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Fabian Schnedler und die Band Fayvish

15. September 2010

"Yiddpop" nennt Fabian Schnedler die selbstpatentierte Melange aus jiddischen Poesien und pop- und rockmusikalischen Zutaten. Das Ganze entstand nicht etwa in New York oder Tel Aviv, sondern in Berlin.

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Die Band Fayvish (Foto: Fayvish)
Bild: Fayvish

Die jiddische Sprache erfährt einen spürbaren Aufwind und ist in verschiedensten Ecken der Erde wieder deutlicher im Alltag präsent, zum Beispiel ist sie in Schweden eine der fünf offiziellen Minderheitensprachen. Damit einher geht seit langem ein Revival der jiddischen, insbesondere der Klezmer-Musik. Bands wie die New Yorker Klezmatics rücken dieser Musikkultur seit fast zwei Jahrzehnten per Jazz und Pop beherzt und innovativ zu Leibe. Der Musiker und DJ Socalled aus Montreal gibt traditionellen jiddischen Liedern per HipHop und Elektronik ein aufregend neues, anderes Wesen. Und mit einer Band wie Fayvish weitet sich dieses moderne "Jiddischland" nun auch gen Berlin aus.

Von Jiddistik über die Klezmatics zum Yiddpop

Fayvish auf der Bühne (Foto: Fayvish)
Fayvish auf der BühneBild: Fayvish

Mastermind und singender Frontmann der Band Fayvish ist der mit allen Wassern der Klezmermusik gewaschene Multiinstrumentalist Fabian Schnedler. Der gebürtige Berliner hat nach eigenen Worten "alles mitgenommen" auf dem Weg zu dieser neuen, andersartigen Auseinandersetzung mit jiddischen Texten und Liedern. Angefangen hatte alles mit einem Konzert der Klezmatics beim Berliner Heimatklänge-Festival 1989. Es folgten Klarinetten-Workshops bei Giora Feidman und etliche weitere Kurse und Begegnungen mit den Klezmer-Erneuerern von Brave Old World. Die öffneten dem heute 37-jährigen Nichtjuden ein für alle mal die Augen dafür, wie man gleichwohl respektvoll mit traditioneller Musik umgehen und doch etwas Eigenes daraus entwickeln kann. Dass Schnedler auf dem Weg dorthin auch noch ein paar Jahre zum Jiddischstudieren an der Uni in Trier zubrachte und sich überhaupt akribisch mit der jiddischen Sprache und Kultur beschäftigt, ist der Musik von Fayvish trotz ihrer pop-jazzigen Luftigkeit durchaus anzumerken.

Traditionsverbunden statt nostalgisch

Den Namen Fayvish erhielt Fabian Schnedler einst von seinem Jiddischlehrer. Mit seiner gleichnamigen Band will er auf keinen Fall die üblichen Nostalgien und Klischees bedienen. Derartige Vorurteile zu bestätigen, fände er nur schrecklich und langweilig - was nichts mit der Wertschätzung gewisser, zeitlos guter Traditionen zu tun hat. "Erst wenn der Wein alt ist, hat er Geschmack", heißt es - halb gesungen, halb gesprochen - in dem Song "Akhtsik er, zibetsik zi" ("achtzig er, siebzig sie"). In dieser Geschichte von einem alten Ehepaar kommen Verse verschiedener Zeiten und Umstände zusammen: von dem Ukrainer Mark Warshavsky, der Ende des 19. Jahrhunderts lebte, und dem unter Stalin umgekommenen jiddischen Dichter Itzik Fefer.

Jiddisches Mash Up

Steffen Illner, Fabian Schnedler und Philipp Bernhardt von Fayvish (Foto: Fayvish)
Der Tradition verhaftet: FayvishBild: Fayvish

Solchen poetischen, lebensphilosophischen oder politischen Gedichten und Texten von alten und zeitgenössischen Poeten spürt der Musiker seit vielen Jahren nach. Wenn er diese in einer Art Collagentechnik in seinen größtenteils selbstkomponierten Songs neu zusammenfügt, fühlt er sich im Grunde wie ein Textredakteur. So finden sich unter den dreizehn Songs neu arrangierte traditionelle sowie aus unterschiedlichen Texten und Liedern montierte Stücke. Und hin und wieder schreibt Fabian Schnedler auch schon selber einen jiddischen Song, zum Beispiel "Se'shtey bay mayn Fentster", eine im Alleingang mit Gesang und Gitarre gestaltete melancholisch-nachdenkliche Beobachtung eines Vogels.

Worldwide Yiddpop

Zwischen textlichen wie auch zwischen musikalischen Welten wandelt man umher in den von Pop, Rock, Jazz oder Bossa Nova genährten Songs des Trios. Da werden Fabian Schnedlers musikalische Kindheits- und Jugendvorlieben für Cat Stevens oder The Police hörbar, da hallt Nirvana nach. Zwischen Gitarre, Rockschlagzeug und Kontrabass mischt sich hier und da die hibbelige Trompete des Jazzers Paul Brody. Desweiteren mit von der Partie an diversen Tasteninstrumenten ist der ebenfalls seit langem in Berlin lebende Akkordeonist Alan Bern. Der Kopf von "Brave Old World" ist Schnedlers wichtigster Mentor. Er verfolgt und schätzt die Arbeit des jungen Kollegen seit langem; vor allem aber dieses neue Projekt, wie er auch im Booklet der CD kundtut: "Spiel sie deinen Freunden und deinen Feinden vor. Und spiel sie vor allem dann vor, wann immer wer mit dieser alten Leier anfängt, dass die Deutschen jiddische Musik aus einem Schuldgefühl heraus machen. Diese CD ist der Weckruf."

Autorin: Katrin Wilke

Redaktion: Matthias Klaus