Spanien

Katalanen gewinnen Sympathien in Madrid

Nach einem monatelangen harten Kurs der Madrider Medien gegen die Separatisten gab es am Sonntag eine Wende. Der breite Tenor: "Das Referendum war illegal, aber die Separatisten müssen angehört werden."

Spanien Katalonien Unabhängigkeits-
Referendum Poilzei schreitet ein (Getty Images/D. Ramos)

Wer am Sonntag den offiziellen spanischen Fensehkanal TVE1 oder TVE 24h angeschaut hat, konnte mit eigenen Augen sehen, wie auf den Strassen von Katalonien hunderttausende Menschen für ihr Recht auf Selbstbestimmung demonstrierten. Und das zwischen scharf bewaffneter nationaler und katalanischer Polizei, die teilweise auch noch Konflikte miteinander austrugen. Besonders augenfällig dabei: das harte Vorgehen der nationalen spanischen Polizei gegen Aggressionen und Gesetzesüberschreitungen von katalanischen Wählern. Auch die spanischen Medien zeigten immer wieder Bilder von blutüberströmten Katalanen.

Die Interpretation dieser Bilder konnte jedoch auf den offiziellen Sendern in Madrid und Barcelona nicht unterschiedlicher sein. Während man das Einschreiten der Polizei in Katalonien im offiziellen regionalen Fensehkanal TVE3 als "Repression" und eine "franquistische Offensive" interpretierte und den konservativen spanischen Premier Mariano Rajoy indirekt als Delegierten eines totalitären Staates bezeichnete, wurde auf dem spanischen Pendant immer wieder von "Anwendung der Gesetze" und einem "illegalen Referendum" gesprochen. Ein Land, zwei Realitäten. 

Der wirkliche Verlierer des Referendums ist Mariano Rajoy

Bei den privaten Fernsehsendern in Madrid (Telecinco, Antena3, La Sexta und Cuatro) hat sich die Sichtweise seit gestern allerdings leicht zugunsten der Katalanen geändert. Der wirkliche Verlierer dieses medialen Kräftemessens der offiziellen Sender ist der spanische Premier Mariano Rajoy. Seine stets gleichen und auch im gleichen Ton vorgetragenen Standardsätze wirkten angesichts der emotionalen Fernsehbilder aus Barcelona inhaltslos und irreal. 

Spanien Katalonien Unabhängigkeits-Referendum - Fernsehansprache von Rajoy (Getty Images/AFP/J. Soriano)

Verlierer der Eskalation um das Referendum: der spanische Premier Mariano Rajoy

Auf den privaten Kanälen werden die von den Katalanen gezählten 844 Verletzten vor allem Rajoy und seinen Anweisungen an die Guarda Civil und Policia Nacional zugeschrieben. Der Fernsehsender Antena3 wiederholte am heutigen Montag immer wieder die Gewaltbilder mit dem Kommentar: "Der Einsatz der spanischen Polizei war exzessiv." Aber der Kanal erklärt auch, warum dieser Eindruck entsteht: "Die katalanische Polizei (Mossos) hat sich zu wenig eingebracht und teilweise auch geweigert, die illegalen Wahllokale zu schließen, damit sie nicht mit der Gewalt in Verbindung gebracht wird."

Das Referendum war vor allem ein Medienerfolg für die Katalanen und ihre Anliegen. Nach einem Bericht von Reporter ohne Grenzen wird von der Regionalregierung seit Wochen starker Druck auf Journalisten und Referendumsgegner ausgeübt.

Die Macht der Bilder hat den Blick auf Katalonien verändert

Alle Madrider Medien scheinen an diesem Montag besorgt um das Image Spaniens. Der europäische Parlamentarier Andrej Hunko von der Linken, der angereist war, um das Referendum zu beobachten, zeigte sich entsetzt und ließ in einer Pressemitteilung wissen, dass er die Gewalt vor den europäischen Institutionen anklagen werde. Aber auch die Bilder von fröhlich singenden Katalanen in Tarragona, die in ihrer Sprache den Tag feiern, lässt viele in der Hauptstadt aufhorchen. Der in Madrid ansässige, aber vom katalanischen Medienkonzern Mediapro mitfinanzierte und seit jeher regierungskritische Fernsehsender LaSexta, der in den vergangenen Monaten stets betont hatte, das Referendum sei illegal, meint jetzt: "Wenn so viele Menschen auf die Strasse gehen, dann sollten wir sie anhören." Mediapro hatte am Sonntag auch das internationale Pressezentrum in Barcelona zur Verfügung gestellt, durch das eine umfassende Fernsehberichterstattung überhaupt möglich wurde.

Spanien Referendum Proteste - Verletzter Mann in in Tarragona (Reuters/D. Gonzalez)

Bilder von Verletzten, wie hier in Tarragona, verändern den Blick der Spanier auf Katalonien

Die Katalanen haben Madrid gezeigt, dass sie es ernst meinen

Der Vorsitzende der spanischen Sozialdemokraten, Pedro Sánchez, hat seinen Kurs gegenüber den Katalanen in den vergangenen Tagen ebenfalls angepasst und am Sonntagabend klargestellt, dass seine Partei PSOE zwar auf der Seite des spanischen Rechtsstaates stehe und sich damit von der linken Madrider Partei Podemos distanziert, die das gestrige Referendum unterstützt. Aber Sánchez glaubt, dass Rajoys Regierung einen großen Fehler begangen habe: "Ob es uns passt oder nicht, es gibt eine wachsende separatistische Bewegung in Katalonien, mit der wir uns an einen Tisch setzen und eine Lösung finden müssen." Sánchez fordert Rajoy auf, als Regierungschef diesen Prozess in die Wege zu leiten.

Führen wird diesen Prozess nach Medienmeinung jedoch eher Sánchez. Die Regierungspartei PP  sei durch den harten Polizeieinsatz und auch durch das erfolgreiche Anfechten des 2006 von der sozialdemokratischen Regierung auf den Weg gebrachten neuen Verfassungsentwurfes für Katalonien (Estatut) kaum glaubwürdig. Der Dialog, so glaubt der spanische Fernsehsender Antena3 und auch die spanische Oppositionspartei Ciudadanos muss schon beginnen, bevor der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont einseitig die Unabhängigkeit Kataloniens erklärt.

Katalanen werden mit Streiks Madrid zu Zugeständnissen zwingen

In den kommenden Tagen ist nicht nur die Unabhängigkeitserklärung zu erwarten, sondern auch ein Generalstreik, der von den Gewerkschaften offiziell als Antwort auf das harte Einschreiten der spanischen Polizei zu sehen ist. Der in Berlin lebende Katalane Rubén Vidal fordert jetzt von Rajoy: "Die Regierung muss hinschauen. Seit Jahren wird nur weggeschaut. Die Radikalen in Katalonien konnten die Massen mobilisieren und das ganze Erziehungssystem manipulieren. Probleme sitzt man nicht aus. Madrid muss sich mit den Separatisten auseinandersetzen, anders geht es nicht."

 

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