1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

HIV positiv - Akzeptanz negativ

Gudrun Heise28. November 2014

Was wissen wir eigentlich über AIDS? Oder über HIV-Infektionen? Wer kennt Betroffene? Gehen wir mit ihnen um wie mit jedem anderen? Oder gibt es da noch immer Vorbehalte?

https://p.dw.com/p/1DvdZ
Bildergalerie Geschichte von HIV/AIDS
Bild: picture-alliance/dpa/dpaweb

"Viele Menschen haben von einer AIDS-Erkrankung noch immer das Bild von einem ausgemergelten Menschen im Sterbeprozess." Das ist die Erfahrung, die Anja Wolff von der AIDS-Hilfe in Bochum immer wieder machen muss. Die Stigmatisierung von Menschen mit HIV gibt es über 30 Jahre nach der Entdeckung des Virus' noch immer. Professor Norbert Brockmeyer geht sogar davon aus, dass die Angst vor dem Umgang mit HIV-Infizierten wieder größer geworden ist: "Ich habe den Eindruck, dass seit ungefähr zehn Jahren, seitdem HIV nicht mehr in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen wird, auch die Stigmatisierung und Ausgrenzung wieder zunimmt", so der Bochumer AIDS-Experte.

Erschwerte Jobsuche

Eine Arbeitsstelle zu finden, kann für HIV-positive Menschen zum Problem werden. Das zeigt die Geschichte eines Masseurs, der sich auf eine Stelle in einem Krankenhaus beworben hatte. Er hatte offen darüber gesprochen, dass er HIV-positiv ist. Das aber war für ihn negativ. Im Krankenhaus sollte darüber beraten werden, ob der junge Mann für diese Arbeit überhaupt geeignet ist. Beteiligt an den Beratungen waren der medizinische Direktor, die Betriebsärztin, der Betriebsrat und die Personalvertretung. Eine der Forderungen war, dass er bei der Arbeit zwei Paar Handschuhe übereinander tragen sollte, bei der Betriebsärztin regelmäßig Blutproben abgeben und sich einer medizinischen Behandlung unterziehen müsse.

Infografik Todesfälle aufgrund von AIDS 2013 (Grafik: DW).

Es sei ein unglaublicher Trubel gewesen, erzählt Anja Wolff. "Wir haben mit den zuständigen Ärzten gemeinsam an einem Tisch gesessen und gefragt: 'Wo sind denn wirklich realistische Möglichkeiten, dass sich jemand infiziert? Wir haben dann festgestellt: Wenn dieser junge Mann nicht ungeschützten Sex mit einem Patienten oder mit einer Patientin hat, dann gibt es keinen Grund, ihn zu einer Therapie zu drängen oder dazu, sich alle drei Monate Blut abnehmen zu lassen." Schließlich lenkte die Klinik ein – der junge Mann aber lehnte ab.

Menschen zweiter Klasse?

Ein Besuch beim Zahnarzt ist für kaum jemanden eine angenehme Angelegenheit. Für HIV-positive Menschen aber fangen die Unannehmlichkeiten im schlimmsten Fall schon an, wenn sie einen Termin machen möchten. Anja Wolff kennt solche Geschichten. "Es passiert sehr häufig, dass Menschen zu mir kommen und sagen: Der Zahnarzt hat die Behandlung abgelehnt, weil ich HIV-positiv bin. Oder: der Zahnarzt hat gesagt, ich würde erst ganz zum Schluss behandelt, weil besondere Maßnahmen nötig seien, um den Raum nach der Behandlung zu desinfizieren."

Mann während der Behandlung beim polnischen (Foto: Patrick Pleul)
Selbst bei Ärzten gibt es manchmal Probleme für HIV-PositiveBild: picture-alliance /dpa/dpaweb

Gerade im medizinischen Bereich gebe es ein hohes Maß an Diskriminierung und Stigmatisierung. Aber Ärzte und medizinisches Personal seien eben auch nur Menschen. "Ärzte sind Teil unserer Gesellschaft, und die irrationalen Ängste, die es gibt, werden von den Ärzten mitgetragen", gibt Brockmeyer zu bedenken. "Aber es gibt natürlich auch sehr viele Ärzte, die sehr offen mit dem Infizierten oder Erkrankten umgehen. Deswegen ist Erfahrung so wichtig. Diejenigen, die Erfahrung mit diesen Patienten haben, wissen, dass ein HIV-positiver Mensch ein Patient ist wie jeder andere auch." Und schließlich hätten die meisten HIV-positive Personen selbst ein Interesse daran, sich Tests zu unterziehen.

Mangelhafte Aufklärung

In Deutschland sind rund 70.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Sind sie medikamentös richtig eingestellt, können HIV-positive Menschen mittlerweile ein weitestgehend normales Leben führen. Dennoch, so Brockmeyer, nähmen Vorurteile und Unwissen zu und damit auch die Ängste. "Am besten kann man das ändern, wenn man Kontakt mit HIV-positiven Menschen hat und merkt, dass es eigentlich eine Infektion oder eine Krankheit ist, die man an vielen Stellen überhaupt nicht bemerkt, wie eben andere Virusinfektionen auch."

Bildergalerie Geschichte von HIV/AIDS (Foto: N.N.)
HIV steht für "Humanes Immunschwäche-Virus"Bild: picture-alliance/dpa

Die Angst vor dem Test

Die Stigmatisierung von Menschen, die den HI-Virus in sich tragen, hat oft ausgeprägte, negative Folgen für sie. Das betrifft nicht nur die Psyche sondern wirkt sich gleichzeitig auf die körperliche Fitness aus. Die Angst, ausgegrenzt zu werden, fördere auch die Angst, sich überhaupt testen zu lassen, so Brockmeyer. "Wir wollen die Menschen, die eine HIV-Infektion haben, sehr früh erreichen. Nur so können wir sie möglichst schnell behandeln, und das verbessert die gesundheitliche Situation des Infizierten dramatisch." Die Lebenserwartung eines HIV-Positiven entspreche dann meist der Lebenserwartung von Menschen, die nicht mit dem Virus infiziert sind. Und der Masseur, der sich um einen Job im Krankenhaus beworben hatte? Er arbeitet mittlerweile in einer anderen Praxis – ohne zwei Paar Handschuhe anziehen zu müssen.

Prof. Norbert Brockmeyer
Bild: picture-alliance/dpa