1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

GRAFT: Mit Architektur Wunden heilen

Ulrike Sommer
6. Februar 2018

28 Jahre nach dem Fall der Mauer will das Architekturbüro GRAFT im Deutschen Pavillon untersuchen, wie es heute an der innerdeutschen Grenze aussieht. Als Expertin haben sie sich Marianne Birthler dazugeholt.

https://p.dw.com/p/2s75a
Kuratoren des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale 2018
Bild: obs/GRAFT

10.315 Tage: So lange stand die Mauer. Und noch länger ist sie nun auch wieder verschwunden. Welche Lösungen haben Architekten und Stadtplaner für die Räume gefunden, die durch die Wiedervereinigung frei wurden - den ehemaligen Todesstreifen und die Grenzübergänge? Sind das Land und die Stadt Berlin wieder zusammengewachsen? Und was kann die Welt von der Wiedervereinigung lernen? Diesen Fragen geht der Deutsche Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig nach, unter dem Titel "Unbuilding Walls - Vom Todesstreifen zum freien Raum". Die DW hat mit den Kuratoren gesprochen.

Deutsche Welle: Lars Krückebein, Thomas Willemeit, Wolfram Putz - Sie alle haben 1988 mit dem Architekturstudium in Braunschweig - in Westdeutschland - begonnen. Ein Jahr bevor die Mauer fiel. 1998 haben Sie dann das Architekturbüro GRAFT gegründet. Den Mauerfall beschreiben Sie als ein prägendes Erlebnis. 28 Jahre später setzen Sie sich im Deutschen Pavillon mit dem Raum auseinander, der durch den Fall der Mauer entstanden ist. Um welche Fragen wird es da gehen?

Thomas Willemeist/GRAFT: Die Mauer war ja ganz konkret eine Wunde - nicht nur in der Stadt, sondern insgesamt im ganzen Land. Es war nicht nur eine Linie, sondern mit dem Todesstreifen ein Raum, der von realer Erinnerung befreit oder geräumt war. Und wie dieser Raum wieder gefüllt wurde und mit welchen Traumata der Kriegszerstörung noch umgegangen werden musste, wie diskutiert wurde, ob man auf einem Todesstreifen wieder wohnen darf oder wie diese Leere wieder entdeckt wurde als ein freier Raum, den man wieder in Besitz nehmen konnte, das schauen wir uns sehr genau an. Um zu lernen, wie mit dem Überwinden einer solchen Trennung am Ende umgegangen wird.

Architekturbiennale Venedig 2018
Einst Todesstreifen - heute führt der Europa-Radweg entlang des einst Eisernen VorhangsBild: Jürgen Ritter

Wolfram Putz/GRAFT: Am herausforderndsten ist es da, wo wieder Normalität probiert wird. Gedenken findet in vielfältigster Weise statt. Jedes Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze hat eine eigene Erinnerungskultur entwickelt - das ist unheimlich schön. Die Frage ist dann: Soll es Orte geben, wo man es überhaupt nicht mehr spürt? Gibt es dieses Verlangen, dass das auch mal vorbei sein soll in der Zukunft? Das ist eine Frage, die wir in der Ausstellung natürlich stark untersuchen.

Sie werden diesen Pavillon nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit Marianne Birthler, der DDR-Bürgerrechtlerin und langjährigen Bundesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen, kuratieren...

Thomas Willemeist/GRAFT: Das war essentiell für uns. Eine Mauer ist erstmal ein Bauwerk, aber sie bildet ja vor allem die Mauern ab, die in den Köpfen vorhanden sind. Und da war es für uns als Architekten notwendig, Marianne Birthler mit hineinzunehmen, die sich über so lange Jahre mit dem Abbauen dieser mentalen Mauern beschäftigt hat.

Frau Birthler, Sie waren Bürgerrechtlerin in der ehemaligen DDR, später Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Welche ist Ihre Rolle bei diesem Projekt?

Marianne Birthler: Mein Part ist, sehr stark auf die historische Seite einzugehen. Dann kommt hinzu, dass ich ja von vornherein eine andere Perspektive hatte, weil ich ja im Osten gewohnt – die Mauer also immer von der anderen Seite gesehen habe und zu den "Eingesperrten" gehörte. Ich denke, dass eine meiner wichtigsten Aufgaben ist, dieses Erleben einzubringen in die Gespräche. Und ich habe den Eindruck, dass wir da auch wechselseitig eine Menge lernen.

