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"Historischer" Mafia-Prozess

Megan Williams / ch5. November 2015

Im Film ist die Mafia mit ihrem Netz von Intrige und Betrug immer wieder romantisiert worden. Doch diese Woche nimmt die Justiz in Italien die wirkliche Mafia ins Visier. Megan Williams aus Rom.

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Demonstranten mit Anti-Mafia-Spruchband (Foto: "AFP/Getty Images/A. Pazzoli)
Bild: AFP/Getty Images/A. Pazzoli

Wenn man Gewalt und Erpressung der Mafia einmal beiseite lässt, sind die täglichen Auswirkungen der organisierten und verbreiteten Korruption in Italien vergleichsweise banal. Wer sehen will, was es mit der Mafia wirklich auf sich hat, sollte einfach durch einen beliebigen Stadtteil von Rom schlendern, wo nicht abgeholte Müllhaufen vor sich hinfaulen, wo Schlaglöcher auf den Straßen langsam immer größer werden und wo der Bus, der einen zur Arbeit bringen soll, zwanzig Minuten zu spät kommt - wenn man Glück hat.

Doch diese Woche wird das weitverzweigte Beziehungsnetz zwischen Politik und Mafia, das der Stadt seit langem viel Geld entzieht, zum ersten Mal von der italienischen Justiz herausgefordert. 46 Politikern, Beschäftigten der Stadtverwaltung, Unternehmern und mutmaßlichen Mitgliedern krimineller Gruppen der sogenannten "Mafia Capitale" ("Hauptstadtmafia") wird vorgeworfen, städtische Finanzen aus allen möglichen Bereichen von der Straßenausbesserung bis zur Flüchtlingsversorgung abgeschöpft zu haben.

Unter den Angeklagten ist der frühere neofaschistische Bandenführer Massimo Carminati, der bei einem Schusswechsel mit der Polizei in den achtziger Jahren ein Auge verlor. Gegen Hunderte weitere, darunter der frühere Bürgermeister Gianni Alemanno, wurde ermittelt. Das Verfahren gilt als größter Antikorruptionsprozess Italiens seit der Kampagne der "sauberen Hände" Anfang der neunziger Jahre.

Massimo Carminati (Foto: picture-alliance/dpa/Giacomino)
Einer der Angeklagten, Massimo Carminati, verlor bei einer Schießerei mit der Polizei ein AugeBild: picture-alliance/dpa/Giacomino

Der Aufräumer tritt zurück

Lirio Abbate, Experte in Sachen organisiertes Verbrechen beim Wochenblatt "L'Espresso", nennt den Prozess "historisch". "Es geht hier um eine Gruppe von Politikern und Geschäftsleuten, die alle öffentlichen Aufträge in Rom in der Hand hatten", sagt Abbate.

Roms jüngster Bürgermeister Ignazio Marino wurde vor zwei Jahren wegen seines Versprechens gewählt, in der Stadt gründlich aufzuräumen. Als Marino sein Amt antrat, übergab er die Bücher der Staatsanwaltschaft, die durch abgehörte Telefongespräche korrupte Mitglieder der Stadtverwaltung und Geschäftsleute identifizieren konnte und im Dezember vergangenen Jahres bei einer Großrazzia drei Dutzend von ihnen festnahm.

Doch bevor der Bürgermeister seine Amtszeit ordentlich beenden konnte, wurde er vergangene Woche zum Rücktritt gezwungen, als seine eigene Regierungsmannschaft von der Demokratischen Partei geschlossen zurücktrat, nachdem einige fragwürdige Restaurantrechnungen ans Licht gekommen waren.

Während Marino letztlich durch politische Machtkämpfe stürzte, meint der italienische Autor und Enthüllungsjournalist Marco Lillo, dass der korrupte politische Apparat, der Rom jahre-, wenn nicht jahrzehntelang im Griff hatte, dabei ebenfalls eine Rolle gespielt hat. In einem abgehörten Gespräch lässt sich der verurteilte Mörder Salvatore Buzzi, der Kontakte zu Politikern der Demokratischen Partei hatte, genüsslich über die Aussichten eines Rücktritt von Marino aus. "Als es so aussah, als werde Marino wegen einer Lappalie zurücktreten müssen", so Lillo, "hat Buzzi in dem Mitschnitt gesagt: 'Jetzt können wir Rom essen.'"

