Deutschland

Duisburg: Von den Sozis zu den Rechten

Einst war das hier eine SPD-Hochburg. Doch die Sozialdemokraten sind in Duisburg schwach wie nie. Dafür haben die Rechten von der AfD besonders viele Stimmen geholt.

Duisburg Marxloh Wahl 2017 (DW/R.Staudenmaier )

Einen tiefen Seufzer kriegt zu hören, wer Rita Leuchuga fragt, wie sie sich nach der Bundestagswahl fühlt. "Es gibt zu viele dumme Menschen", sagt Leuchuga im Gespräch mit der DW.

Die Frau, die auf einer Parkbank in Duisburg im Westen Deutschlands sitzt, ist unzufrieden mit den 12,6 Prozent Stimmen für die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD) bei den Bundestagswahlen. Und damit, dass die AfD in Duisburg sogar noch etwas mehr Stimmen bekommen hat als im Bundesdurchschnitt.

"Ich war geschockt, aber irgendwie hatte ich das auch erwartet", sagt Leuchuga. "Die Leute hier sind müde. Sie haben genug von den Versprechungen der Politiker."

Duisburg Marxloh Rita Lechuga (DW/R.Staudenmaier )

Die hohe Arbeitslosigkeit hat zum Wahlerfolg der AfD beigetragen, sagt Rita Lechuga

Sie könne schon verstehen, dass so viele Menschen in Duisburg für die AfD gestimmt haben. Mit 12,4 Prozent Arbeitslosigkeit sind hier mehr als doppelt so viele Menschen ohne Job wie im Rest der Republik.

"Arbeit muss sich wieder lohnen", sagt Leuchuga noch und wiederholt damit ohne Absicht einen der Slogans, der auf den Plakaten der AfD zu lesen ist, die noch in der Duisburger Innenstadt hängen.

Verbittert und vergessen

Wenn man mit den Einwohnern der Halbmillionenstadt an der Mündung der Ruhr in den Rhein spricht, dann spürt man schnell, dass die Verbitterung gegenüber der Politik in Berlin groß ist und das Vertrauen gering.

Vier Jahre der Großen Koalition aus Angela Merkels konservativer CDU und der sozialdemokratischen SPD haben bei den meisten Duisburgern keine Begeisterung hinterlassen.

Duisburg Marxloh Wahl 2017 (DW/R.Staudenmaier )

Für die SPD im Bundestag: Mahmut Özdemir

Die Stadt galt einst, wie das gesamte Ruhrgebiet, als Hochburg der SPD. Doch die politische Landschaft in Deutschland ist 2017 weiter in Bewegung geraten. Holger Joel, 59 Jahre alt und Grundschullehrer, ist der Meinung, dass viele SPD-Wähler zur AfD abgewandert seien, weil sie sich von der Regierung vergessen und zurückgelassen fühlten.

In der Tat hat die SPD auch in Duisburg ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren. Dennoch konnten die Sozialdemokraten sich in ihrer einstigen Hochburg mit knapp 33 Prozent der Zweitstimmen zumindest als stärkste Partei behaupten. Und mit der Mehrheit der Erststimmen haben ihre Kandidaten Bärbel Bas und Mahmut Özdemir den direkten Einzug in den Bundestag geschafft.

"Schauen Sie sich um"

In der Nähe von Duisburgs größtem Einkaufszentrum entspannen Manfred und Elfie Kratz in der Herbstsonne. "Ziemlich gut" fühlten sie sich angesichts des Wahlergebnisses, sagen die beiden. Sorgen wegen des Einzugs der AfD in den Bundestag machen sie sich nicht.

"Das waren reine Protestwähler", sagt Manfred Kratz und nickt dabei. "Die AfD wird schnell wieder aus dem Bundestag rausfliegen." Doch dann schlägt der 77-Jährige etwas andere Töne an: Für die Populisten zu stimmen "könne auch etwas ändern".

Wenn man nachfragt, warum so viele Duisburger die AfD unterstützen, dann senkt Kratz seine Stimme und antwortet: "Schauen Sie sich mal um."

Duisburg Marxloh Wahl 2017 (DW/R.Staudenmaier )

Halten die AfD-Anhänger für Protestwähler: Manfred und Elfie Kratz

Einige verschleierte Frauen spielen mit ihren Kindern an einem der vielen Brunnen in der Gegend. In Zweiergruppen gehen Männer an den Ladenzeilen vorbei, manche sprechen Deutsch, andere nicht. Es ist ein Bild, dass die wachsende Vielfalt im Land spiegelt. Und es macht Herrn und Frau Kratz Sorgen.

"Viele Menschen fürchten sich vor den Flüchtlingen", sagt Elfie Kratz. Sie und ihr Mann halten Angela Merkels Flüchtlingspolitik für den Hauptgrund dafür, dass die AfD hier so stark abgeschnitten hat. "Ich traue mich nicht mehr, nachts ohne meinen Mann aus dem Haus zu gehen", sagt die 66-Jährige dann. "Alles hat sich verändert."

AfD-Hochburg Marxloh

Im Viertel Marxloh, 20 Minuten Straßenbahnfahrt  vom Zentrum entfernt, schieben Mütter und Väter ihre Kinderwagen an einer endlos lang erscheinenden Reihe von Brautgeschäften vorbei. Die Gegend hier gilt als eine der ärmsten in Deutschland, von manchen Medien wird sie aufgrund ihrer hohen Kriminalitätsrate auch als "No-Go-Area" bezeichnet.

Zwei Drittel der Menschen hier haben einen Migrationshintergrund. Und fast ein Drittel der Wahlberechtigten hat am Sonntag in Marxloh der AfD ihre Stimme gegeben. Weil hier auch viele Menschen ohne deutschen Pass wohnen, war nur ein Teil der Bevölkerung wahlberechtigt.

In Marxloh haben einige das Ergebnis bejubelt - aber nicht unbedingt wegen des relativ starken Abschneidens der AfD. "Es wird schon alles gut werden, weil die Merkel gewonnen hat", sagt etwa der 23 Jahre alte Omer Akam, ein junger Kurde aus dem Irak.

Duisburg Marxloh Wahl 2017 (DW/R.Staudenmaier )

Ozcelilik und Akam sagen, sie seien erleichtert, dass Merkel weiterhin Kanzlerin bleiben könne

"Jeder feiert das. Meine ganzen Freunde, meine Familie," pflichtet ihm Sahap Ozcelilik bei, ein 27 Jahre alter Kurde aus der Türkei. "Es ist gut, dass es die Merkel gibt."

Amal Mustafa dagegen macht sich Sorgen. Die 29-Jährige Syrerin fürchtet die AfD, "weil diese Partei gegen Ausländer ist". Etwas enttäuscht sei sie deshalb angesichts des Wahlergebnisses in Duisburg.

Aras Ibrahim, ebenfalls 29 Jahre alt und aus Syrien, zeigt jedoch auch Verständnis für die Bedenken der AfD-Anhänger. "Mit manchem haben sie recht", sagt er. "Einige Ausländer sind kriminell. Aber wir sind nicht alle gleich. Ich hoffe nur, dass wir uns nicht in Zeiten zurückversetzt fühlen, die denen vor 70 Jahren ähneln", fügt er hinzu. Denn in die Nazi-Zeit wolle schließlich keiner zurück. "Am wichtigsten ist doch, dass wir alle in Frieden miteinander leben."

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