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Historische Zäsur im Gazastreifen

Peter Philipp12. September 2005

Zehntausende Palästinenser haben den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen mit lautstarkem Jubel, Autokorsos und Feuern gefeiert. Peter Philipp kommentiert.

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Peter Philipp

Der letzte israelische Soldat hat den Gazastreifen verlassen. Nach der Evakuierung von knapp 8000 Siedlern vor einigen Tagen sind damit auch die Truppen abgezogen. Nach 38 Jahren Besatzung gewiss ein historischer Moment. Ob Israelis und Palästinenser sich damit aber auch einer Beilegung ihres Konflikts genähert haben, muss vorläufig zumindest noch bezweifelt werden.

So war es mehr als eine symbolische Geste, dass der letzte Israeli, der Gaza am Montagfrüh (12.9.) verließ, hinter sich das Tor abschloss: Die 1,2 Millionen Palästinenser im Gazastreifen sind nun zwar Herren im eigenen Haus, aber sie kontrollieren nicht die Verbindung zur Außenwelt: Der Grenzübergang nach Ägypten bei Rafah ist erst einmal für Monate gesperrt und wer ein- und ausreisen will, muss das weiterhin über einen israelischen Kontrollpunkt tun. Abgesehen davon, das Israel den Luftraum über und auch das Meer vor dem Gazastreifen kontrolliert.

So hatten die Palästinenser sich ihren ersten Schritt in die Unabhängigkeit kaum vorgestellt. Aber natürlich müssen auch sie einsehen, dass dieser Abzug nicht Ergebnis eines Friedensvertrages ist und nicht aus der Erkenntnis heraus geschah, dass von Gaza her keine Gefahr mehr droht. Eine erste Rakete, die unmittelbar nach dem Abzug von dort auf Israel gefeuert wurde, verdeutlicht dies. Selbst konziliante Israelis sind vorläufig misstrauisch. Von den Hardlinern ganz zu schweigen: Die warten nur darauf, dass der Rückzug sich als falsch erweist und man wieder nach Gaza einmarschieren kann. Weil die Palästinenser eben nicht zum Frieden bereit seien.

Diese Hardliner werden sicher auch die Tatsache ausnützen, dass Israel rund 20 Synagogen im Gazastreifen zurückgelassen hat. Mit dem wahnwitzigen Appell an die Autonomiebehörden, diese Gebäude zu respektieren. Die ersten Synagogen gingen zur Zeit des letzten Abzugs in Flammen auf, die anderen werden von den palästinensischen Behörden eingerissen werden. Auf die Gefahr hin, dass man ihnen dann vorwirft, Gotteshäuser zu zerstören.

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas befindet sich nicht nur deswegen in äußerst misslicher Lage: Er muss beweisen, dass er und seine gewählte Verwaltung in der Lage sind, den Gazastreifen zu kontrollieren und er darf die Radikalen nicht gewähren lassen Gleichzeitig muss er ihnen aber klarmachen, dass neue Gewalt und Angriffe auf Israel diesen ersten kleinen Erfolg zu gefährden drohen. Ob die Extremisten das verstehen, muss bezweifelt werden. Immerhin feiern sie den israelischen Abzug jetzt als ihren eigenen Sieg und als Ermunterung zu mehr Gewalt - die dann auch zum Rückzug aus dem Rest Palästinas führen werde.

Sollten sich solche Überzeugungen durchsetzen, dann war der Abzug aus Gaza nur eine Episode ohne jede weitere Bedeutung.