Melkkuh Flüchtlingshilfe

Die abgehörten Gespräche zeigen auch, wie Salvatore Buzzi prahlte, lohnender als der Drogenhandel sei es, Mittel für die Versorgung und Unterbringung von Asylbewerbern aus Afrika und dem Mittleren Osten abzuschöpfen.

Lillo und Abbate zufolge war Rom jahrzehntelang ein Mafia-Niemandsland, in dem verschiedene kriminelle Gruppen und Politiker jeder Couleur ungehindert agierten und sich Zugriff auf städtische Aufträge in zweistelliger Millionenhöhe verschafften, die jämmerliche Ergebnisse zu überhöhten Preisen lieferten. "In Rom hat es bisher keine Anti-Mafia-Kultur gegeben", sagt Lirio Abbate, "keine Distanzierung von Mafia-Mitgliedern, so wie in anderen Teilen Italiens."

Abbate vergleicht Rom mit dem Sizilien der sechziger Jahre, lange vor den berühmten Mammutprozessen gegen dortige Mafiosi und die tödlichen Sprengstoffattentate auf die Ermittlungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Es war eine Zeit, sagt Abbate, als viele die Existenz der Mafia sogar rundheraus bestritten. "Wenn Leute in Rom wissen, dass ein Restaurant der Mafia gehört, boykottieren sie es nicht. Sie sagen: 'Mag sein, aber sie haben dort guten Fisch.'"

Ignazio Marino nachdenklich (Foto: Reuters/Y. Nardi)
Bürgermeister Ignazio Marinos "Aufräumarbeiten" in Rom kamen nicht sehr weitBild: Reuters/Y. Nardi

Mailänder Moral

Raffaele Cantone, Chef der italienischen Korruptionsbekämpfungsbehörde, bestätigt diese Beobachtung: Mailand sei zur "moralischen Hauptstadt Italiens geworden, während Rom gezeigt hat, dass es nicht die nötigen Antikörper hat", um das organisierte Verbrechen zu bekämpfen.

Experten sehen im "Mafia-Capitale"-Prozess eine hohe symbolische Bedeutung. Es sei das erste Mal, dass die lange geduldete Korruption in Rom aufgedeckt werde und ihre Hauptprofiteure zur Verantwortung gezogen würden.

Doch es dürfte noch eine ganze Zeit dauern, bis Rom die Früchte einer neuen, sauberen Stadtverwaltung wird ernten können. Viele der bei den Razzien Festgenommenen waren Chefs wichtiger Abteilungen, etwa des öffentlichen Nahverkehrs oder der Müllabfuhr.

Als sie verhaftet oder unter Hausarrest gestellt wurden, hinterließen sie in der Verwaltung Lücken, die Roms ohnehin schlechte Situation und sein unzuverlässiges öffentliches Verkehrssystem noch weiter verschlechtert haben. Der Ärger der Bürger gegen Ex-Bürgermeister Marino flammte damit erneut auf, obwohl alle Alteingesessenen wissen, dass es die Probleme in Rom seit Jahrzehnten gibt.

Lirio Abbate findet es ein wenig abgedroschen, nur die Politiker dafür verantwortlich zu machen. Die Bürger sollten auch auf sich selbst sehen. "Dies muss ein Beispiel dafür werden, dass das Recht eine Wiederholung solcher Zustände verhindert. Vor allem müssen wir die Mentalität der Römer verändern, die es gewohnt sind, Schlupflöcher zu finden und Gefälligkeiten zu gewähren, damit sie etwas erreichen. Wir brauchen eine andere Kultur, eine Kultur der Rechtmäßigkeit."