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Jacob Zenn: "Boko Haram imitiert IS"

Abebe Feleke10. September 2014

Nigeria-Experte Jacob Zenn erklärt, wie der Vormarsch von Boko Haram und die Erfolge des Islamischen Staats im Irak zusammenhängen. Beide gehören zu einem internationalen Netzwerk, sagt der US-Analyst im Interview.

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Nigeria Boko Haram Abubakar Shekau Archiv
Boko-Haram-Chef Abubakar ShekauBild: picture alliance/AP Photo

DW: Herr Zenn, ist Nigerias Terrorsekte Boko Haram Teil eines internationalen Netzwerks islamistischer Terrororganisationen oder ist es eine eigenständige nigerianische Gruppe?

Jacob Zenn: Boko Haram ist sicher Teil eines Netzwerkes, das weit über Nigeria hinausreicht. Viele Boko-Haram-Kämpfer wurden Mitte der 2000er-Jahre in anderen Ländern wie Algerien und Mali ausgebildet und bekamen finanzielle Unterstützung von dort. Ab 2010 kamen viele von ihnen nach Nigeria zurück und haben große Terroranschläge für Boko Haram verübt - wie den Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Abuja 2011 oder viele Entführungen. Andere Boko-Haram-Mitglieder wurden von Al-Shabaab im Sudan und in Somalia trainiert oder sogar in Afghanistan. Die Gruppe ist also international bestens vernetzt, auch wenn sie hauptsächlich auf Nigeria ausgerichtet ist.

Was hält diese Organisationen zusammen?

Eine Hauptverbindung besteht darin, dass diese Al-Kaida-Gruppen und auch die Al-Kaida-Abspaltungen wie der Islamische Staat in Syrien und im Irak und Boko Haram alle eine sehr ähnliche dschihadistische Ideologie haben. Aber was diese Verbindung so wichtig macht, ist, dass Boko Haram von diesen Gruppen etwa mit Training und Geld unterstützt wird. Von der Gruppe Al Kaida im islamischen Maghreb wurde Boko Haram zum Beispiel über Schmuggelwege mit Waffen versorgt.

Gibt es auch Staaten, die Boko Haram unterstützen?

Bekannt ist, dass einige Golf-Staaten wie Saudi Arabien, Kuwait und Katar islamische Religionsschulen in Nordnigeria finanzieren. Diese Schulen sind in Nigeria kaum reguliert. Schüler lernen auf diesen Schulen etwas Arabisch und islamische Religion mit einer Ausrichtung, die der Ideologie von Boko Haram ähnlich ist. Qualifikationen, um sich in einer modernen Wirtschaft zu behaupten, bekommen die Schüler dagegen nicht. Deshalb konnte Boko Haram einige von ihnen rekrutieren. Wir haben auch beobachtet, dass Boko-Haram-Mitglieder zum Beispiel nach Katar gefahren sind und dort offenbar Geschäftsbeziehungen, zwar nicht zum Staat, aber zumindest zu Privatpersonen haben.

Der Anführer von Boko Haram, Abubakr Shekau, hat einen islamischen Staat, ein Kalifat, im Nordosten Nigerias ausgerufen. Gibt es eine Verbindung oder eine Zusammenarbeit mit dem Islamischen Staat (IS), den die Terrorgruppe mit diesem Namen im Irak und Syrien errichten will?

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen IS und Boko Haram. Zunächst ist da die Takfiri-Ideologie. Das heißt, dass sie jeden zum Ungläubigen erklären und bedrohen, der den Islam nicht genauso auslegt wie sie selbst. In den vergangenen Wochen haben wir aber beobachtet, das Boko Haram auch die Strategie von IS geradezu imitiert. Zum Beispiel operiert Boko Haram zunehmend grenzübergreifend zwischen Nigeria und Kamerun, so wie es IS zwischen Syrien und Irak tut. Dann hat IS jüngst schnelle Geländegewinne im Irak erzielt, einen islamischen Staat ausgerufen und angefangen, ganze Regionen und Städte zu kontrollieren. Nun sehen wir, dass auch Boko Haram Städte erobert, sie zum Teil eines islamischen Staates erklärt und dort Scharia-Recht nach seiner Auslegung umsetzt, einschließlich Hinrichtungen. Der Einfluss von IS auf Boko Haram ist offensichtlich. Es würde nicht wundern, wenn es sogar Leute in einer Art Gremium gibt, das Boko Haram ganz konkret berät, wie es am besten Gebiete unter seiner Kontrolle bekommt.

Jacob Zenn ist Afrika-Analyst bei der Jamestown Foundation in Washington und Experte für den Kampf gegen Extremismus und Gewalt.

Das Interview führte Abebe Feleke.