Albanien

Eine Lehrerin kämpft gegen die Blutrache

Über die Blutrache spricht man nicht gerne in Albanien. Aber sie existiert immer noch. Ihre hässlichste Blüte: die isolierten Kinder. Lindita Arapi traf eine Lehrerin, die ihnen ein wenig Hoffnung gibt.

Albanien | Lehrerin Liliana Luani unterrichtet Kinder von Blutracheopfern (DW/L. Arapi)

Liliana Luani ist wieder unterwegs: Eine Stunde mit dem Auto, 45 Minuten mit dem Boot und eine halbe Stunde zu Fuß braucht die Lehrerin, um in das nordalbanische Dorf Mazrek zu gelangen, dreimal in der Woche. Am Wochenende kommen besonders schwer zugängliche Dörfer dazu. Sie besucht Kinder und bringt ihnen Lesen und Schreiben bei, ohne dafür bezahlt zu werden.

Die Kinder gehen nicht zur Schule, weil ihre Familien aus Angst, Opfer von Blutrache zu werden, zurückgezogen leben. Die 58jährige Lehrerin nennt sie "meine Kinder". Um 30 solcher Kinder unterschiedlichen Alters kümmert sich Liliana Luani in der ganzen Region um Shkodra und Dukagjini. Sie unterrichtet mit den aus Spendenaktionen gesammelten Schulbüchern, nach einem Wochenplan, den sie selbst erstellt hat. Es werden Hausaufgaben verteilt und beim nächsten Mal kontrolliert.

Eine alte Wunde, die immer wieder blutet

Das Thema Blutrache wird in Albanien gern verschwiegen. Zu groß ist die Schande, dass das Phänomen aus längst vergangenen Zeiten im Norden des Landes immer noch existiert. Jahrhundertelang regelte der "Kanun", das albanische Gewohnheitsrecht, das Leben der Stämme in Nordalbanien. Nach diesem Recht durfte man für die Tötung eines Familienmitglieds Rache nehmen, indem man ein Mitglied der gegnerischen Familie tötete. Frauen und Kinder bis 16 Jahre waren von der Blutrache ausgenommen. Heute halten sich die Täter aber oft nicht mehr an die detaillierten Vorschriften des mündlich überlieferten Gewohnheitsrechts, nicht selten werden auch kriminelle Absichten als Blutrache kaschiert. Der angebliche Bezug auf den "Kanun" ist dann nur ein Vorwand, das Verbrechen zu legitimieren, eine Rechtfertigung für die Missachtung von Staat und Gesetz.

Albanien | Lehrerin Liliana Luani unterrichtet Kinder von Blutracheopfern (DW/L. Arapi)

Liliana Luani: Lehrerin, Sozialarbeiterin, Hoffnungsgeberin

Der Gesetzgeber hat zwar die Strafe für Mord aus Blutrache mit 30 Jahren Gefängnis oder lebenslänglich wieder erhöht, aber in Albanien existiert parallel zur Justiz auch die Selbstjustiz. Wegen Morddrohungen von der gegnerischen Familie Anzeige zu erstatten kommt für viele nicht in Frage, ein Beweis für das mangelnde Vertrauen in die Justiz.

Das Leben in Gefangenschaft

In seinem jüngsten Bericht wirft der albanische Ombudsmann für Menschenrechte, Igli Totozani, dem Staat Gleichgültigkeit vor: "Die Blutrache ist von den staatlichen Institutionen nicht ernsthaft behandelt worden. So gibt es keine genauen Statistiken der Polizei für die Zahl der wegen Blutrache Ermordeten und der isolierten Familien." Nach Angaben des Albanischen Komitees der Nationalen Versöhnung lebten im Jahr 2013 fast eintausend Kinder im ganzen Land in Selbstisolation. Aktuell sollen es nur noch 40 Kinder sein.

Albanien Dorf Theth (DW/L.Plani)

Unwegsames Gelände in Nordalbanien

Die Lehrerin Liliana Luani misstraut den Zahlen: "Ich kenne die Zahl der Kinder, die ich unterrichte, aber unabhängig davon, was die Zahlen sagen, ist jedes isoliert lebende Kind eines zuviel". Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass solche Kinder auch später als Jugendliche nicht richtig lesen und schreiben können. Sie leiden unter dem Trauma der Isolation, träumen von der Welt da draußen und versuchen immer wieder, heimlich auszubrechen. Die, die es sich leisten können, pflegen ein virtuelles Leben durch Facebook oder andere soziale Medien", erzählt Luani, die sich immer auf die Treffen freut. "So sehr mich diese Arbeit Kraft kostet, so viel Freude gibt es mir, diese Kinder zu sehen. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Man muss nur ihre strahlenden Augen sehen, wenn sie mich treffen, sie erzählen mir Geheimnisse, ihre Träume" , sagt die Lehrerin.

Mehr als Schulunterricht

Wenn die Familien in Blutrache leben, können sich die Kinder nur dann bedingt frei bewegen, wenn sie das "Versprechen" auf Frieden von der gegnerischen Seite haben, sagt die Lehrerin. Wenn nicht, leben sie jahrelang abgeschieden, besuchen keine Schule oder nur zeitweise. "Besonders die Jungs wollen aber nicht zuhause bleiben und begeben sich dann wirklich in Gefahr. Ich kenne den Fall von Miri (Name geändert), einem 16-jährigen Jungen, der so gern seine Haare nach oben stylte. Ich will nicht hier bleiben, sagte er mir wiederholt, als ich ihn unterrichtete. Er riss immer wieder aus. Und eines Tages hat ihn jemand von der Blutrache-Familie auf der Straße erschossen. Diesen Jungen werde ich nie vergessen", erzählt die Lehrerin, den Tränen nahe, als sie das letzte Foto von ihm zeigt.

Albanien Liliana Luani (DW/L. Arapi)

"Eines Tages hat jemand den 16-jährigen Jungen auf der Straße erschossen. Ich werde ihn nie vergessen" - Liliana Luani mit DW-Reporterin Lindita Arapi

Sie weiß, wenn sie die Tür einer abgeschieden lebenden Familie betritt, dass sie nicht nur Lehrerin ist. Denn in solchen Familien ist nicht nur die Angst, sondern auch die Armut sehr groß. "Manchmal organisiere ich ärztliche Hilfe. Diese Familien sind oft ganz auf sich gestellt." Sie versucht, diese Kinder auch vor zu viel Medienaufmerksamkeit zu schützen.

Der Unterricht mit den Kindern bedeutet mehr, als ihnen Lesen und Schreiben beizubringen, und die Gespräche mit den Familienmitgliedern sind als Zuhören. "Viele der Kinder wachsen mit der Psychologie des Hasses auf, es wird von ihnen erwartet, das Blut zu sühnen. Diesen Kindern klarzumachen, dass das ein Verbrechen ist, ist nicht leicht. Ich versuche, ihnen Toleranz und Versöhnung beizubringen, aber es gelingt nicht immer. Der Einfluss der Familien ist sehr groß." So arbeitet die Grundschullehrerin freiwillig auch als Psychologin, Erzieherin, Sozialarbeiterin, und besonders für diese Kinder übt sie seit zehn Jahren noch einen weiteren "Beruf" aus - den einer Hoffnungsgeberin.

Mittlerweile wird ihre Arbeit anerkannt, und der Staat hilft der Lehrerin, wenn schon nicht die Blutrache in Albanien endgültig auszuschalten, dann wenigstens den isoliert lebenden Kinder zuhause Unterricht zu erteilen.

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