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Politik

Ein Appell aus Auschwitz

26. Januar 2017

Die Gedenkstätte Auschwitz bittet Deutsche und Österreicher darum, die noch vorhandenen Zeitdokumente von Aufsehern den Forschern zu übergeben. Während die Zahl der Überlebenden sinkt, werden Gegenstände zu Zeitzeugen.

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Bilder von Häftlingen in Auschwitz Birkenau
Bilder von Häftlingen in Auschwitz BirkenauBild: DW/J. Hahn

Irgendwo auf den Dachböden und in den Schubladen der Häuser in Deutschland und Österreich wird sich noch manch interessanter Brief, ein Foto oder ein Tagebuch aus der Zeit des Nationalsozialismus befinden, glaubt der Direktor des Auschwitz-Museums Piotr Cywiński.

"Im Konzentrationslager Auschwitz waren 8.000 NS-Leute und die Anzahl der Adressaten, an die sie ihre Briefe geschrieben haben, muss noch viel größer gewesen sein", sagt er. "In der damaligen Zeit, Jahrzehnte vor dem Internet, hat man doch Briefe geschrieben und Fotos geschickt", sagt Cywiński im Gespräch mit der DW. Der Museumsdirektor vermutet, dass diese Post zum Teil erhalten geblieben ist und sich in den Familienbeständen befindet. An diese Bestände möchte das Museum jetzt herankommen.

Ein einmaliger Appell

Kurz vor dem 72. Jahrestag der Befreiung des größten Vernichtungslagers der Nationalsozialisten wendet sich der Direktor des Auschwitz-Museums mit einem Aufruf an Deutsche und Österreicher, die Dokumente den Forschern zur Verfügung zu stellen.

"Die Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ist noch nicht ganz bekannt”, steht in seinem Aufruf, der auf der Internetseite des Museums veröffentlicht wurde. Ohne die Motive und die Mentalität der Täter zu verstehen, würden alle Warnungen, die an die künftigen Generationen ausgehen, nur intuitiv geschehen. Denjenigen, die dem Museum Dokumente aus ihren Privatarchiven zur Verfügung stellen würde die Anonymität gewährleistet, versichert er. 

Museums-Vitrine mit Koffern von Häftlingen in Auschwitz
Museums-Vitrine mit Koffern von Häftlingen in AuschwitzBild: DW/J. Hahn

Nach dem Krieg wurden nur wenige Dokumente der SS-Leute von Auschwitz entdeckt: einige Fotosammlungen, eine kleine Anzahl von Privatbriefen und einzelne Tagebücher. Das seit 1947 existierende Museum verfügt heute vor allem über offizielle Dokumente der Lagerverwaltung, darunter Personalkarten, die den SS-Leuten im Konzentrationslager Auschwitz ausgestellt wurden.

Neue Perspektiven helfen zu verstehen

Der 45-jährige Piotr Cywiński, der das Museum Auschwitz seit zehn Jahren leitet, hält es für wichtig, mehr über die Täterperspektive zu erfahren. So könne man "den Einfluss von Populismus und von Hassmechanismen auf das Individuum" besser verstehen. Dokumente und Gegenstände der Täter könnten dabei helfen. Die Zeit spielt dabei eine enorme Rolle. Den Besuchern soll auch bewusst gemacht werden, dass man heute mehr Zeit dafür aufbringen soll, die jüngeren Generationen vor den Gefahren des Populismus und des Radikalismus zu warnen.

Bislang wurde die Geschichte des Holocaust und somit die des Konzentrationslagers Auschwitz überwiegend aus der Opferperspektive erzählt. Cywiński und sein Team halten es für wichtig, das bisherige Narrativ um eine neue Dimension zu erweitern. Cywiński will jedoch nicht missverstanden werden: Es gehe nicht darum, die Geschichte neu zu erzählen oder die Verbrechen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die neuen Dokumente sollen einfach ermöglichen, die Realität der Täter tiefer als bis jetzt zu ergründen.

"Es ist wichtig, das wir die Auswirkungen der Nazi-Propaganda analysieren und den psychologischen Mechanismen näher auf die Spur zu kommen", sagt der Direktor. "Wie waren die gegenseitigen Beziehungen der Täter? Wie haben die Verbrechen, die zu ihrem täglichen Brot wurden, ihr Familienleben beeinflusst?", will er wissen. "Sollte es möglich werden, das alles anhand der Dokumente genauer unter die Lupe zu nehmen, könnte man unser jetziges Bild vom Konzentrationslager Auschwitz vervollständigen", glaubt Cywiński.

Das Vergehen der Zeit als Motto des Gedenktages

Deutschland Judenstern Rampe KZ Auschwitz
Wer hat Briefe geschrieben? Wer hat ein Tagebuch geführt?Bild: picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives

Anlässlich des 72. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, in dem 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden, wird die Ausstellung "Archäologie" präsentiert: Erstmals werden persönliche Gegenstände der Häftlinge gezeigt, die während der archäologischen Arbeiten vor 50 Jahren in der Nähe des Krematoriums von Birkenau gefunden wurden. Sie gehörten den dort umgebrachten Menschen, die sie bis zum letzten Augenblick vor dem nahenden Tode in den Gaskammern mit dabei hatten.

Mit der bewegenden Präsentation will das Historiker-Team des Auschwitz-Museums veranschaulichen, wie stark authentische Erinnerungsstücke wirken und den Appell an die deutsche und die österreichische Öffentlichkeit nochmals verstärken. Irgendwann werden solche Gegenstände die einzigen Zeitzeugen aus der damaligen Zeit sein. Die Zahl der Überlebenden sinkt drastisch von Jahr zu Jahr. Zum diesjährigen Gedenktag werden nur noch knapp 100 Überlebende von Konzentrationslager Auschwitz erwartet.

Porträt einer Frau mit kurzen blonden Haaren und blauen Augen
Monika Sieradzka DW-Korrespondentin in Warschau