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Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser bewertet die derzeitige Lage

Das Interview führte Sabine Faber 5. März 2009

Internationale Finanzaufsicht, Konjunkturpakete. Vorschläge gibt es viele, wie man der Krise Herr werden kann. Kann man auch aus vergangenen Krisen lernen? DW-WORLD.DE befragt Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser

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Statue mit verzweifeltem Ausdruck, Depression
Die Gefahr einer Depression sieht Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität BielefeldBild: BilderBox

DW-WORLD.DE: Ist die Krise vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre?

Werner Abelshauser: Man kann alles miteinander vergleichen und ich glaube, es macht auch Sinn das zu tun, denn wir lernen aus dem historischen Fall, was möglicherweise auf uns zu kommen könnte.

Jetzt werden ja überall Konjunkturpakete geschnürt, auf nationaler und auch auf europäischer Ebene, was lehrt denn die Erfahrung, helfen Konjunkturpakete überhaupt?

Wenn es um Konjunkturprobleme ginge, dann bräuchten wir keine Programme, das haben wir gelernt. Der Konjunkturzyklus ist nicht einfach „wegzubügeln“, er muss auch da sein. Worum es jetzt geht, ist aber kein Konjunkturzyklus, also eine Konjunkturschwankung, sondern die reale Gefahr einer Depression, einer Liquiditätsfalle in der die Investoren sitzen und nicht bereit sind zu investieren.

Müsste man dann ein "Depressionspaket“ schnüren?

Der Staat, also im wesentlichen die Zentralbank, müsste an die Stelle der Investoren treten. Denn wenn die Investoren nicht arbeiten, also investieren, dann muss es jemand anderes tun. Passiert das nicht, dann schrumpft der Kreislauf und damit die Weltwirtschaft und das hat zerstörerische Folgen, wie wir aus den 30er Jahren wissen.

Immer wieder ist jetzt von Verstaatlichung die Rede. In vielen Ländern ist das bei den Banken schon geschehen, aber ist das Verstaatlichen denn der richtige Weg?

Ich würde nicht von Verstaatlichung sprechen, sondern einfach davon, dass der Staat, wenn er Mittel bereit stellt, um den Finanzmarkt flüssig zu halten, dann auch als Eigentümer seine Eigentumsrechte geltend machen muss. Es geht nicht darum, dass der Staat zum Bankier wird, sondern zum Aktionär und seine Rechte auch ausübt.

Und was ist der Vorteil, wenn er Aktionär ist und nicht Unternehmer?

Der Unternehmer ist jemand, der das Geschäft von der Pike auf gelernt hat, der Entscheidungen im Markt treffen kann. Das kann der Politiker nicht. Aber was er kann, ist Regeln zu setzen, damit er im Notfall auch eingreifen kann, wenn die Vorstände nicht bereit sind, den politischen Vorgaben zu folgen. Und das ist genau das, was im Augenblick passiert.

Die EU ringt um Finanzaufsicht und Politiker warnen immer wieder vor Protektionismus. Was ist denn so gefährlich daran, wenn jeder zunächst versucht, im eigenen Haus Ordnung zu schaffen?

Das führt dazu, dass eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt wird. Es würde bedeuten, dass Deutschland beispielsweise, das sein Einkommen zu einem Drittel aus dem Weltmarkt bezieht, praktisch keine Geschäfte mehr machen könnte. Wir wären auf unseren Binnenmarkt angewiesen und das würde einen gewaltigen Einbruch unserer Wirtschaftsaktivität mit sich führen und natürlich auch Massenarbeitslosigkeit – so wie 1931. Dort gab es wenige Wochen nach der Bankenkrise eine Flucht aus der Weltwirtschaft, indem man genau diese protektionistischen Maßnahmen ergriffen hat.