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In Trippelschritten zur Gleichberechtigung - Burkinas Frauen zwischen Tradition und Moderne

In Burkina Faso ist laut Verfassung jede Form von geschlechtlicher Diskriminierung verboten. Dazu gehören auch Traditionen wie Hexenverfolgung, Zwangsheirat oder weibliche Beschneidung. Die Realität sieht anders aus.

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Zwei Frauen
Frauen in Burkina Faso - nur auf dem Papier gleichberechtigtBild: dpa

In einem Außenbezirk der Hauptstadt Ouagadougou, am Ende einer langen, roten Staubpiste lebt Bernadette Zida in ihrem kleinen hübschen Lehm-Häuschen. Kinder und Enkelkindern wohnen bei ihr – und manchmal auch verzweifelte Frauen, die sonst keinen Unterschlupf finden. Sie suchen Halt bei Bernadette, deren Leben sich heute dank einer Stelle als Erzieherin etwas normalisiert hat. Aber wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnert, stehen ihr die Tränen in den Augen.

Nach der Hochzeit ein Leben in der Hölle

Bernadette wurde als Jugendliche von den Brüdern ihres Vaters zwangsverheiratet. Ihre eigene Familie redete so lange auf sie ein, ja bedrohte sie, bis sie schließlich einwilligte. Nach vielen unglücklichen Ehejahren mit vier Geburten verschwand ihr Mann mit einer anderen Frau – und mit dem gesamten Familien-Besitz. Bernadette blieb nichts.

Eine Schule in Burkina Faso
Schule: für viele Mädchen nur ein TraumBild: picture-alliance/ dpa

Trotzdem hat es die heute 45jährige nach einem Selbstmord-Versuch geschafft, sich aus ihrem Elend herauszukämpfen. Das ist ihren Schwestern, die ebenfalls zwangsverheiratet wurden, nicht gelungen. Sie, erzählt Bernadette, wurden von ihren Männern halb tot geprügelt, wenn sie nicht mit ihnen schlafen wollten. Eine Schwester sei darüber „verrückt geworden“, die anderen seien gezeichnet von ihrem Leben in einer Zwangsehe - und ohne Bernadettes Hilfe verloren.

Wenn Angst Seelen auffrist

Bernadette und ihre Schwestern sind nur einige der vielen tausend Opfern einer Zwangsehe in Burkina Faso. Es gebe unzählige ausgebeutete und geschundene Frauen, sagt die Anwältin Franceline Bouda, aber nur sehr wenige, die sich an die Justiz wenden, um ihre Rechte einzufordern. Weil die Frauen diese Rechte gar nicht kennen, weil sie kein Geld haben und große Angst davor, einen Familienangehörigen anzuzeigen. Und so bleibt in Burkina Faso die Tradition stärker als das Gesetz.

Das gilt auch für die Genitalverstümmelung. Eine unbeschnittene Frau könne nicht treu sein, lautet die landläufige Meinung. Tief verwurzelt ist auch der Glaube, dass beschnittene Mädchen gesünder heranwüchsen. Deshalb sind - nach jüngsten Schätzungen – etwa 70% aller Frauen in Burkina Faso beschnitten. Dieser grausamen Tradition haben zahllose Organisationen den Kampf angesagt.

Aufklärung gegen die Genitalverstümmelung

Zwei Menschen unterhalten sich
Zwangsheirat: Frauen sind die OpferBild: DW/Harjes

In Bissiga zum Beispiel. Das kleine beschauliche Dorf aus runden Lehmhütten liegt inmitten der staubig-trockenen Savannen-Landschaft Burkina Fasos. Bissiga ist einer der Orte, in denen die Organisation Bangr Nooma seit über 9 Jahren gegen die weibliche Beschneidung kämpft - und gewonnen hat: nur noch wenige Mädchen im Dorf sind beschnitten. Die große Beschneiderin der Region, eine alte Frau von etwa 70 Jahren, hat ihre Beschneidungsinstrumente abgegeben. Weil Bangr Nooma ihr einen anderen Lebensunterhalt ermöglichte. Damals habe sie ja nur ihren Job gemacht, sagt Salamata Soulga mit Nachdruck und Überzeugung – für 10 Cola-Nüsse und ein Stück Seife pro Mädchen.

Salamata und die anderen Frauen aus Bissiga wissen, dass Mädchen bei der Beschneidung unbeschreibliche Schmerzen erleiden. Wenn den Mädchen ohne Betäubung Klitoris und Schamlippen herausgeschnitten werden. Dank Bangr Nooma wissen sie heute aber auch, dass Genitalverstümmelung fast immer schlimme Spätfolgen hat: körperliche und seelische. Und dass Beschneidung nichts mit Treue oder Untreue einer Frau zu tun hat.

Auch Mädchen können Autos reparieren

Frauen fahren Mopett
Auf dem Weg in eine gleichberechtigte Zukunft?Bild: dpa

Wie schwer es ist, mit Traditionen zu brechen – das hat auch Bernhard Zongo erleben müssen. Der kräftige Mann mit der ruhigen Ausstrahlung hat zwei Ausbildungszentren für Mechanikerinnen gegründet - auch wenn seine Umgebung ihm seinerzeit vorwarf, er sei verrückt. Zongo und seine Schülerinnen sind davon überzeugt, dass es keine reinen Männerberufe gibt. Und dass Mädchen, wenn sie nur an sich glauben, genau so gut Autos reparieren können wie Jungen. Einige von Zongos Ex-Schülerinnen haben bereits eigene Werkstätten in Ouagadougou eröffnet. Und die Läden brummen – trotz aller Vorurteile und Widerstände.

Aber das sind Ausnahmen. Die meisten Menschen glauben immer noch, eine Frau gehöre in den Haushalt und habe sich unter zu ordnen. Anwältin Franceline Bouda weiß aus eigener Erfahrung, dass eine Frau sehr viel mehr leisten muss als ihre männlichen Kollegen, um sich beruflich durchzusetzen. Ihren Enkelinnen wünscht Franceline, „dass sie einmal wirkliche Gleichberechtigung erleben werden - und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität“.

Autorin: Klaudia Pape

Redaktion: Peter Koppen