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Nietzsche in Naumburg

Tobias Köberlein25. Juli 2014

Es ist kein Geheimnis: Friedrich Nietzsche hat Naumburg nie gemocht. Und das, obwohl er in keiner anderen Stadt mehr Zeit verbracht hat. Naumburg vermarktet den Philosophen dennoch. Mit Erfolg.

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Stadtansicht Naumburg/Saale
Bild: picture-alliance/dpa

Es ist heiß, es ist stickig und ich will nach oben. 242 Stufen sind es bis zur Turmspitze der Wenzelskirche. Die ersten jage ich hoch, übernehme mich und japse nach Luft, als ich endlich die Aussichtsplattform in 54 Metern Höhe erreicht habe. Der Aufstieg erinnert mich an meine erste Lektüre von Nietzsches "Also sprach Zarathustra" als Teenager. Je weiter ich kam, desto schwindliger wurde mir. Als Philosoph zertrümmerte Nietzsche die christliche Mitleidsethik und propagierte den sogenannten Übermenschen, der sich aus den Fesseln der überkommenen Moral befreit hat.

Hoch über den Dächern von Naumburg bin ich allein. Mein Blick schweift über das Gewimmel von Dächern und Gassen. Die vier Türme des Doms St. Peter und Paul sind ganz nahe. Dahinter schlängelt sich die Saale durch die hügelige Landschaft. Ich sehe von Weinstöcken bedeckte Hänge, dazwischen Häuser und Burgruinen. Wunderschön, denke ich. Der südlichste Zipfel des Bundeslandes Sachsen-Anhalt sieht von oben aus wie die Toskana. Warum nur hat sich Friedrich Nietzsche hier nicht wohlgefühlt?

Eine schwierige Beziehung

Der Philosoph verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Naumburg und lernte die protestantisch geprägte Kleinstadt gründlich verachten. "Der Ort hat nichts in meinem Herzen, was für ihn spricht", schrieb Nietzsche 1885 seiner Mutter. "Ich bin dort nicht geboren und niemals heimisch geworden." Ein hartes Urteil, das er nie mehr revidieren sollte. Für den Philosophen war Naumburg geprägt von einem kleingeistigen, intellektuellenfeindlichen Milieu.

Nietzsche-Denkmal des Bildhauers Heinrich Apel auf dem Naumburger Holzmarkt
Nietzsche-Denkmal des Bildhauers Heinrich Apel auf dem Naumburger HolzmarktBild: Tobias Köberlein

Umgekehrt tat sich auch die Stadt lange schwer mit Nietzsche. Zu DDR-Zeiten bis Mitte der 1990er-Jahre erinnerte nur eine Plakette am Wohnhaus der Mutter an den Denker. Nietzsche war verfemt. Zum einen weil ihn die Nationalsozialisten zuvor als "Urfaschisten" interpretiert und sein Konzept des Übermenschen für ihre Ideologie umgedeutet hatten. Zum anderen passte seine Idee eines starken Individuums nicht zum Sozialismus. Und so besannen sich die Naumburger erst nach der Wende auf ihren Philosophen. Sie entdeckten die Zugkraft seines geistigen Erbes für die Stadt und begannen, mit Nietzsche zu werben.

Nachdem ich auf dem Wenzelsturm den Panoramablick über die Stadt genossen habe, will ich Nietzsches Spuren in der Innenstadt folgen. Schon nach wenigen Metern stehe ich ihm unverhofft gegenüber. Der Philosoph sitzt mit ausgestreckten Beinen auf einem Stuhl, hat ein Buch auf seinem Schoß und blickt zur Seite. Dort steht ein Mädchen; die Hände herausfordernd in die Hüften gestemmt, sieht es Nietzsche ins Gesicht, scheint eine Antwort auf eine Frage zu erwarten. Das schlichte Denkmal auf dem Holzmarkt, 2007 eingeweiht, gefällt mir sofort. Nietzsche einmal nicht als entrückter Gelehrter, sondern als volksnaher Denker. So sehen die Naumburger also diesen Mann. So ungewohnt entspannt.

