USA

"Goldenes Ghetto" im frühen Chicago

300.000 Juden leben heute in Chicago. Den Grundstein für die Gemeinde legten 1841 deutsche Auswanderer. Sie kamen in eine junge, noch ungeformte Stadt mit großen Möglichkeiten.

Die Strassenecke Lake and Wells Street in Chicago Mitte des 19. Jahrhunderts (Foto: Chicago History Museum)

Deutsche Juden im frühen Chicago

Ecke Lake und Wells Street: Pferdehufe wirbeln den Staub auf der Straßenkreuzung auf. Vor dem Gemischtwarenladen unterhält sich eine Gruppe von Frauen in langen schwarzen Kleidern mit weißen Spitzenkragen. Es ist Freitag Nachmittag, der Ladenbesitzer schließt die Tür ab: "Geschlossen" steht auf dem Schild, das er ins Schaufenster hängt, und darunter in Englisch "Closed on account of religious observance". Draußen an den Holzpfählen warten angebundene Einspänner samt Pferden auf ihre Besitzer. Aus dem Fenster im ersten Stock über dem Laden dringt die Stimme von Rabbi Kunreuther, der seinen Gehilfen mit scharfen Worten zusammenstaucht.

So oder so ähnlich muss es gewesen sein Mitte des 19. Jahrhunderts, als diese Strassenecke (oben in unserem Bild zu sehen) das Herz des deutsch-jüdischen Lebens in Chicago war. Die ersten deutsch-jüdischen Immigranten kamen, so vermuten die Historiker, im Jahr 1841. Die Stadt hatte damals nur 30.000 Einwohner, die meisten lebten von der der Holz- und Eisenindustrie. Viele der deutsch-jüdischen Einwanderer verdienten ihren Lebensunterhalt hingegen als Straßenhändler und zogen mit ihren Waren von Haus zu Haus. Später eröffneten sie dann kleine Läden für Lebensmittel oder Kleidung. Die Wohnräume befanden sich meistens direkt über dem Geschäft.

Junge und offene Stadt

Porträt Julius Rosenwald (Foto: Chicago History Museum)

Julius Rosenwald (1862-1932), Unternehmer und Philantrop

Im frühen Chicago waren deutsche Juden nur eine von vielen Einwanderungsgruppen, neben Iren, Briten und Schweden. Sie wurden hier akzeptiert und mischten auf den obersten gesellschaftlichen und politischen Ebenen mit, was vielen Juden in Europa zu dieser Zeit verwehrt blieb. "Die frühen deutsch-jüdischen Einwanderer fanden eine junge und sehr offene Stadt vor", erklärt Libby Mahoney. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Shalom Chicago", die sich mit der langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt beschäftigt und zurzeit im Chicago History Museum zu sehen ist. "Es gab keine verfestigte soziale Struktur und daher auch weniger Barrieren und Hindernisse für Neuankömmlinge."

In diesem Klima standen den deutschstämmigen Juden alle Türen offen. Viele von ihnen machten Karriere im Bankensektor, im Versicherungs- oder Immobilienbereich. Sie integrierten sich erfolgreich in die amerikanische Gesellschaft und besetzten prominente Positionen in Clubs und Verbänden. Deutsche Juden gründeten auch die erste Synagoge in Chicago und im Staat Illinois. Der Tempel Kehilath Anshe Maariv, KAM (Gemeinde der Männer des Westens), befand sich in einem kleinen Raum über einem Textilgeschäft an der Ecke Lake und Wells. Ihr erster Rabbi war der Ultra-Orthodoxe Ignatz Kunreuther.

Erfolgreiche Geschäftsleute

Gemeälde von Henry Greenebaum (1833-1914) - (Foto: Chicago History Museum)

Henry Greenebaum (1833-1914), einflussreicher Banker der ersten Stunde

Eine weitere herausragende Persönlichkeit der deutsch-jüdischen Gemeinde war Julius Rosenwald, Vorstandvorsitzender von "Sears, Roebuck and Company", einem bedeutenden Einzelhandelskonzern in Chicago. Unter Rosenwalds Leitung wurde "Sears", wie das Unternehmen auch heute noch heißt, dann zum größten Einzelhändler der Welt. Seine Rolle als erfolgreicher Geschäftsmann nutzte er, um das Gemeinwesen in Chicago voranzutreiben. Er spendete für jüdische, aber auch für viele andere Zwecke, wie die Errichtung von Schulen und Museen. So gründete und finanzierte Rosenwald beispielsweise 1927 das "Museum of Science and Industry", das bis heute zu den größten Technologiemuseen der Welt zählt.

