USA

Flucht, Zuflucht und ein Film

Kindertransport, Shanghai, Theresienstadt - Ethan Bensinger will mit seinem Film die persönlichen Geschichten hinter diesen Schlagworten zeigen. Nicht zuletzt die Flucht seiner eigenen Familie hat ihn dazu inspiriert.

Ethan Bensinger vor dem Selfhelp Home in Chicago (Foto: Ray Whitehouse)

Ethan Bensinger schaut verschmitzt über seine randlose Brille und begrüßt die Bewohner des "Selfhelp Home" in Chicago mit einem Lächeln. Die meisten hier kennt er persönlich. Mit seinem braun-grünen Jackett, darunter ein schwarzes T-Shirt, und seinen sorgfältig zur Seite gekämmten Haaren wirkt er fast wie ein örtlicher Kongressabgeordneter. Doch mit den Diskussionen um marode öffentliche Schulen und einheitliche Strompreise, die zurzeit in Chicago toben, hat er wenig zu tun. Der gelernte Jurist und Fachmann für Immigrationsfragen ist zurzeit hauptberuflich Dokumentarfilmer.

Edith Stern ist eine der Zeitzeugen, die Ethan Bensinger für seinen Film "Refuge - Stories of the Selfhelp Home" (auf Deutsch: "Zuflucht - Geschichten des Selfhelp Homes") interviewt hat. Sie ist 91 Jahre alt, in Wien geboren und die einzige in ihrer Familie, die die Deportation nach Theresienstadt und später Auschwitz überlebt hat. Ihre Erinnerungen daran hat sie mit Bensinger geteilt. Es seien sehr emotionale und berührende Aussagen, sagt der Regisseur.

Ein Netzwerk der Selbsthilfe

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Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus "Refuge - Stories of the Selfhelp Home"

Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichten mitteleuropäischer Juden, die während des Holocausts aus Europa flohen und letztendlich nach Chicago kamen. Sie alle wohnen im "Selfhelp Home", einem Altersheim in einer ruhigen Wohngegend nördlich von Downtown Chicago. Eine Gruppe deutscher Juden gründete die Einrichtung Ende der 1930er Jahre als ein Netzwerk der Selbsthilfe für jüdische Flüchtlinge wie sie selbst.  Sie sammelten Spenden, boten aber auch Englischkurse an oder halfen bei der Bewerbung um einen Job.

Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich die Einrichtung in ein Altenheim für Holocaust-Überlebende. Seit der Gründung vor mehr als 70 Jahren haben hier über 1000 Juden aus Deutschland, Österreich und Tschechien gelebt. Auch Ethan Bensingers Großmutter fand hier ein Zuhause, seine Mutter hat ehrenamtlich als Therapeutin für das Heim gearbeitet.

"Geschichte der deutschen Juden besser erzählen"

"Obwohl ich zuhause einiges über den Holocaust gehört hatte, lernte ich doch sehr viel Neues bei meinen regelmäßigen Besuchen", erinnert sich Bensinger. "Ich habe gemerkt, dass die Geschichte dieser Gruppe von Juden zumindest in den USA nicht so ausführlich erzählt worden ist, wie beispielsweise die der osteuropäischen Juden."  Filme wie "Schindler's Liste" oder die Bücher von Primo Levi hätten viel Beachtung erfahren: "Über deutsche Juden gab es aber meiner Meinung nach nichts Vergleichbares. Vielleicht mit der Ausnahme des Tagebuchs von Anne Frank."

Ethan Bensinger im Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Edith Stern (Foto: Ray Whitehouse)

Ethan Bensinger im Gespräch mit Bewohnerin Edith Stern

Vor fünf Jahren begann Bensinger, seine Gespräche mit den Heimbewohnern mit einer einfachen Videokamera aufzuzeichnen. Über ein Jahr lang sammelte er Interviews und legte schließlich ein "Archive of Memories", ein Archiv der Erinnerungen, für das "Selfhelp Home" an: "Mir wurde aber schnell klar, dass ich mit diesen Interview-DVDs kein größeres Publikum erreichen würde." Von da an hatte er nur noch ein Ziel: die Produktion eines Dokumentarfilms, der auch in Schulen und im Fernsehen gezeigt werden könnte.

