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Fruchtbare Böden gehen verloren

Jennifer Fraczek25. Dezember 2012

Weltweit gehen jedes Jahr rund 24 Milliarden Tonnen Boden verloren - Eine der Ursachen ist die Urbanisierung: Experten suchen nach Wegen, wie der Boden vor der Stadt geschützt werden kann.

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Ein Bauer in den USA zeigt einen Maiskolben auf einem Feld, das von Dürre betroffen ist (Foto: dpa)
Bild: dapd

Als die Menschen in Europa vor rund 200 Jahren zunehmend aus den Dörfern in die Städte drängten, versprachen sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und ein Ende der Not. Aus diesen Gründen ziehen auch heute viele Menschen in Städte - besonders in Entwicklungsländern, in denen die Urbanisierung später, aber dafür umso rasanter einsetzte. Heute lebt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Doch die Urbanisierung hat verheerende Folgen für die Böden - und dadurch auch für die Menschen, warnen Experten.

In Europa gehen 1000 Quadratkilometer Boden pro Jahr verloren

"Wenn man urbanisiert, werden ungefähr 50 Prozent des Bodens mit einer nicht durchlässigen Schicht überdeckt, wie zum Beispiel Beton oder Asphalt", sagt Klaus Lorenz vom Institute for Advanced Sustainability Studies. Derzeit gingen so in Europa pro Jahr rund 1000 Quadratkilometer Boden verloren.

Ansicht von Mexico City (Foto: dpa)
Mega-Metropole Mexico CityBild: picture-alliance/dpa

Dieser Verlust ist unwiderruflich: Denn sobald eine Infrastruktur mit Beton oder Asphalt errichtet worden sei, könne sie nur mit großem Aufwand wieder rückgängig gemacht werden, gibt Lorenz zu bedenken. Es gehe aber nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität des verlorenen Bodens: "Das Problem ist, dass Städte dort begründet wurden, wo die fruchtbaren Böden sind. Man hat ja dort gesiedelt, wo man Nahrung produzieren konnte für die Stadtbevölkerung."

In die Höhe zu bauen statt in die Fläche ist für viele Städte kein geeignetes Konzept. In der Mega-Stadt Mexico City spreche zum Beispiel die Erdbebengefahr dagegen, sagt Lorenz. Er plädiert dafür, die Gebäude selbst und die noch freien Flächen in einer Stadt besser zu nutzen, etwa durch grüne Dächer oder Urban Farming, also das Anbauen von Nahrungsmitteln in der Stadt. "Wobei man sehr stark beachten muss, was für eine Qualität der Boden hat, ob er etwa Schadstoffe enthält", sagt der Biologe.

Problem Altlasten

Die Bodenversauerung ist in Deutschland schon länger ein Thema. Aber auch in anderen Teilen der Welt wird sie zum Problem, etwa in China. Guangzhou, die drittgrößte Stadt der Volksrepublik, hat ihre Fläche als Metropolenregion auf über 7000 Quadratkilometer ausgedehnt. Dazu kam eine rasante Industrialisierung. Nun wird versucht, den Boden stillgelegter Industrieflächen von Altlasten zu befreien. Das sei aber schwierig, auch weil es keine Richtlinien für die Bodensanierung gebe, so Lorenz.

Ansicht der chinesischen Metropole Guangzhou (Foto: dpa)
Rasantes Wachstum in GuangzhouBild: picture-alliance/dpa

Ähnliches gilt für Brasilien. Für den Agrarwissenschaftler Clistenes Nascimento von der Universität des Bundesstaats Pernambuco ist die Bodenverschmutzung eines der Hauptprobleme, die durch die Urbanisierung in seinem Land entstanden sind. Ein anderes sind Erdrutsche. Immer wieder reißen Wassermassen ausgelaugten, brüchigen Boden mit sich. 2011 starben bei einem solchen Erdrutsch in der Region um Rio de Janeiro Hunderte von Menschen.

Zu wenig Wertschätzung für die Ressource Boden

Was vielen Städten in Brasilien seiner Meinung nach fehle, sei "ein Plan für die Urbanisierung". Man müsse "die Art und Weise, wie Menschen ihr Land nutzen oder bewohnen, überdenken", mahnt Nascimentos. Auch in seiner Heimatstadt Recife, deren Bevölkerungszahl sich seit den 1970er Jahren verdoppelt hat, stellt die Urbanisierung ein Problem dar. Recife liegt an der Ostküste, an der die meisten Brasilianer leben. Nascimento meint, man müsse Anreize schaffen, damit sich die Bevölkerung gleichmäßiger über das Land verteilt und damit die Städte entlastet werden.

Gleichzeitg beklagt er, dass die Menschen in seinem Land kein Bewusstsein dafür haben, "dass Boden eine endliche Ressource ist". Das liege auch daran, dass Brasilien noch viel Land zur Verfügung habe.

Klaus Lorenz appelliert auch an die Verbraucher: "Wir sind einfach zu weit weg von dem Produkt, das auf dem Tisch steht oder auf dem Teller liegt und davon, die Verbindung herzustellen, dass dafür Boden nötig war. Und dass wir Boden nicht herstellen können. Natürliche, fruchtbare Böden: Wenn die weg sind, sind sie weg." Deshalb müsse jeder sorgsamer mit dieser Ressource umgehen.