Die Mauer "musste weg" – die Stadt versuchte, die Lücken zu schließen. Im Rückblick: Was ist versäumt worden oder was hätte man besser machen können?

Thomas Willemeit/GRAFT: Man lernt sehr viel daraus, wenn man mit offenen Augen schaut, wie eine demokratische Gesellschaft darum ringt, mit einer solchen Wunde umzugehen. Natürlich kann man konstatieren, dass man etwas mehr Mut hätte haben sollen an verschiedenen Stellen, diese Auseinandersetzungen mit diesem Bruch zuzulassen. Aber grundsätzlich geht es bei uns nicht darum zu werten, sondern eben auch sehr genau zu analysieren, was die Art und Weise des Umgangs mit der Mauer tatsächlich auch über die Gesellschaft erzählt.

Architekturbiennale Venedig 2018 Checkpoint Charlie
Schrille Erinnerungsfragmente: der frühere Grenzübergang Checkpoint CharlieBild: Friedhelm Denkeler

Wolfram Putz/GRAFT: Es ist ja ein Sonderfall, auf den man nicht vorbereitet sein konnte und nicht war. Und deswegen muss man mit einer gewissen Pragmatik darauf schauen. Einer der großen Punkte, die auch in der Baupolitik, der Architekturdebatte und in vielen anderen Bereichen Deutschlands zu sehen ist: Dass natürlich Ost und West ab 1990 nicht gleichberechtigt zusammen diskutiert haben. Dass bestimmte Strukturen Vorsprung hatten und mehr Kraft ausüben konnten. Das sieht man auch in unserem Berufsfeld.

Der Titel des Pavillons lautet "Unbuilding Wall". Der Trend geht derzeit ja eher in eine andere Richtung – es werden Mauern gebaut...

Lars Krückeberg/GRAFT: Es ist im Grunde ein sehr deutsches Thema und deshalb auch richtig verortet im deutschen Pavillon. Aber es kommt eben als "Unbuiding Walls" in der Zeit wo "Building Walls" weltweit das populistische Thema ist - ob es nun der Brexit ist oder Europa gegen Afrika oder Mexiko, USA, Zypern, Israel und so weiter. Da bekommt dieser deutsche Beitrag eine Relevanz, weil wir zu den Glücklichen gehören, die als Volk eine Mauer überwinden und davon lernen konnten. Und das Gelernte zu zeigen, ohne den Zeigefinger zu erheben oder zu sagen "So ist es uns gelungen oder auch nicht gelungen" - davon kann man, glaube ich, international was lernen.

Architekturbiennale Venedig 2018 Axel-Springer
Projektbeispiel: künftiger Medien-Campus des Axel Springer Verlags auf dem früheren Todesstreifen in BerlinBild: Courtesy of OMA

Marianne Birthler: Aus meiner Tätigkeit in den zurückliegenden Jahren weiß ich, dass das internationale Interesse daran, wie wir mit der SED-Diktatur, aber auch wie wir mit der Überwindung der Trennung umgehen, in vielen Ländern von größtem Interesse ist. Insbesondere in Ländern, die auch etwas überwunden haben oder jetzt auch noch mit Mauern leben. In Südkorea ist das Interesse zum Beispiel riesengroß daran, was wir für Fortschritte mit Blick auf die Einheit machen. Die schreiben da fast wörtlich mit, weil sie hoffen, davon auch für sich zu profitieren. Das Interesse ist groß, weil das sind ja immer wieder neue Fragen: Was macht man mit einer wirklich zerstörten Zivilgesellschaft? Was brauchen die Opfer? Was macht man mit den Tätern? Wie geht man mit den mentalen Mauern um? Die wirken ja viel nachhaltiger als die realen Mauern. Und vielleicht stiftet es auch ein bisschen Hoffnung. Also, die Leute werden sehen: Eine Mauer kann auch mal verschwinden.

Kann Architektur Wunden heilen?

Thomas Willemeit/GRAFT: Architektur ist ein Ausdruck dafür, wie eine Gesellschaft versucht, solche Wunden zu heilen. Wir bilden viel von unserer Haltung zur Stadt und auch davon, wie wir zur Erinnerung in der Stadt stehen, architektonisch ab. Eine Stadt ist wie ein offenes Buch, eigentlich wie ein Text, der von Traumata bis zu Hoffnungen sehr viel sichtbar macht. Insofern ja: Die Architektur hat da eine sehr große Rolle und sollte sich nicht darauf zurückziehen, dass sie als formale Übung analysiert wird.