Bensinger - früher Chef einer Anwaltskanzlei - hatte noch nie zuvor einen Film gemacht. Er war sich nicht sicher, wie viel Aufwand für die Produktion nötig sein und was sie kosten würde, stellte einen Cutter ein, einen Produzenten, einen Komponisten. Er bemühte sich um Gelder aus der jüdischen Gemeinde, doch am Ende finanzierte er den Film fast ausschließlich aus eigener Tasche – mit einer Viertel Million Dollar.

Deutschland, Palästina, USA - Stationen einer Flucht

Warum er die Fluchtgeschichten deutscher Juden erzählte das ist wiederum seine ganz persönliche Geschichte. Seine jüdischen Eltern verlassen ihre deutsche Heimat schon 1934. Der Vater stammt aus Frankfurt, die Mutter aus Berlin. Sie lernen sich auf der Überfahrt nach Palästina auf dem Schiff kennen und heiraten ein Jahr später in Tel Aviv. Auch die Großeltern der beiden kommen nach. In Palästina führen die Bensingers ein erfolgreiches Textilunternehmen, der Handel mit den arabischen Nachbarländern ist ihr Hauptgeschäft.

Palästinensischer Pass von Rachel Bensinger (Foto: Familie Bensinger)

Original des palästinensischen Passes von Rachel Bensinger, Ethans Mutter. Ausgestellt 1939 in Palästina.

1938 kommt ihr erster Sohn Gad zur Welt, 1949 wird Ethan geboren. Der Staat Israel wird gegründet - die deutschstämmigen Einwanderer nennt man nun nach ihren Anzugjacken "Jeckes". Vieles an der Familie bleibt auch in Israel deutsch: "Ich wuchs mit Deutsch als meiner Muttersprache auf, Hebräisch sprach ich nur mit Freunden auf der Straße", erinnert sich Bensinger. Die Eltern seien stets so gekleidet gewesen, wie sie aus Deutschland gewohnt waren. Der Vater Ernst habe oft trotz der sengenden Hitze Israels immer sein Jackett getragen, ein "Jecke" eben.

Das Unternehmen der Bensingers gerät unterdessen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, der Handel mit den arabischen Nachbarn ist nach der israelischen Staatsgründung und den sie begleitenden Kämpfen nicht mehr möglich. So entscheidet der Vater 1954, die Familie müsse in die USA emigrieren. "Ich habe die Umgewöhnung als sehr schwierig empfunden, von dem Haus mit Garten in Tel Aviv zu einem dunklen Apartment in New York. Ich kann mich erinnern, dass ich die ganze Zeit geweint habe", sagt Bensinger.

Radio von Grundig, Geschirr von Rosenthal

Die Familie lebt von da ab in New York, Washington Heights, einem von den etwa 20.000 dort lebenden deutschen Juden geprägten Viertel - weshalb der Stadtteil auch "Frankfurt on the Hudson" genannt wurde. "Nachdem der Container mit den Möbeln aus Israel angekommen war, sah das Apartment aus, wie die Wohnungen in Frankfurt und Berlin ausgesehen hatten. Wir hatten sogar ein Radio von Grundig, und der Tisch wurde mit Geschirr von Rosenthal gedeckt."

Rachel und Ernst Bensinger in Washington Heights, New York (Foto: Familie Bensinger)

Rachel und Ernst Bensinger in Washington Heights 1958

1962 bekommt der Vater, der bisher erfolglos versucht hat sein Geschäft in New York weiterzuführen, ein Jobangebot eines Großhändlers für Geschenkartikel in Chicago. Die Familie zieht abermals um. Ernst Bensinger stirbt sechs Jahre später im Alter von nur 60 Jahren, Ethan ist damals 19 Jahre alt.

Von da an muss der jüngste Bensinger-Sohn schnell selbstständig werden. Er besucht die High School und macht anschließend seinen Abschluss in Jura am Illinois Institute of Technology. Im Laufe seiner Karriere spezialisiert er sich, nicht zufällig, auf Immigrationsfragen. Seine Deutschkenntnisse kommen ihm zugute: er betreut deutsche Großkunden wie Siemens und die Telekom-Tochter T-Mobile, gründet 1978 eine eigene Kanzlei. Nach 25 Jahren als Chef von 50 Mitarbeitern geht er 2003 in den Ruhestand.

