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Das Gespenst des Rassismus

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp
7. Januar 2016

Die Herkunft der Täter aus der Kölner Silvesternacht bereitet vielen Medienmachern Kopfzerbrechen. Alle Augenzeugen sprechen von "Arabern oder Nordafrikanern". Darf man das erwähnen? Man muss es, meint Kersten Knipp.

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Ein Syrer entschuldigt sich für die Vorfälle in der Sylvesternacht, 6.1.2015 (Foto: dpa)
"Tut mir leid, was passiert ist": Ein Syrer entschuldigt sich für die Vorfälle in der SilvesternachtBild: picture-alliance/dpa/M. Hitij

Seit Wikileaks wissen staatliche Behörden weltweit, dass es mit der internen Kommunikation so eine Sache ist: Passt man nicht höllisch auf, findet sie ihren Weg ruckzuck in die Öffentlichkeit. So ist es nun offenbar auch mit dem Einsatzbericht eines leitenden Polizeibeamten geschehen, der in der Silvesternacht in Köln Dienst tat. Der eigentlich nur für den internen Dienstgebrauch vorgesehene Bericht findet sich nahezu ungekürzt in der heutigen Ausgabe der "Bild", Deutschlands größter Boulevardzeitung. Zahlreiche andere Medien zogen nach und so nehmen nun Millionen diesen Bericht zur Kenntnis.

Das wesentliche Merkmal der Täter

Sie erfahren dadurch, was die Polizei als das wesentliche Merkmal der Täter erachtet: ihre Herkunft. Diese wird in dem Bericht gleich mehrfach erwähnt. Die Rede ist von "einigen Tausend meist männlichen Personen mit Migrationshintergrund"; Frauen und Mädchen hätten der Polizei sexuelle Übergriffe durch "mehrere männliche Migranten / -gruppen" geschildert; auffällig sei zudem "die sehr hohe Anzahl an Migranten innerhalb der polizeilichen Maßnahmen der Landespolizei" gewesen. Auch einzelne Szenen hält der Bericht fest. Die Polizisten hätten erlebt, wie Personen Aufenthaltstitel vor ihnen zerrissen hätten, verbunden mit der Bemerkung "Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen"; eine andere Person zitiert der Bericht mit diesen Worten: "Ich bin Syrer, Ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen."

Der Bericht wirft ein kriminologisches, journalistisches und politisches Problem auf, das zugleich auch ein philosophisches ist: Was macht die Identität eines Menschen aus? Oder anders formuliert: Woran machen andere diese Identität fest? Für die diensttuenden Polizisten war und ist es offenbar klar: Es ist die Herkunft. In einer Situation, in der über die Täter sonst noch kaum Informationen vorliegen, ist die Herkunft für sie - wie auch für die über hundert weiblichen Opfer - offenbar das wesentliche Merkmal.

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DW-Redakteur Kersten Knipp

Journalistisch und politisch sind diese spärlichen Identitätszuschreibungen brisant. Die Frage lautet nämlich: Was folgert man aus ihnen? Der deutsche Pressekodex hilft in diesem Fall nur bedingt weiter: Die Herkunft eines mutmaßlichen Täters sei nur dann erwähnenswert, wenn es einen begründbaren Zusammenhang mit der Tat gebe. Denn die Erwähnung der Herkunft eines Menschen könne leicht "Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren".

Kontraproduktives Schweigen

Zumindest gebildete Menschen in Deutschland versuchen Vorurteile zu vermeiden. Sie sind gewohnt, sehr genau zu unterscheiden - nicht nur im Hinblick auf Migranten. Sie werden allerdings ärgerlich, wenn man ihnen ein in diesem Fall womöglich wichtiges Identitätsmerkmal, nämlich die Herkunft, verschweigen oder dieses kleinreden will.

Sie werden auch darum ärgerlich, weil das Verschweigen der Herkunft allen europäischen intellektuellen Traditionen und Standards Hohn spricht. Woher kommst Du? - das ist eine uralte, beileibe nicht nur europäische Frage. Sie ist auch nicht diskriminierend, sondern zutiefst menschlich, drückt Anteilnahme und Interesse aus.

Herkunft und Emanzipation

Die Frage nach der Herkunft ist aber auch philosophisch interessant: Ist es überhaupt möglich, den Menschen unabhängig von seiner Herkunft zu denken? Ist der Mensch vorstellbar ohne das ihn umgebende Koordinatensystem von Zeit und Raum? Falls ja: in welchem Maß? Inwieweit sind Menschen in der Lage, sich von ihrer Herkunft loszusagen?

Die Prägekraft der Herkunft gilt allgemein als so stark, dass alle Versuche, sich ihr zu entziehen, regelmäßig Bewunderung auslösen. Aufbruch, Emanzipation, Arbeit am Selbst - nicht umsonst sind dies zentrale Werte der Moderne. Inwieweit auch die Täter aus der Kölner Silvesternacht sich diese Werte zu eigen gemacht haben, scheint derzeit mindestens fraglich - um es zurückhaltend zu formulieren.

Das Gespenst des Rassismus

Das wird die meisten Deutschen aber nicht davon abhalten, die Debatte um Migration sowie die ins Land kommenden Flüchtlinge weiter mit der gebotenen Differenzierung zu verfolgen. Dabei legen sie allerdings Wert darauf, sämtliche Informationen zu erhalten - und nicht nur die, von denen allzu bußfertige Journalisten annehmen, sie seien gut für das gesellschaftliche Klima. Auf eine solche Zumutung reagieren die allermeisten Menschen allergisch.

Darum muss die Debatte offen und ohne Vorbehalte geführt werden. Denn das politische Gespenst des Rassismus, das die angeblich Wohlmeinenden verscheuchen wollen: Es wird durch anmaßende Bevormundung überhaupt erst herbeigelockt!

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DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika