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Doping in Russland: Zeuge Rodschenkow

Mikhail Bushuev
1. Dezember 2017

Grigori Rodschenkows Aussagen können Folgen für das russische Team bei den Olympischen Winterspielen haben, vielleicht auch für die russische Fußballnationalmannschaft bei der WM 2018. Wer ist dieser Mann?

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Russland Direktor Anti-Doping-Labor Grigory Rodchenkov
Bild: picture-alliance/dpa/Sportphoto.ru

Russland wäre erfolgreichste Nation der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 geblieben, hätte Grigori Rodschenkow, ehemaliger Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors, nicht ausgepackt. Dann wären russische Medaillengewinner vielleicht nicht nachträglich disqualifiziert worden. Von den Aussagen des 59-jährigen Chemikers hängt auch ab, ob das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei seinem Treffen am 5. Dezember Maßnahmen gegen die russische Olympiamannschaft für die Winterspiele in Pyeongchang verhängt. Über einen Komplett-Ausschluss Russland wird diskutiert. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass Rodschenkows Angaben auch Folgen für russische Fußballer haben werden - und das vor der WM im Sommer 2018 im eigenen Land. Russlands umstrittener Sportminister Witali Mutko will davon aber nichts wissen.

Chemiker und Leichtathlet

Rodschenkow ist Absolvent der Chemischen Fakultät der Moskauer staatlichen Universität. Für das Thema Doping interessierte er sich schon als Langstreckenläufer. Noch vor seiner Flucht aus Russland sagte er in einem Interview, er habe viele verbotene Präparate an sich selbst getestet - aus rein beruflichen Gründen. Aufgrund seiner langjährigen Arbeit in Anti-Doping-Zentren sowohl in Russland als auch im Ausland verfügt er über umfangreiche Erfahrung und einzigartiges Wissen, das selbst seine schlimmsten Feinde nicht infrage stellen.

Im Jahr 2005 wurde Rodschenkow Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, des einzigen in Russland, das von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) akkreditiert wurde. Laut Chefermittler Richard McLaren, der im Auftrag der WADA einen Untersuchungsbericht zum Doping in Russland vorlegte, wurde Rodschenkow damals Informant des russischen Geheimdienstes FSB mit dem Pseudonym "Kuz". Fortan führte er ein Doppelleben: Weltweit hielt er Vorträge über Doping-Bekämpfung, gleichzeitig verkaufte er heimlich verbotene Präparate an Athleten. Wer aufflog, den deckte er - gegen Bezahlung.

Vorwürfe gegen Rodschenkow

Doch Anfang 2011 kam es zum ersten Skandal, der mit Rodschenkows Namen in Verbindung stand. Seine Wohnung wurde durchsucht und er selbst wegen illegalen Handels mit verbotenen Präparaten festgenommen. Anklage wurde jedoch nur gegen seine Schwester Marina erhoben. Sie wurde für schuldig befunden, Rodschenkow behielt nach außen seine weiße Weste und verlor nicht einmal seinen Posten als Leiter des Moskauer Labors.

Doch die Beschwerden hielten an. Wie aus dem McLaren-Bericht hervorgeht, wandte sich im Dezember 2012 die Diskuswerferin Darja Pischtschalnikowa sowohl an das IOC als auch an die WADA. Sie berichtete, Rodschenkow gebe Sportlern verbotene Präparate und verstecke deren positiv ausgefallene Dopingproben. Ende 2014 schilderte die Mittelstreckenläuferin Julija Stepanowa in der ARD, wie sie Rodschenkow 30.000 Rubel gezahlt habe, damit er ihren positiven Test verstecke. Auch andere Athleten warfen Rodschenkow Erpressung vor. Trotz des ARD-Berichts erhielt er im Januar 2015 von Präsident Wladimir Putin den Orden der Freundschaft - für seinen Beitrag zum Erfolg Russlands bei den Winterspielen in Sotschi.

Sotschi 2014 - Team Russland mit Subkow
Eröffnungsfeier in Sotschi - Fahnenträger und Bob-Olympiasieger Alexander Subkow ist vom IOC wegen Dopings lebenslang gesperrt wordenBild: picture alliance/dpa/epa/B. Walton

Flucht in die USA

Im November 2015 veröffentlichte die WADA den Bericht einer unabhängigen Kommission, in dem schwere Anschuldigungen gegen das Moskauer Labor und Rodschenkow persönlich erhoben wurden. Rodschenkow erklärte, der damalige russische Sportminister Witalij Mutko habe ihn daraufhin zum Rücktritt gezwungen. Dann ging alles sehr schnell. Der amerikanische Regisseur Bryan Fogel, der mit Rodschenkows Hilfe einen Film über Doping in Russland drehte, sagte dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", Rodschenkow fürchte um sein Leben. Daher habe er ihm ein Flugticket nach Los Angeles gekauft.

Daraufhin kopierte Rodschenkow alle Arbeitsdateien sowie seine gesamte Korrespondenz und flog in die USA. Laut Presseberichten steht er unter dem Zeugenschutzprogramm des FBI, sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt. Allerdings behauptete letztes Jahr die russische Zeitung "Sport Express", der geflüchtete Chemiker sei inzwischen für das Redwood Toxicology Laboratory in Kalifornien tätig.

Wichtiger Zeuge für Ermittler

Rodschenkows Aussagen nach seiner Flucht aus Russland waren entscheidend für den Bericht des WADA-Chefermittlers Richard McLaren. Dieser kam zum Ergebnis, dass im russischen Sport flächendeckend verbotene Präparate eingesetzt wurden. Im McLaren-Bericht wird auch der von Rodschenkow erfundene "Duchess-Cocktail" beschrieben, eine Mischung aus Steroiden und Alkohol. Es genüge, mit ihm den Mund auszuspülen, um eine stimulierende Wirkung zu erzielen, hieß es. Die Spuren der Steroide verschwänden in drei bis fünf Tagen.

Rodschenkow berichtete auch vom so genannten "Mauseloch" - einer Wandöffnung, über die Proben von Athleten zwischen Rodschenkows Anti-Doping-Stelle in Sotschi und dem Büro eines verdeckt arbeitenden FSB-Offiziers ausgetauscht wurden. Sowohl McLaren als auch das IOC halten Rodschenkows Aussagen über die Komplizenschaft von Sportfunktionären und FSB-Agenten für glaubwürdig. 

In dieser Woche erschienen in der Zeitung "New York Times" Auszüge aus Rodschenkows Tagebüchern. Darin schrieb er unter anderem über Gespräche mit dem damaligen Sportminister Mutko und seinem Stellvertreter Jurij Nagornych darüber, wie man mit dem Austausch von Proben Athleten "schützen" könne.

In Russland wird Rodschenkow heute als Bösewicht dargestellt, der allein die korrupten Machenschaften organisiert, Athleten mit verbotenen Präparaten versorgt und Urinproben manipuliert habe. Die russischen Behörden leiteten gegen ihn ein Strafverfahren ein und verlangten von den USA die Auslieferung Rodschenkows.