Standpunkt

Kommentar: Frauen in Afghanistan - Kein Name, keine Rechte

Frauen haben in Afghanistan keine Namen. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Eine Social-Media-Kampagne stellt diese Tradition nun in Frage. Doch es muss mehr passieren, meint Waslat Hasrat-Nazimi.

Afghanistan | Kampagne #WhereIsMyName (WhereIsMyName)

"Tochter von Gul Ahmad". "Mutter von Baryalai". "Frau von Taj Mohammad". Eine Frau im ultra-konservativen Afghanistan hat vieles, aber sie hat keinen Namen. Viele Männer würden sich lieber die Hand abhacken, als den Namen ihrer Frau zu nennen. Stattdessen heißt sie einfach die "Mutter der Kinder" oder "Mein Haushalt". Alles andere käme einer gravierenden Respektlosigkeit gleich. Selbst auf ihrem Grabstein wird der Name einer Frau nicht erwähnt.

Doch wer keinen Namen hat, kann auch keine Spuren hinterlassen. Selbst wenn eine afghanische Frau etwas Besonderes leistet, wird nicht ihr Name genannt, sondern nur der Name ihres Mannes, Vaters oder Sohnes. Damit gehören auch die Lorbeeren ihm. Im Gegenzug gilt: Löst eine Frau in den Augen der Gesellschaft einen Skandal aus, ist nicht nur ihr, sondern sind auch der Name der Männer ihrer Familie beschädigt. Die Konsequenz ist, dass Frauen viele Türen nach draußen verschlossen bleiben. Aus Angst vor einer möglichen Schande, die auch die Männer treffen würde.

Alles dreht sich um die Ehre des Mannes

Der Hintergrund ist ganz banal: Ehre oder "Namus" eines Mannes sind abhängig von der Ehre seiner Frau. Diese Tradition stammt aus vorislamischer Zeit und findet sich auch außerhalb Afghanistans. Beschützt ein Mann seine Frau erfolgreich vor äußeren Bedrohungen, darf er sich respektabel und ehrenwert nennen. Schafft er das hingegen nicht, hat er seine Ehre verloren und ist somit kein wirklicher Mann mehr. Um eine verlorene Ehre wiederherzustellen, scheut man selbst vor Gewalt nicht zurück: Steinigungen, Säureangriffe, das Abhacken von Körperteilen und selbst Mord sind nur einige der gesellschaftlich tolerierten Sanktionen gegenüber Frauen.

In vielen Kulturen werden Frauen in der Öffentlichkeit von Männern getrennt. In Afghanistan geht man noch einen Schritt weiter: Niemand darf den Namen einer Frau kennen, geschweige denn, sie zu Gesicht bekommen!

06.2015 DW News Expert Waslat Hasrat-Nazimi (Teaser)

DW-Redakteurin Waslat Hasrat-Nazimi

Wo ist mein Name?

Mit einer Kampagne in den sozialen Medien protestieren Frauen derzeit gegen genau diese Tradition. Unter dem Hashtag #WhereIsMyName fordern sie ein Recht auf eigene Identität als Frau und stellen somit ein tief verwurzeltes Tabu in Frage. Hunderte von Posts mit dem Hashtag von Frauen aus Afghanistan und aus dem Ausland fluteten Facebook und Twitter. Künstler und Politiker unterstützen die Kampagne, in dem sie Fotos von sich und Fotos ihrer Frauen teilen. Nur wenige Frauen trauen sich aber, ihre eigenen Fotos zu posten. Zu groß ist die Sorge vor Konsequenzen. Ein junger Mann schreibt: "Obwohl ich schon lange erwachsen bin, wusste ich bis vor kurzem nicht einmal den Namen meiner eigenen Mutter."

Die Kampagne zeigt vor allem eins: In keinem anderen Land der Welt sind Frauen derart unterdrückt wie in Afghanistan. Seit Jahren gilt das vom Krieg geschundene Land als das gefährlichste Land für Frauen überhaupt: Man geht davon aus, dass bereits mit 16 Jahren mehr als 60 Prozent der afghanischen Mädchen zwangsverheiratet sind. Nirgendwo sonst in der Welt liegt die Selbstmordrate von Frauen über der von Männern. Doch wie sollen all diese gravierenden Probleme verbessert werden, wenn es bereits als Unding gilt, dass eine Frau einen Namen hat? Was sagt das über die Stellung der Frau in einer Gesellschaft aus?

Über 15 Jahre ist es her, dass die NATO in Afghanistan einmarschiert ist. Seitdem wurden von der internationalen Gemeinschaft Millionen von US-Dollar in die Förderung von Frauenrechten gepumpt. Es ist eine Schande, dass trotz alledem die afghanischen Frauen heute immer noch ein Grundrecht einfordern müssen: das Recht auf ihre Identität!

Gewalt an Frauen in Afghanistan (picture-alliance/Photoshot)

Häusliche Gewalt: Misshandelte Frauen in einem Krankenhaus in Afghanistan

Frauenrechte ja, aber nicht bei mir zu Hause

Natürlich gibt es auch in Afghanistan Familien, in denen man sich diesen Traditionen nicht beugt. Meistens ist aber der gesellschaftliche Druck zu stark. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat seine christlich-libanesische Frau oft an seiner Seite -anders als seine Vorgänger, deren Frauen man nie in der Öffentlichkeit sah. Rula Ghani trat sogar in seinem Wahlkampf auf und hielt Reden für ihren Mann.

Viele gebildete und aufgeschlossene Männer haben diese Entwicklung begrüßt, doch ihre eigenen Frauen würden sie der Öffentlichkeit trotzdem im Leben nicht zeigen! Selbst auf öffentlich geteilten Hochzeitsfotos in Afghanistan sieht man zumeist nur den Bräutigam. Die Modernität vieler endet da, wo das Private anfängt. Eine Doppelmoral, die sich in Sachen Frauenrechte durch alle Bereiche zieht: So lange es nur um die Rechte anderer Frauen geht, unterstützt man das gerne. Aber zu Hause ist Schluss!

In einem Video des Senders RFE/RL werden junge Männer, die die Kampagne unterstützen, auf der Straße aufgefordert, die Namen ihrer weiblichen Familienmitglieder zu nennen. Alle sind verunsichert, und es ist ihnen sichtlich unbehaglich. Zwar widersetzt sich keiner, aber so ganz ohne weiteres will keiner die Namen nennen. Die meisten Namen klingen dann ausgedacht und erfunden. Wie bei vielen Dingen in Afghanistan existieren die meisten Fortschritte nur auf dem Papier. Doch die Realität sieht ganz anders aus.

Schluss mit der Heuchelei der Männer!

Mir drängt sich die Frage auf: Wie viel Geld wurde von der internationalen Gemeinschaft eigentlich in Projekte gesteckt, die eine Änderung der Mentalität der Männer anstrebt? Will man die Rechte der Frauen in Afghanistan wirklich stärken, muss man genau bei dieser männlichen Heuchelei ansetzen. Erst wenn ein afghanischer Mann auf Facebook stolz ein gemeinsames Hochzeitsfoto mit seiner Frau postet, kaufe ich ihm sein feministisches Engagement ab. Und die Krönung wäre, wenn er dann noch als Bildunterschrift dazu schreiben würde, wie stolz er nun ist, der Ehemann von Gul Mina zu sein.

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