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Dem Fahrrad gehört die Zukunft

Joscha Weber Bonn 9577
Joscha Weber
12. Juni 2017

Mit dem andauernden Boom des Autos schien das Fahrrad als wichtigstes Verkehrsmittel längst abgelöst. 200 Jahre nach seiner Erfindung kündigt sich aber eine erneute Renaissance an, glaubt DW-Sportredakteur Joscha Weber.

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Deutschland Radfahrer in München
Schnell ohne schwitzen: Das E-Bike eröffnet neue Perspektiven.Bild: picture-alliance/dpa/T. Hase

Das kann jetzt nicht wahr sein, oder? Von hinten nähert sich ein Radfahrer. Als passionierter Radsportler erkenne ich das Geräusch sofort. Das leise Surren der Kette verrät den "Konkurrenten", der da gerade von hinten aufschließt. Es geht berghoch, ich schwitze, fahre mit ordentlich Druck auf dem Pedal, wie wir Rennradfahrer das nennen. Und dennoch: Das Geräusch wird lauter, ich spüre, wie er sich "ransaugt". Dann überholt er mich und das an meinem Hausberg, in meinem Revier. Zu meiner Überraschung ist es kein austrainierter Profi, der da locker an mir vorbeizieht, sondern ein älterer Herr. Graues Haar, aufrecht sitzend, locker tretend, nicht schwitzend. Und anders als ich, nicht auf einem Rennrad, sondern auf einem Mountainbike. Mit E-Motor am Tretlager, war ja klar. Er grüßt schmunzelnd und zieht davon - das ist zu viel für meinen Rennfahrerstolz. Ich schalte runter, gehe in den Wiegetritt, jage im Vollsprint an ihn heran und wieder an ihm vorbei, erreiche die Bergkuppe als Erster. Und japse nach Luft. Verfluchte E-Bikes. Verfluchter Fortschritt.

Das Fahrrad wurde mit den E-Bikes, die streng genommen Pedelecs heißen, wieder einmal neu erfunden. Die kleinen Elektromotoren leisten 250 oder gar 500 Watt zusätzlich zur Tretleistung. Damit fährt ein Rentner mal eben genau so schnell den Berg hoch wie ich mit meinen 12.000 Trainingskilometern im Jahr. Kein Wunder, dass inzwischen allein in der Europäischen Union jährlich rund 1,5 Millionen E-Bikes verkauft werden. Die Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren vervierzehnfacht. Das Fahrrad, in vielen Wohlstandgesellschaften bereits als von gestern belächelt, ist wieder da. 200 Jahre nach dem ein gewisser Karl Drais auf seiner seltsam anmutenden Laufmaschine durch Mannheim fuhr, ist das Fahrrad noch immer eines der wichtigsten Fortbewegungsmittel. Manche Statistiken sagen sogar, es ist weltweit das am meisten genutzte Transportmittel. Und es gibt gute Gründe, dass es dabei bleibt.

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DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Das Fahrrad ist Vergangenheit und Zukunft zugleich"

Das Fahrrad ist Zeitgeist

Seit seinen Ursprüngen in der Werkstatt von Karl Drais hat sich das Fahrrad immer wieder weiterentwickelt und den gesellschaftlichen Vorlieben sowie Bedürfnissen angepasst: mal als repräsentatives Hochrad, dann als militärisch genutzter Lastenesel, später als geländegängiger Spaßbringer oder aerodynamisches Highspeedgerät, heute als elektrisch motorisierter Alleskönner, mit dem sogar Personen und Waren befördert werden. Der Evolutionstheoretiker Charles Darwin hätte seine helle Freude am Zweirad.

Schon seine Erfindung soll der Legende nach eine Antwort auf ein gesellschaftliches Problem gewesen sein: Ein Vulkan-Ausbruch 1815 im heutigen Indonesien führte zu einer globalen Klimakatastrophe mit Missernten und Hungerwinter. Die Folge: Nahrungsmittelknappheit und massenhaftes Pferdesterben. Ein wichtiges Transportmittel fehlte, das von Drais zu dieser Zeit erfundene Fahrrad sollte später an dessen Stelle treten. Die Geschichte könnte sich in Zukunft wiederholen: Knapp werdende fossile Ressourcen, eine hohe Abgasbelastung, die Folgen des Klimawandels und Platzmangel in den Metropolen werden dem Fahrrad zu einer erneuten Renaissance verhelfen. Das Fahrrad braucht wenig Raum, die erforderliche Infrastruktur ist im Vergleich zum Auto viel billiger und es befriedigt den Wunsch nach Individualverkehr. Bei den meisten Autofahrten sitzt ohnehin nur eine Person im Wagen, schon jetzt steigen deshalb Pendler auf das wirtschaftliche Fahrzeug um. Tendenz steigend: Zwei Drittel der Autofahrer in Deutschland können sich vorstellen, öfter aufs Fahrrad zu wechseln. Das Fahrrad ist also Vergangenheit und Zukunft zugleich. Und dank der E-Bikes sind nun auch alle damit schnell - auch wenn das ein Gedanke ist, an den ich mich noch gewöhnen muss.

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