Standpunkt

Kommentar: Literaturnobelpreis für Bob Dylan - Ein schlechter Tag für die Literatur!

Bob Dylan ist eine Ikone des Pop. Großartig seine Verdienste um die Musik und um die amerikanische Kultur. Aber den Literatur-Nobelpreis? Den hat er nicht verdient und braucht er auch nicht, meint Stefan Dege.

Sotheby's Versteigerung Bob Dylan Songtext (picture-alliance/AP Photo/F. Augstein)

Nobelpreiswürdige Literatur: Dylans Songtext "It's A Hard Rain's Gonna Fall" wurde bereits Sotheby's versteigert

Was hat die Juroren in Stockholm da nur geritten? Wen wollte das Nobel-Komitee beeindrucken? Es vergibt den Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan, den berühmtesten Singer-Songwriter unserer Tage. Es ehrt einen singenden Poeten statt eines schreibenden Literaten. Die Überraschung war kalkuliert, reine Effekthascherei, ein Anbiedern an die Dylan-Fangemeinde! Viele jubeln: Endlich Dylan! Was sie aber übersehen: Für die Literatur war das ein schlechter Tag.

Zwar zählte Dylan schon seit Jahren zu den Nobel-Kandidaten. Aber sein ewiger Kandidaten-Status reichte, um ihn und sein musikalisches Wirken zu würdigen: Dylan ist ein brillanter Texter. Er hat ein Prosa-Buch geschrieben und eine Autobiographie. Und gewiss hat seine Lyrik poetische Kraft. Aber wer wollte bestreiten, dass Dylans Texte ohne seine Musik kaum wirken? Bob Dylan ist und bleibt ein großer, wichtiger Musiker. Aber mit ihm erhält eben ein Musiker den wichtigsten Literaturpreis. Und kein Schriftsteller! Die Literatur selbst geht leer aus. Stockholm hat eine Chance vertan.

Dege Stefan Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Stefan Dege

Die Literaturwelt trauert

Auch wenn es manche nicht zugeben wollen: Die Literaturwelt trauert. Verlage, Schriftsteller, Leser - sie alle wurden um diesen Nobelpreis gebracht. Denn ein Literatur-Nobelpreis kann vieles sein - Anerkennung für ein literarisches Oeuvre wie im Falle von Günter Grass, Ermutigung für mutige Autoren wie die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch im vergangenen Jahr, ein politisches Signal wie im Falle des Chilenen Pablo Neruda - oder auch nur Leuchtturm in der nie versiegenden Bücherflut. Der Preis für Bob Dylan wirkt da wie ein schlecht bedachter Nostalgie-Award.

Überhaupt hat sich das Nobel-Komitee nicht mit Ruhm bekleckert. Die Wahl Dylans heißt doch: Wir konnten keinen Schriftsteller finden, der besser ist als dieser dichtende Musiker. Dieses Armutszeugnis hat die Literatur nicht verdient! Hilflos auch der Verweis auf die alten Griechen, die ihre Texte singend vortrugen. Erst recht fragwürdig ist der vermeintlich moderne, weitgefasste Literaturbegriff, den die Juroren propagieren. Aber es hilft nichts: Ein Songtext ist eben kein Gedicht, sondern ein Songtext.

Zahlreiche Alternativen für eine Erneuerung der Literatur

Wenn es Stockholm um die Erneuerung der Literatur geht - warum ehrt es dann nicht die junge US-Autorin und Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan? Oder den Nigerianer Teju Cole, die kanadische Dichterin Anne Carson? Alles große, literarische Stimmen ihrer Zunft. Warum wählte das Komitee nicht einen Schriftsteller aus den Entwicklungsländern? Von ihnen gibt es bis heute viel zu wenige unter den Nobelpreisträgern. Oder die Juroren hätten einen einen Schriftsteller wählen können, der sein literarisches Publikum überwiegend online versorgt.

Das alles passierte nicht. Stattdessen erhält nun ein Mann den Literatur-Nobelpreis, der nicht mehr weiß, wohin mit all den Preisen und Ehrungen. Fest steht: Bob Dylan braucht keinen Nobelpreis für Literatur, aber die Literatur braucht einen Nobelpreis. Die deutsche Autorin Sybille Berg twitterte augenzwinkernd über die Beliebigkeit der Nobel-Entscheidung: "Die Chancen für mich, den Physik-Nobelpreis zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht". Leider hat sie recht.

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