Bis zur Jahrhundertwende stieg die Zahl der deutschen Juden in Chicago auf mehr als 20.000 an. Mit 1,7 Millionen Einwohnern war die "windy city" nun zur Großstadt geworden. Sie hatte innerhalb von dreißig Jahren mehr als eine Millionen Einwohner hinzu gewonnen. Das rasante Wachstum schuf neue Betätigungsfelder. "Mit dem Wachstum der Stadt expandierten auch die ansässigen Unternehmen", erklärt Edward Mazur, Vorsitzender der "Chicago Jewish Historical Society": "Das wiederum erhöhte den Bedarf an Krediten. Der Bankensektor war also ein Bereich, der große Erfolgsaussichten in einer boomenden Stadt hatte. Diese Chancen nutzten auch einige deutsch-jüdische Emigranten."

Elite und Neuankömmlinge

Der Temple KAM in Chicago um 1890, Quelle unbekannt (Foto: Chicago History Museum)

1890 bezog die Synagoge KAM in der "South Side" Chicagos ein neues Zuhause, hier abgebildet auf einer Postkarte

Mit der Zeit zogen viele deutschsprachige Juden aus dem Zentrum in bessere Wohngegenden im Süden Chicagos. Um 1900 entstand in diesem Gebiet ein "Goldenes Ghetto", wie es der Historiker Irving Cutler nennt. Dort wohnten wohlhabende jüdische Familien deutscher Herkunft, die gern unter sich blieben - auch und vor allem wenn es ums Heiraten ging. Denn ab Anfang der 1880er Jahre kamen immer mehr Juden osteuropäischer Herkunft aus dem russischen Zarenreich nach Chicago. Schon bald stellten sie rund 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Stadt.

Die Elite im Süden Chicagos grenzte sich von den Neuankömmlingen ab, die sich vor allem im Westen ansiedelten. Die Gründe hierfür seien vielfältig gewesen, sagt Libby Mahoney. "Die deutschen Juden kamen in aller Regel mit einem höheren Bildungsniveau und größeren finanziellen Mitteln nach Chicago. Zwischen den stark assimilierten deutschen Juden und den Einwanderern aus Osteuropa lagen Welten." Zu handfesten Konflikten zwischen den beiden Gruppen sei es aber nie gekommen und das starke Gefälle habe sich mit den Jahren gelegt.

In die "South Side" zogen auch einige jüdische Gemeinden. Statt eines kleinen stickigen Raums über einem Kleidergeschäft bekam die KAM-Synagoge nun einen repräsentativen Bau, der den sozialen Aufstieg der Mitglieder angemessen widerspiegelte. Die deutschen Juden gründeten im Süden der Stadt gemeinnützige Einrichtungen wie das Michael-Reese-Krankenhaus. Es ersetzte ein ebenfalls von Juden finanziertes Krankenhaus, das beim Großen Brand von Chicago 1871 zerstört worden war. Dennoch war die Klinik offen für Patienten aller Glaubensrichtungen.

Deutsch-jüdische Einflüsse bis heute spürbar

Osteuropäische Einwanderer der 'West Side' (Foto: Chicago History Museum)

Osteuropäische Einwanderer der "West Side", um 1900

Auch bei der Gründung der University of Chicago 1890 spielten die deutsch-jüdischen Einwohner der Stadt eine entscheidende Rolle. "Die University of Chicago hatte wie viele amerikanische Universitäten in ihrer Gründungsphase große finanzielle Schwierigkeiten", erläutert Mazur. "Der einflussreichste Rabbi in Chicago zu dieser Zeit, Rabbi Emil G. Hirsch, setzte sich stark für die Finanzierung der Universität ein." Durch seine Verbindungen sei regelmäßig viel Geld an die Universität geflossen. Heute zählt die University of Chicago zu den renommiertesten Privatuniversitäten in den USA.

Überhaupt müsse man sich in Chicago nur umsehen, sagt Mazur, um auf die deutsch-jüdischen Einflüsse zu stoßen. Viele der großen Kaufhäuser seien auf Gründungen dieser Einwanderergruppe zurückzuführen, ganz zu schweigen von den vielen Museen und Kultureinrichtungen. Libby Mahoney betont, die spätere große Welle der Einwanderung während des Holocaust wäre ohne eine bereits funktionierende jüdische Infrastruktur überhaupt nicht denkbar gewesen. Die deutschen Juden, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Chicago kamen, hätten bereits früh tiefe und robuste Wurzeln in der Stadt geschlagen. Und die trügen bis heute zur Lebendigkeit der Metropole bei.

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