Flüchtlinge und Trauma

"Frauen sind auf der Flucht nicht sicher"

Selbst in Deutschland angekommen seien viele Frauen weiterhin Gewalt ausgesetzt, sagt Petra Keller von der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale im Interview. Da fällt die Aufarbeitung von Traumata besonders schwer.

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Während der Flucht erleben viele Frauen sexualisierte Gewalt

Die Kölner Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale bietet Qualifizierungsangebote für Personen, die sich beruflich oder ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren und mit geflüchteten Frauen zusammenarbeiten. In Workshops werden Teilnehmende auf die Zusammenarbeit mit traumatisierten Personen vorbereitet. Petra Keller, Fachreferentin für Trauma, erklärt die besonderen Herausforderungen für geflüchtete Frauen, welche Hilfe angeboten wird und welche noch nötig ist.

Deutsche Welle: Eine Flucht ist eine von Grund auf traumatische Erfahrung - mit welchen Herausforderungen haben es speziell Frauen zu tun?

Petra Keller: Im Prinzip ist es so, dass eine Flucht vor, während und danach wie ein Kontinuum der Gewalt für die Frauen ist. Sie erleben oft Gewalt im Herkunftsland; während der Flucht und auch in Deutschland sind sie nicht sicher. Sie sind besonders oft geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Während der Flucht ist es oft so, dass sie Geld benötigen, um die Weiterreise für sich und ihre Kinder finanzieren zu können. Deshalb sind sie oft zur sogenannten Überlebensprostitution gezwungen.

Betrifft dieses Problem die Männer nicht gleichermaßen?

Ja, es gibt durchaus auch Fälle, dass sich Männer auf der Flucht und auch hier in Deutschland prostituieren müssen. Das Thema ist bei Männern noch stärker tabuisiert. Prozentual ist es aber dennoch so, dass Frauen häufiger sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Dies trifft besonders auf Frauen zu, die alleine mit ihren Kindern unterwegs sind.

Welche Gründe bewegen Frauen zur Flucht, von welchen Erfahrungen können Sie berichten?

Frauen fliehen, weil sie Gefährdung und oder Gewalt ausgesetzt sind. Die Situation ist sehr bedrohlich - sonst würden sie sich nicht auf den sehr gefährlichen Weg beispielsweise über das Mittelmeer machen. Wenn sie in ihrem Herkunftsland in Sicherheit wären, würden sie nicht kommen. Es ist aber so, dass sie definitiv nicht als Opfer gesehen werden möchten. Es ist wichtig, ihr Leid anzuerkennen, sie aber keineswegs als schwache Personen zu betrachten.

Wie empfinden die geflüchteten Frauen die Umstände hier in Deutschland? 

Viele Frauen berichten, dass auch die Situation in Deutschland nicht sicher ist. Sie sagen beispielsweise, dass die Unterbringungen weder sicher noch menschenwürdig sind. Es gibt dort keine Privatsphäre und sie erleben dort wieder eine Ohnmacht in der Art, wie sie untergebracht und behandelt werden. Sie sind hier insbesondere struktureller Gewalt, beispielsweise durch die Polizei ausgesetzt.

Bildergalerie Flüchtlingsunterbringung in Deutschland (picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Unsichere Unterkünfte bringen Frauen zusätzlich in Gefahr. Im Sommer 2015 ließ Hamburg Zelte für Flüchtlinge aufstellen

Was passiert mit Frauen, die mit traumatischen Erfahrungen ankommen und hier keine psychologische Hilfe oder sonstige Unterstützung auffinden?

Wenn sie schon traumatische Erfahrungen gemacht haben, dann führt jedes Gefühl der Ohnmacht für sie zu einer Rückversetzung in das Trauma, zu einer Retraumatisierung. Ohnmacht als eines der Merkmale einer traumatischen Erfahrung bedeutet, nicht handlungsfähig zu sein. Das wirkt sich auf die Psyche und auf das Selbstbewusstsein der Person aus.

Ziehen sich diese Menschen auch aus der Gesellschaft zurück?

Ja, traumatische Erlebnisse und Diskriminierung können zu Rückzug führen - anstelle von Integration - wenn sie keine adäquate Unterstützung erfahren, in ihrem Umfeld nur auf Widerstand stoßen oder auch sonst keine Netzwerke haben, wo sie Hilfe bekommen können. Deswegen ist es wichtig, dass das Asylverfahren auch stress- und traumasensibel gestaltet wird und solche Ohnmachtssituationen verhindert werden. Wenn die Frauen Deutschland als Ort von Diskriminierung erleben, sinkt die Bereitschaft, sich hier zu  integrieren.

Was sollte aus Ihrer Sicht verbessert werden, um hier integrationsfördernd zu wirken und traumatisierte Frauen besser zu unterstützen?

Die Finanzierung und die Sensibilisierung für das Thema sind wichtig. Ein Problem ist, dass geflüchtete Frauen und Männer im gesamten Asylverfahren sehr vielen Unvorhersehbarkeiten ausgesetzt sind, was eine Retraumatisierung verstärken kann. Es ist sehr wichtig, dass die für die Asylverfahren Zuständigen ein Grundverständnis von Trauma haben und dass die Abläufe transparenter werden.

Wir hören oft, dass die Asyl-Anhörungen alles andere als sensibel ablaufen, besonders wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Ein Problem ist zum Beispiel, dass traumatisierte Menschen ihre Erinnerungen und Erfahrungen oft unchronologisch und bruchstückhaft nacherzählen. In der Anhörung wird dann vermutet, dass die Person lügt. Hier braucht es ein besseres Grundverständnis. Anhörungen von Frauen sollten zudem immer von Frauen durchgeführt werden. Sie sollten dabei auch psychologischen Beistand in Anspruch nehmen dürfen.

Symbolbild Asylbewerber Beratung Erstaufnahme Antrag Prüfung Abschiebung (picture-alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

"Wir hören oft, dass die Asyl-Anhörungen alles andere als sensibel ablaufen"

Sie schulen unter anderem Frauen, die selbst geflüchtet sind und schon länger in Deutschland leben. Warum sind diese Frauen für neu ankommende Flüchtlinge eine besonders große Hilfe?

Es wird schon sehr viel ehrenamtliche Arbeit geleistet von geflüchteten Frauen für andere Frauen. Das sind Frauen, die schon länger in Deutschland sind. Meist geschieht das allerdings in informellen Strukturen. Daher wird ihre Hilfe oft übersehen. 
Oft sind das Frauen, die anderen neu geflüchteten Frauen in Dingen des Alltags beistehen und zu deren Ansprechpartnerin werden. Zum Beispiel begleiten sie die Frauen zu Behörden oder zum Arzt, übersetzen und dolmetschen. Und das alles neben ihren eigentlichen Berufen und Aufgaben, und ohne geschult zu sein oder sonstige Unterstützung zu bekommen.

Was vermitteln sie Ihnen, was brauchen die Frauen, die anderen helfen wollen an Unterstützung?

Geflüchtete Frauen, die anderen helfen wollen, können oft nicht auf fachliche Strukturen und Fortbildungsangebote zurückgreifen. Im Umgang mit anderen Geflüchteten sind sie viel mit belastenden Erzählungen oder Ohnmacht konfrontiert. Damit das nicht überfordert, wollen wir hier sensibilisieren und qualifizieren. Zum Beispiel haben wir 14 Frauen mit zurückliegender Fluchterfahrung in einem Peer-to-peer Workshop geschult und Wissen zu Trauma und Bewältigungsstrategien vermittelt.

Das Interview führte Charlotte Hauswedell.

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