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Jubel bei der FDP - Abwarten bei Rot-Grün

Jens Thurau20. Januar 2013

Die FDP: Euphorisch; die CDU: Zufrieden, SPD und Grüne: Um Haltung bemüht. Dazu die meist bemühten Vokabeln des Wahlabends: der Wähler, das unbekannte Wesen – und die Leihstimme.

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Anhänger der FDP jubeln nach Bekanntgabe der ersten Prognosen (Foto: dapd)
Landtagswahl Niedersachsen FDP Anhaenger Jubel 20.01.2013Bild: dapd

Um Punkt 18 Uhr bricht im FDP-Saal im Erdgeschoß des Landtages von Hannover ein Jubel aus, der ungefähr so klingt, als wäre Deutschland gerade Fußball-Weltmeister geworden. 10 Prozent verspricht die Prognose der Meinungsforscher von Infratest - dimap den Liberalen. In Worten: zehn. Und das nach langen Monaten unter der Fünf-Prozent-Marke in den Umfragen, nach den quälenden Debatten und Parteichef Philipp Rösler im fernen Berlin.

„Wir haben es geschafft, und vom Bundestrend abzukoppeln“, stellt ein strahlender Generalsekretär Gero Hocker fest. "Landespolitische Themen haben den Ausschlag gegeben." Auch wenn die Niedersachsen-Liberalen ihren Erfolg für sich verbuchen wollen, kaum einer hier im Saal glaubt noch daran, dass FDP-Chef Philipp Rösler bald abgelöst wird, wie es im politischen Berlin seit Tagen geraunt wird. "Wir soll das gehen?" sagt eine FDP-Anhängerin, "das ist auch irgendwie Röslers Erfolg."

CDU-Wähler stützen die FDP

Das sieht der Chef von infratest, Richard Hilmer, leicht anders. Die FDP, so Hilmer sei von älteren CDU-Wählern in diese Höhen getragen worden, von Wählern, die CDU-Ministerpräsident David McAllister bestätigt sehen wollen. Und das geht eben nur, wenn die kriselnde FDP Leihstimmen von der CDU bekommt. "80 Prozent der FDP-Wähler haben mit der Erststimme CDU gewählt. Ein solches Stimmen-Splitting habe ich noch nie erlebt", sagt der erfahrene Demoskop. "Die Wähler werden immer unberechenbarer. Ein Drittel der Wähler hat erst in den letzten Tagen entschieden, wem sie ihre Stimme geben wollen." Das macht das Geschäft für die Meinungsforscher nicht einfacher. Im FDP-Saal stört das gerade niemand so recht. Der Sekt fließt in Strömen.

Ganz so ausgelassen geht es ein paar Türen weiter bei der CDU nicht zu. Wenn wieder Hochrechnungen die CDU und ihren Ministerpräsidenten vorne sehen, reißen sie hier ihre Plakate mit der Aufschrift „I'am a Mac“ in die Höhe, Plakate, die Stolz auf den ersten Ministerpräsidenten Deutschland mit doppelter Staatsbürgerschaft ausdrücken: David McAllister ist der Sohn einer Deutschen und eines Schotten. Aber auch bei der CDU wird viel über das Wort Leihstimmen diskutiert. "Ich würde das nicht als klassischen Leihstimmeneffekt bezeichnen", sagt CDU-Justizminister Bernd Busemann. "Ein Teil der bürgerlichen Wähler hat sich entschieden, unseren Partner zu wählen, das ist doch in Ordnung."

Ein Super-Ergebnis, aber kein Sieg?

Im Saal der Grünen starrt Jürgen Trittin gebannt auf die Bildschirme mit den neusten Hochrechnungen. Die melden Rekordergebnis für die Grünen, aber es kann gut sein, dass es nicht reicht für die ersehnte Regierungsteilhabe. Der Fraktionschef der Grünen und Spitzenkandidat seiner Partei bei der Bundestagswahl im Herbst, versucht Haltung zu bewahren. "Ich bin nicht enttäuscht", so Trittin. "Ich habe schon vor vielen Wochen, als wir mit der SPD zusammen noch klar vorne lagen, vor Überheblichkeit gewarnt und vorhergesagt, dass es extrem knapp werden wird – ich kenne doch die Niedersachsen."

Jürgen Trittin und Claudia Roth bei einer Wahlveranstaltung der Grünen zur Landtagswahl. (Foto: dapd)
Die gute Stimmung täuscht: Am Ende könnte nichts Zählbares für Rot-Grün herauskommenBild: dapd

Trittin stammt von hier und war sogar mal Landesminister in Hannover. Das mit der Überheblichkeit will er aber auf die SPD gemünzt wissen – da wird dann doch deutlich, wem Trittin die Schuld daran gibt, dass es vielleicht nicht langt für Rot-Grün.

Kein Wort zu Steinbrück

Die SPD also. Lange lag sie gut im Rennen, auch wenn Spitzenkandidat Stephan Weil für viele Menschen im Lande ein unbeschriebenes Blatt war, obwohl er Oberbürgermeister war in Hannover, der Landeshauptstadt. Er hat einen guten Wahlkampf gemacht, seine sachliche Art hat viele überzeugt, aber dann kam Peer Steinbrück. Die vielen Interview-Pannen des SPD - Kanzlerkandidaten haben auch der SPD in Niedersachsen extrem geschadet – womöglich haben sie der SPD den Wahlsieg verhagelt.

"Ich bin stolz auf meine Truppe, das war eine starke Mannschaftsleistung", bemüht sich Weil um Haltung, er ist gerade vor dem SPD-Saal im Landtag von Kameras eingekeilt. Er schwitzt. Und lächelt dennoch tapfer. Kein Wort jetzt zu Peer Steinbrück und der Bundes-SPD: Vielleicht wird ja doch noch alles gut und es langt knapp für Rot-Grün – der Wahlabend wird noch lang.