Kultur

Jeder ein verkappter Mörder?

Amok, Mord, Gewalt: Woher kommen solche Phantasien? Ein Gespräch mit Filmemacher Michal Kosakowski. Er lässt Menschen Phantasien nachstellen, von denen sie nicht sprechen. Einblicke ins Seelenleben ganz normaler Bürger.

Mann mit Waffe hinterm Rücken

Seit mehr als 15 Jahren befasst sich der Wiener Filmemacher Michal Kosakowski in künstlerischen Projekten mit Gewalt- und Mordphantasien. Er hat Menschen befragt, ob und wie sie jemanden umbringen würden. Und er hat ihnen Gelegenheit gegeben, diese Phantasien in Videos nachzustellen - in der Rolle des Täters oder des Opfers. In mehrjähriger Arbeit ist dabei zunächst die viel beachtete Video-Installation "Fourtynine" entstanden, die den Betrachter mit Hunderten von gleichzeitig ablaufenden Mord-Videos konfrontiert. Zuletzt hat Kosakowski einen Film zum Thema gedreht, der mörderische Phantasien ebenso zeigt wie Interview-Ausschnitte mit den Befragten. Der Titel "Zero Killed" ist allerdings Programm. Niemand von den Beteiligten hat jemals in der Realität eine Straftat begangen. Dennoch erlaubt der Film erschreckende Einblicke ins Innere von Menschen.

Hand mit Fernbedienung: Schattenwurf als Pistole

Medien: Motor der Mordphantasien?

Deutsche Welle: Herr Kosakowski, Sie haben sich als Künstler und Filmemacher jahrelang mit dem Thema Mordphantasien beschäftigt. Gibt es bestimmte Ereignisse, die Mordphantasien in Menschen auslösen, oder würden Sie sagen, fast jeder normale Mensch läuft damit herum?

Michal Kosakowski: Ich sage ganz offen und ehrlich, das Hauptereignis sind die Medien! Nach all diesen Jahren habe ich festgestellt, dass diese Ideen aus den Medien kommen, seien es Nachrichten, Spielfilme oder Computerspiele. Alle möglichen Formate, in denen Gewalt vorkommt.

Gerade gab es wieder einen Amoklauf in Oakland, Kalifornien. Wenn Sie sagen, solche Phantasien kommen aus den Medien: Was haben Ihnen denn Menschen berichtet, die daran dachten, einfach in eine Menschenmenge hineinzuschießen - sind diese Vorstellungen auch aus den Nachrichten gespeist?

Gerade beim Amoklauf ist es vielleicht gerade die Unfassbarkeit des Ereignisses, die Leute, die das nachstellen wollten, nicht mehr loslässt. Im Fall einer Person, die eben diese Mordphantasie hatte und eine solche Situation nachstellen wollte, kam es genau aus dieser Faszination heraus: Wie ist es möglich, was geht bei so einer Tat im Kopf vor?

Der Filmemacher Michal Kosakowski

Michal Kosakowski

Einer Ihrer Interviewpartner sagt, er möchte gottähnlich sein. Ist das eine Motivation, der Sie häufiger begegnet sind?

Nein, das ist vielleicht eine Ausnahme. Das war natürlich eine überspitzte Phantasiedarstellung. Öfter sind alltägliche Sachen vorgekommen. Zum Beispiel: Ich werde in der U-Bahn angerempelt und möchte gern zurückschlagen - so eine ganz blöde banale Situation, die ausarten kann. Das haben sich viele Leute vorgestellt. Oder ein Amerikaner, der im Hotel gearbeitet hat und gemobbt wurde. Er hat sich gewünscht, alle nacheinander zu erschießen. Viele Phantasien kommen aus dem Berufsleben.

Sie haben Ihre Protagonisten ihre eigenen Mordphantasien nachstellen lassen für die Videos - entweder als Opfer oder als Täter. Das klingt nach Psychodrama der extremsten Sorte. Wie sind die Menschen damit umgegangen?

Ich habe sie mit ihren Geschichten nicht alleine gelassen. Es war ganz wichtig, sie von Anfang bis Ende zu betreuen. Ich habe Gott sei Dank bei allen feststellen können, dass das eher eine positive Auswirkung hatte, weil die Darstellung für sie eine Art Ventil war. Sie konnten etwas Unterdrücktes herauslassen und eine Geschichte abschließen.

Sind sie sind nicht in Verzweiflung ausgebrochen, weil sie in eigene Abgründe geschaut haben?

Absolut nicht! Überhaupt nicht! Das wurde ich oft gefragt. Ich finde, die gefährlicheren Personen sind die, die bei meinem Projekt nicht mitgemacht hätten. Meine Protagonisten sind Menschen, die mit ihren Phantasien umgehen können und sich davor nicht fürchten.

Starres Auge mit Träne

Sind Sie auch Menschen begegnet, die von ihren Phantasien bedrängt wurden?

Bedrängt vielleicht nicht, aber es war schon überraschend zu sehen, dass manche die Durchführung ihrer Tat bis ins letzte Detail durchkonstruiert haben, mit pedantischer Genauigkeit. Es war interessant zu sehen, wie präsent das sein kann, wenn Menschen eine Möglichkeit geboten wird, das durchzuspielen.

Und diese Menschen sollen nach den Dreharbeiten einfach so nach Hause gegangen und zur Tagesordnung übergegangen sein?

Ungefähr so. Aber wir haben uns nachher getroffen, wir haben darüber geredet, wir haben uns die verschiedenen Schnittversionen angeschaut, und bis heute begleiten sie dieses Projekt und sind eigentlich ganz stolz darauf, dass es mehr oder weniger um die ganze Welt geht.

Wie ist denn Ihr Fazit nach so langer Beschäftigung mit dem Thema Gewalt- und Mordphantasien? Glauben Sie, dass normal stabile Menschen davor gefeit sind oder glauben Sie, in jedem von uns schlummert ein Gewalttäter?

Ich glaube, je nach Sozialisierung, je nach geographischer Gegebenheit, lebt schon in jedem ein versteckter Mörder. Ich habe jeder Person die provokative Frage gestellt: 'Wie würdest du reagieren, wenn deine liebste Person umgebracht wird?' Fast 100 Prozent antworten, ich werde mich rächen. Spätestens dann kamen Antworten zum Vorschein, die man nie erwartet hätte von so einer Person. Fazit ist, dass in jedem so eine Phantasie drinsteckt, und je nach Sozialisierung schaffen wir es, diese Phantasien zu unterdrücken oder mit ihnen spielerisch umzugehen.

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