Standpunkt

Kommentar: Flucht aus Sicht von Kinderaugen

Drei Viertel aller Kinder, die über das Mittelmeer flüchten, werden unterwegs missbraucht und ausgebeutet. Um Flüchtlinge besser zu schützen, müssen vor allem die Fluchtursachen bekämpft werden, meint Alexander Freund.

Mittelmeer Küste Libyen Rettungsaktion Flüchtlinge (Reuters/D. Zammit Lupi)

Es müssen furchtbare Dinge sein, die Kinder auf ihrer Flucht erlebt haben. In der jüngsten UNICEF-Studie benutzen sie in ihren Schilderungen Begriffe wie Folter, Erschießen, Töten, Vergewaltigung, Sklaverei. Drei Viertel aller Kinder, die über die Mittelmeer-Route nach Europa fliehen, werden missbraucht oder ausgebeutet. Ist ein Kind ohne schützende Familie oder Begleitung unterwegs, verdoppelt sich das Risiko. 

Diese Ergebnisse sind auch deshalb so schmerzlich, weil es die Schwächsten der Schwachen trifft. Was nicht bedeutet, dass erwachsene Flüchtlinge weniger zu erleiden hätten oder weniger Mitleid verdienten. Solche Erfahrungen hinterlassen fast immer schwere seelische Wunden. Viele Flüchtlinge leiden auch in ihrer neuen Heimat oftmals ein Leben lang unter Scham und Ausgrenzung, unter Angstzuständen, Schlafstörungen oder Depressionen. Trotzdem berührt uns das Leid von Kindern auf besondere Weise. Sie sind nun einmal besonders hilfsbedürftig und sie stehen für die Zukunft. 

Schlaglicht auf Kinder

Skeptiker halten solche erschütternden Berichte für übertrieben. Die Medien  fokussierten sich bei der Bildauswahl zu sehr auf Kinder.  Kameraleute würden vor allem Familien mit kleinen Kindern und großen Kulleraugen filmen, obwohl die große Mehrzahl aller Flüchtlinge junge, alleinstehende Männer seien. Hier werde ein falsches Bild der Flüchtlingskrise gezeigt, die "Lügenpresse" mache sich zum Sprachrohr einer falschen Willkommens-Kultur und sie ignorierten die Sorgen der Bevölkerung. Aber hier wird kein Zerrbild erzeugt: Flüchtende Kinder sind keine Minderheit. Fast 50 Millionen Kinder weltweit wachsen heute in der Fremde auf – mehr als die Hälfte von ihnen sind auf der Flucht vor Krieg und Gewalt.

Freund Alexander Kommentarbild App

Alexander Freund leitet die Asien-Programme der DW

Das UN-Kinderhilfswerk will mit seinem jüngsten Bericht über die Mittelmeer-Route die Europäische Union aufrütteln. Europa müsse sich um die hohe Zahl traumatisierter Kinder kümmern und sichere und legale Wege auf den Kontinent öffnen, fordert UNICEF. Dieser Appell ist durchaus berechtigt, denn bislang haben die europäischen Staaten keine überzeugenden Antworten auf die Flüchtlingskrise gefunden -  ganz im Gegenteil, sie sind zum Teil heillos zerstritten, und von einer solidarischen Lösung ist man weiter entfernt denn je. Aber es reicht nicht, den weiteren Zuzug einzudämmen, die Außengrenzen zu sichern, in den nordafrikanischen Staaten Auffanglager zu bauen und den Flüchtlingen noch vor der lebensgefährlichen Überfahrt in Schlauchbooten klar zu machen, dass sie keine Chance auf Asyl haben werden. 

Der Appell geht an Alle

Der Blick durch die Augen unschuldiger Kinder sollte aber nicht nur ein Appell für die Europäer sein, eine legale Einwanderung zu ermöglichen. Der Bericht ist auch eine Warnung an alle Eltern, wie gefährlich diese meist aussichtslose Flucht ist - für sie selbst und vor allem für ihre Kinder. Trotz aller Not und Verzweiflung sollten sie das Risiko einer illegalen Einwanderung nicht eingehen, weil sie auf ihrem Leidensweg den kriminellen Schleppern hilflos ausgesetzt sind und herzlose Menschen ihre Not auch noch ausnutzen. Nur bei einer legalen Migration besteht die Hoffnung auf eine sichere Flucht und eine realistische Bleibeperspektive. Dafür aber muss sich auch Europa schnell auf brauchbare Einwanderungsgesetze verständigen.

Gefordert sind auch die Verantwortlichen in den Transitländern, durch die die Flüchtlinge ins vermeidlich goldene Europa ziehen. Die Flüchtlinge haben in ihrer Not und Verzweiflung meist alles hinter sich gelassen und hoffen auf ein Stück Menschlichkeit. Die Flüchtlingskinder wollen wie alle Kinder spielen und lernen, sie brauchen Schutz und Unterstützung. Das müssen die Verantwortlichen in den Transitländern sicherstellen. 

Die größte Herausforderung aber wird sein, die eigentlichen Fluchtursachen in den Herkunftsländern wirksam zu bekämpfen und den Menschen dort eine Perspektive zu geben.  Auch Europa kann dabei noch mehr helfen. Das aber ist nicht nur Aufgabe Europas, sondern vor allem der Verantwortlichen in den Ländern, aus denen so viele verzweifelt fliehen. Mal hilft Geld, mal Unterstützung, mal Druck. Mal geht es schnell, wenn alle an einem Strang ziehen, mal dauert es Jahre. Aber mehr Einsatz wird sich lohnen, denn niemand verlässt freiwillig seine Heimat, solange es Hoffnung gibt - vor allem auch für die Kinder.

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