Was ist deutsch?

Heute hat Ethan Bensinger ein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland. "Ich sehe mich zu einem gewissen Grad als deutsch-jüdisch. Das heißt aber nicht, dass ich mich dem Land als solches heute noch verbunden fühle. Ich genieße das, was an mir kulturell deutsch ist, die Sprache, die Gewohnheiten. Aber habe ich ein Verlangen, Deutschland als Tourist zu besuchen, einfach um dort Zeit zu verbringen? Unabhängig von unserer Familiengeschichte? Das müsste ich verneinen. Diesen Widerspruch kann ich mir selbst nicht so recht erklären."

Trotzdem ist Ethan Bensinger immer wieder nach Deutschland gereist, auch mit seinen beiden Töchtern Jennifer und Karen, 31 und 34 Jahre alt. Die beiden erzählen, dass sie zwar mit der deutschen Kultur aufgewachsen seien, beispielsweise mit deftigem deutschen Essen und einem "Schlaf gut" beim Zubettgehen, doch sie fühlen sich nicht als Deutsch-Juden. "Ich glaube, das ist ein natürlicher Prozess", erklärt Jennifer. "Wenn wir in ein anderes Land ziehen würden, würden unsere Enkelkinder später wahrscheinlich auch nicht von sich sagen, sie seien Amerikaner."

Ihre Schwester ergänzt, dass sie es wichtig findet, nach Deutschland zu reisen. "Als ich 16 war, sind wir mit meinem Großvater mütterlicherseits nach Mainz gereist, wo er vor dem Holocaust gelebt hatte. Das hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Ich denke, es ist wichtig zu sehen, wie die Menschen in Deutschland jetzt sind, nur so können alte Vorurteile aus dem Weg geräumt werden."

"Wenn schon, denn schon!"

Jennifer, Ethan, Rachel Bensinger und Karen Kreindler im Selfhelp Home in Chicago (Foto: Ray Whitehouse)

Ethan Bensinger mit seinen Töchtern Jennifer (links) und Karen (rechts) und seiner Mutter Rachel

Für die beiden jungen Frauen ist das "Selfhelp Home", über das ihr Vater jetzt seinen Film gedreht hat, wie ein zweites Zuhause. Von klein auf besuchten sie hier ihre Ur-Großmutter. Ihre Großmutter Rachel, 100 Jahre alt, ist nun auch eine Bewohnerin des Heims, das sie durch ihre Zeit als freiwillige Helferin gut kennt. Die Familie kommt hier häufig freitags abends zum Sabbat zusammen.

Fünf Jahre hat Ethan Bensinger an seinem Film gearbeitet, jetzt zeigt er ihn an mehreren Schulen und Synagogen in Chicago. Filmfestivals in allen Teilen der USA und in Europa haben ihn ins Programm genommen. Auch PBS, der aus öffentlichen Geldern finanzierte Fernsehkanal der USA, wird ihn zeigen. Ein enormer Erfolg für die kleine Produktion, die Ethan Bensinger quasi im Alleingang -und aus eigener Tasche- auf die Beine gestellt hat. "Im Deutschen gibt es ein Sprichwort: Wenn schon, denn schon!", sagt er und lacht. "Ich hätte auch mit meiner Heimvideokamera einen amateurhaften Film zusammenzimmern können. Das war nicht mein Ziel. Ich wollte einen erstklassigen Film machen, von dem die Zuschauer etwas über die berührenden Schicksale meiner Freunde lernen können."

Bevor es aber zum nächsten Filmfestival in Florida oder London geht, reist Ethan Bensinger mit seiner Tochter Jennifer für zehn Tage nach Israel. Eine Reise nach Frankfurt, der Heimatstadt seines Vaters Ernst, steht in diesem Jahr auch noch an. Denn vor allem über die Geschichte der Bensingers, die einmal in Bodersweier in der Nähe von Baden-Baden begann, und in so vielen Teilen der Erde weiterging, möchte der Mann mit amerikanischer, israelischer und deutscher Staatsangehörigkeit noch so viel wie möglich lernen.

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