Dauerausstellung über Nietzsches Leben

Ich laufe weiter. Vom Holzmarkt biege ich in eine kleine Straße ein: Weingarten 18, Nietzsches Adresse in Naumburg. Noch bis nach der Wende war das Haus bewohnt, erst 1994 richtete die Stadt ein Museum ein. Kurz fällt mein Blick auf das Schaufenster eines winzigen Cafés nur wenige Schritte vor dem Nietzsche-Haus. In der Auslage ein kurioses Nietzsche-Arrangement: Der Philosoph sitzt als Puppe am Schreibtisch. An der Wand dahinter lehnt ein Porträtbild des von Nietzsche geschätzten Kollegen Arthur Schopenhauer. Ein Bild des Komponisten Richard Wagner - von Nietzsche erst verehrt, später heftig kritisiert - liegt zu seinen Füßen.

das Naumburger Nietzsche-Haus
Seit 1994 ist das Nietzsche-Haus öffentlich zugänglichBild: Friedrich-Nietzsche-Stiftung

In das Nietzsche-Haus selbst zog 1858 zunächst seine Mutter Franziska, wie eine Dauerausstellung mit zahlreichen Fotos erzählt. Der jugendliche Friedrich Nietzsche ging damals bereits auf das Elite-Internat in Schulpforta vor den Toren Naumburgs und kam regelmäßig zu Besuch. Später lebte er in der Schweiz und Italien und kam erst wieder nach Naumburg zurück, als er schwer erkrankt war. 1889 erlitt er einen geistigen Zusammenbruch, von dem er sich nie mehr erholen sollte. Er kehrte zurück in die ungeliebte Stadt, seine Mutter pflegte ihn in dem Haus seiner Kindheit, bis sie 1897 starb. Die letzten drei Lebensjahre verbrachte der schwer kranke Philosoph bei seiner Schwester Elisabeth in Weimar, die später auch sein Erbe verwaltete und die kulturelle Anziehungskraft der Stadt nutzte, um von dort aus ihre Sicht von Nietzsches Denken zu propagieren. Dabei schreckte sie auch nicht davor zurück, Nietzsche als Ahnherr der Nazi-Ideologie zu missbrauchen.

Zentrum für die Nietzsche-Forschung

Von der Veranda im ersten Stock, wo der Philosoph bei gutem Wetter saß, blicke ich auf das gegenüberliegende Nietzsche-Dokumentationszentrum, einen modernen, würfelförmigen Bau mit großen Fenstern. Erst 2010 wurde es eröffnet. Naumburg bekam endlich eine Nietzsche-Forschungsstätte mit eigener Bibliothek und Räumen für Tagungen, Ausstellungen und Konzerte.

Das Nietzsche-Dokumentationszentrum Naumburg
Von der Veranda des Nietzsche-Hauses (links) blickt der Besucher direkt auf das Dokumentationszentrum (rechts)Bild: Friedrich-Nietzsche-Stiftung

Ralf Eichberg ist Leiter des Zentrums und hat noch zu DDR-Zeiten in Halle an der Saale Philosophie studiert. Dort beschäftigte er sich in einer Seminararbeit mit dem im Arbeiter- und Bauernstaat nicht besonders wohlgelittenen Philosophen und ist seitdem nicht mehr von Nietzsche losgekommen. Voller Begeisterung spricht Eichberg über seine Arbeit, klammert auch die unschönen Aspekte der Diskussion um das Nietzsche-Zentrum nicht aus. Vielen Naumburgern sei es "zu modern". Sogar der Begriff "artfremde Architektur" sei bei der Diskussion der Pläne gefallen. Ist das die Kleingeistigkeit, die Nietzsche an den Naumburgern verachtete?

Die Welt zu Gast in Naumburg

Mittlerweile begriffen immer mehr Bürger, was Nietzsche für ihre Stadt bedeute, sagt Eichberg. 1990 gründete er mit anderen Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern aus Ost und West die Nietzsche-Gesellschaft, die unter anderem einmal im Jahr Tagungen in Naumburg veranstaltet. Dann seien die Hotelbetten in der Stadt belegt, die Cafés und Restaurants voll. Aus Osteuropa, Brasilien und sogar aus China kämen Nietzsche-Forscher nach Naumburg, darunter viele junge Menschen. "Das fällt schon auf, wenn hundert Wissenschaftler mit Kärtchen am Revers durch die Stadt laufen", erzählt Eichberg und gerät ins Schwärmen: "Ich freue mich jedes Mal, wie die Stadt aufblüht, wenn wir hier ein internationales Flair erzeugen."

Ralf Eichberg
Ralf Eichberg, Direktor der Friedrich-Nietzsche-Stiftung in Naumburg, neben einer Plastik des PhilosophenBild: picture-alliance/dpa

Vom internationalen Flair ist in der Stadt an diesem heißen Tag aber wenig zu spüren. Ich laufe den Weg zurück zum Holzmarkt, wo das Philosophen-Denkmal inzwischen von Müttern mit Eistüten in den Händen umlagert wird. Ein kleiner Junge füllt immer wieder einen Becher mit Wasser aus dem Brunnen am Platz und gießt es über Nietzsches Schuhe. Eine kleine Abkühlung für den Philosophen. Ein erfrischend normaler Umgang mit dem schwierigen Denker. Ich muss grinsen.