter: Toleranz müsse man erst lernen.

Edoardo Costadura sagt, Heimat habe in der Geschichte zwar immer wieder ausgegrenzt und werde auch heute zur Ausgrenzung benutzt, aber das sei keineswegs unvermeidlich. "Wenn man Heimat entkoppelt von Herkunft, von althergebrachter Verwurzelung in einer Kultur oder einer Volksgemeinschaft, sondern sie denkt als etwas Offenes, das man mit anderen teilen kann, die nicht dieselbe Herkunft haben", dann könne der Umgang mit ihr einen positiven Beitrag leisten. Das sei eine Aufgabe auch für die Politik. Heimat, so Costadura, sei eben nicht nur etwas Gegebenes, sondern auch etwas, "was man gestalten kann und muss".

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